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22.06.2015

18:44 Uhr

Nach Mansur-Verhaftung

Das Verschwinden von Ägyptens Jugend

VonMartin Gehlen

In Ägypten herrscht ein Klima der Angst. Offenbar macht die Staatssicherheit mit Dissidenten kurzen Prozess, verschleppt und foltert gerade junge Widerständler. Die Aktionen erinnern an einen anderen „schmutzigen Krieg“.

Das Vorgehen der Staatssicherheit zeige, dass „Ägypten eine Repression erlebt wie seit Jahrzehnten nicht mehr“, urteilte Joe Stark, bei „Human Rights Watch“ Vizedirektor für Nordafrika und den Mittleren Osten. dpa

Ägypten in Aufruhr

Das Vorgehen der Staatssicherheit zeige, dass „Ägypten eine Repression erlebt wie seit Jahrzehnten nicht mehr“, urteilte Joe Stark, bei „Human Rights Watch“ Vizedirektor für Nordafrika und den Mittleren Osten.

KairoEman Gad war in der ersten Ramadannacht auf dem Weg nach Hause, als plötzlich Männer aus dem Dunkel auftauchten und die 20-Jährige in ein Auto zerrten und mit ihr davonrasten. Bis in die frühen Morgenstunden suchten Freunde und Verwandte in Panik alle Polizeistationen im Sayeda Zeinab Viertel von Kairo nach der Verschwundenen ab – ohne Erfolg. Ihr letztes Lebenszeichen war ein kurzer Anruf bei einer Freundin. „Ich bin in einem dunklen Raum gefangen“, konnte die Studentin noch sagen, seitdem ist ihr Handy stumm.

Eman Gad ist kein Einzelfall. Seit mehreren Wochen erlebt Ägypten eine Welle von gewaltsamen Entführungen von Dissidenten durch Staatssicherheit und Geheimdienst, die an den „schmutzigen Krieg“ der chilenischen Militärdiktatur von Augusto Pinochet erinnern.

Der Aufstieg und Fall von Mohammed Mursi

4. November

In Kairo beginnt der Strafprozess gegen Mursi. Anhänger haben im Vorfeld zu Protesten aufgerufen.

28. und 29. Oktober

Mursi lehnt eine Woche vor Beginn des Prozesses gegen ihn die Rechtmäßigkeit des Gerichts ab. Einen Tag später platzt ein Prozess gegen die Führungsriege der Muslimbrüder wegen Anstiftung zum Mord. Die Richter erklären sich für befangen.

4. Oktober

Muslimbrüder beginnen dreitägige Proteste gegen Mursis Entmachtung, in Ägypten werden dabei mehr als 50 Menschen getötet.

23. September

Ein Gericht in Kairo erklärt die Muslimbruderschaft und alle Ableger der Organisation für illegal.

19. August

Die Staatsanwaltschaft leitet gegen Mursi Ermittlungen wegen Verantwortung für die Tötung von Demonstranten im Dezember 2012 ein. Später folgt eine Anklage wegen Beleidigung der Justiz.

14. August

Bei der Räumung von Protestlagern mit Tausenden Mursi- Anhängern gibt es nach Regierungsangeben mehr als 600 Tote. Eine Verhaftungswelle hochrangiger Muslimbrüder setzt ein.

8. August

Zum Ende des Fastenmonats Ramadan fordern Zehntausende Islamisten die Wiedereinsetzung Mursis.

3. August

Die Muslimbrüder bestehen darauf, dass Mursi wieder als Präsident eingesetzt wird.

26. und 27. Juli

Mursi wird des Landesverrats beschuldigt und kommt in Untersuchungshaft.

3. und 4. Juli

Nach den Massenprotesten setzt das Militär Mursi ab und stellt ihn unter Arrest. Der oberste Verfassungsrichter Adli Mansur wird Übergangspräsident. Mursi-Anhänger beginnen einen Dauerprotest.

30. Juni

Eine Unterschriftenkampagne der Initiative „Tamarud“ (Rebellion), mit der Mursi zum Rücktritt gezwungen werden soll, gipfelt in Massenprotesten Hunderttausender.

2. Juni

Das oberste Verfassungsgericht verkündet, dass die von Mursi durchgeboxte Verfassung unter nicht gesetzeskonformen Umständen zustande gekommen ist.

29. November 2012

Im Eilverfahren peitscht das von Islamisten dominierte Verfassungskomitee Mursis Entwurf einer neuen Verfassung durch. In Massenprotesten demonstriert die Opposition gegen eine schleichende Islamisierung.

24. Juni 2012

Die Wahlkommission erklärt den Kandidaten der Muslimbruderschaft, Mohammed Mursi, zum Sieger der Präsidentenwahl. Quelle: dpa

Mindestens 163 Studenten, Muslimbrüder und Demokratie-Aktivisten sind nach Angaben der Menschenrechtsorganisation „Freedom for the Brave“ seit Anfang April verschwunden – verhaftet auf der Straße oder zu Hause, in Restaurants oder beim Sport, in Universitäten oder Schulen.

„Es sind in Ägypten auch schon früher Menschen verschwunden, aber niemals in einem solchen Ausmaß“, erklärte „Freedom for the Brave“-Sprecher Abdel Hamid. Die „Egyptian Coordination of Rights and Freedoms“, die vor allem die Schicksale verschwundener Muslimbrüder dokumentiert, geht im gleichen Zeitraum sogar von mehr als 400 Fällen aus. Auf Facebook zirkulieren ebenfalls immer längere Listen. Die Dunkelziffer dürfte noch wesentlich höher liegen, weil viele Familien sich scheuen, an die Öffentlichkeit zu gehen.

Islam Ateeto wurde nach Berichten von Augenzeugen während der Examensklausur von Unbekannten aus dem Hörsaal der Ain Shams Universität in Kairo geholt. Am nächsten Tag fanden Passanten die verstümmelte und mit Kugeln durchsiebte Leiche des 23 Jahre alten Ingenieur-Studenten an einer Ausfallstraße 18 Kilometer vom Campus entfernt.

Andere Opfer wurden von Unbekannten schwer zugerichtet nachts vor Notaufnahmen von Krankenhäusern abgelegt. Insgesamt 64 Verschwundene sind mittlerweile wieder aufgetaucht, die meisten brutal gefoltert und stark verstört.

Kommentare (2)

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Frau Ich Kritisch

22.06.2015, 19:00 Uhr

und Deutschland verhaften einen von Ägypten gesuchten Journalisten...

wie kann das sein?

selbst wenn der Mann inzwischen wieder frei ist sollten die Medien da doch mal nachbohren.

Account gelöscht!

22.06.2015, 19:54 Uhr

Man sollte bei der politischen Sause über Ägypten nicht ganz vergessen, daß die Gegner dieser Regierung weitgehend Islamisten der alten Mursi-Clique sein dürften, die über Leichen gehen und Demokratie mit Füßen treten - um es vorsichtig zu sagen.

Die finden sich ebenso bei den Massenmördern des IS in der arabischen Welt wie auch in deren Propagandaabteilungen. Gerade Ägypten ist historisch vorsichtig zu beurteilen. Pauschalitäten haben dort nichts zu suchen.

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