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18.12.2011

14:03 Uhr

Nach Krankheit

Tschechiens Ex-Präsident Havel gestorben

Abtritt eines politischen Schwergewichts: Der frühere tschechische Präsident Vaclav Havel ist im Alter von 75 Jahren gestorben. Havel kämpfte gegen das kommunistische Regime und organisierte den demokratischen Neubeginn.

Vaclav Havel ist am Sonntag gestorben. dapd

Vaclav Havel ist am Sonntag gestorben.

PragDer frühere tschechische Präsident und Dissident Vaclav Havel ist nach tschechischen Medienberichten im Alter von 75 Jahren in Prag gestorben. Das berichtete die Tageszeitung „Dnes“ am Sonntag auf ihrer Internetseite unter Berufung auf einen früheren Sprecher Havels.

Als Folge seiner jahrelangen Gefängnisaufenthalte unter dem kommunistischen Regime litt Havel unter einer chronischen Atemwegserkrankung. Zudem wurde er 1996 wegen Lungenkrebs operiert.  Havel war während der kommunistischen Ära in der Tschechoslowakei (1948-1989) die Schlüsselfigur im gewaltlosen Kampf gegen das Regime.

Der tschechische Ministerpräsident Petr Necas würdigte Havel als großen Staatsmann. Seinem Einsatz sei es zu verdanken, dass sich Tschechien in Richtung Westen orientiert habe. Havels Tod sei ein enormer Verlust, erklärte Necas nach Angaben der Agentur CTK. „Sein Wort hatte in Politik und Gesellschaft Gewicht“, sagte der Politiker. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel fand Worte der Anerkennung.

In einem Kondolenzschreiben würdigte sie Havel als „großen Europäer“. „Sein Einsatz für Freiheit und Demokratie bleibt ebenso unvergessen wie seine große Menschlichkeit. Gerade auch wir Deutsche haben ihm viel zu verdanken“, schrieb Merkel nach Angaben des Bundespresseamtes an Havels Nachfolger Vaclav Klaus.

Im Wendejahr 1989 wurde Havel zur Symbolfigur des demokratischen Aufbruchs. Von 1989 bis 1993 war er Präsident der damaligen Tschechoslowakei, anschließend bis 2003 Staatsoberhaupt der neu gegründeten Tschechischen Republik. Bis zu seinem Ausscheiden aus dem Amt betrieb Havel erfolgreich die Anbindung Tschechiens an Nato und EU. Vor und nach seiner Zeit als Präsident war er auch ein erfolgreicher Theaterautor.

Stationen eines kämpferischen Lebens

5. Oktober 1936

Vaclav Havel wird als Sohn eines Bauunternehmers geboren. Nach der kommunistischen Machtergreifung 1948 und der Verstaatlichung muss sein Vater als Büroangestellter arbeiten.

1951

Wegen seiner „bourgeoisen“ Herkunft wird Vaclav Havel an der Ausbildung gehindert. Von 1951 an absolviert er eine Lehre als Chemielaborant und holt 1954 an einem Abendgymnasium das Abitur nach.

1960

Von 1960 an arbeitet Havel am Prager „Theater am Geländer“ als Dramaturg und Hausautor. In seinen Dramen persifliert er das totalitäre Staatssystem und die Bürokratie.

1964

Havel heiratet Olga Splichalova. Sie stirbt 1996 an Krebs.

1968

Während des „Prager Frühlings“ engagiert sich Havel als Vorsitzender des „Clubs unabhängiger Schriftsteller“. Da für seine Werke ab 1968 im gesamten Ostblock ein Veröffentlichungsverbot gilt, verdient er sein Geld als Hilfsarbeiter in einer Brauerei. In den 70er Jahren spielen rund 60 deutschsprachige Bühnen seine Stücke mit großem Erfolg.

1977

Havel wird Mitbegründer und Sprecher der Menschen- und Bürgerrechtsbewegung „Charta 77“. In der Folgezeit wird er mehrfach festgenommen und wegen „staatsfeindlicher“ Aktivitäten zu insgesamt fünf Jahren Haft verurteilt.

Dezember 1989

Nach der „Samtenen Revolution“ wird Havel einstimmig zum ersten demokratisch gewählten Präsidenten der CSSR bestimmt.

Januar 1993

Nach dem Zerfall der Tschechoslowakei in zwei eigenständige Republiken wird der parteilose Havel vom Parlament in Prag zum Präsidenten der Tschechischen Republik gewählt.

Dezember 1996

Ärzte diagnostizieren bei Havel Lungenkrebs und entfernen ihm eine bösartige Geschwulst aus dem rechten Lungenflügel. In den Folgejahren muss sich Havel unter anderem einer Notoperation unterziehen.

Januar 1997

Havel heiratet die 43-jährige Schauspielerin Dagmar Veskrnova.

Januar 1998

Das Parlament wählt Havel in der zweiten Runde für eine letzte Amtszeit als Präsident wieder.

Februar 2003

Havel scheidet aus dem Amt.

Mai 2006

Mit seiner Autobiografie „Fassen Sie sich bitte kurz“ feiert Havel nach 15 Jahren ein Comeback als Schriftsteller.

Mai 2008

Die Premierenaufführung seines Stücks „Abgang“ im Prager Theater Archa wird von Publikum und Kritik begeistert aufgenommen.

Januar 2009

Nach der Entfernung eines Abszesses im Halsbereich verschlechtert sich Havels Zustand dramatisch. Die Ärzte fürchten wegen einer Lungenentzündung um sein Leben.

Sommer 2010

In der für ihn neuen Rolle des Regisseurs verfilmt Havel auf einem Schloss in Nordböhmen seine Tragikomödie „Abgang“.

März 2011

Havel wird mit einer akuten Lungenentzündung in ein Prager Krankenhaus eingeliefert. Nach der Behandlung mit Antibiotika verlässt er die Klinik, um wenige Tage später im Prager Lucerna-Kino sein Debüt als Filmregisseur zu präsentieren. Die Verfilmung seines Theaterstücks „Abgang“ erhält gemischte Kritiken.

Ende März 2011

Havel zieht sich zur Erholung von seiner jüngsten Lungenentzündung aufs Land zurück. Auf Anraten seiner Ärzte sagt er alle Termine ab.

Dezember 2011

Havel richtet einen Appell an die Öffentlichkeit, Dissidenten in aller Welt zu unterstützen. Mitunterzeichner sind der Dalai Lama, das geistige Oberhaupt der Tibeter, und der französische Ex-Außenminister Bernard Kouchner.

18. Dezember 2011

Havel stirbt auf seinem Gut nahe dem ostböhmischen Ort Hradecek.

Von

dpa

Kommentare (1)

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Maxwell

18.12.2011, 12:40 Uhr

Ich hätte mir einen Präsidenten wie Havel in Deutschland gewünscht.Ruhe in Frieden Mr.Präsident.

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