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09.04.2006

15:57 Uhr

Nach Medienberichten

USA dementieren Kriegspläne halbherzig

Die US-Regierung prüft US-Medienberichten zufolge derzeit intensiv alle Kriegsoptionen gegen den Iran. Nach Informationen eines renommierten Journalisten beinhalten die Pläne auch einen möglichen Einsatz von Atomwaffen.

HB WASHINGTON/TEHERAN. Wie der Enthüllungsjournalist Seymour Hersh in einem Beitrag für das Magazin „New Yorker“ schreibt, erwägen die USA, eine unterirdische Atomanlage mit taktischen Nuklearwaffen zu zerstören. Das US-Präsidialamt dementierte den Bericht nicht ausdrücklich, bekräftigte aber, es strebe nach einer diplomatischen Lösung im Atomstreit mit der Islamischen Republik. Der Iran bezeichnete den Bericht am Sonntag als Teil eines „psychologischen Krieges“, von dem sich das Land aber nicht einschüchtern lasse. „Wir sind bereit, es mit jedem möglichen Szenario aufzunehmen“, sagte ein Außenamtssprecher.

In seinem „New Yorker“-Artikel für die Ausgabe vom 17. April zitiert Hersh gegenwärtige und ehemalige US-Geheimdienstmitarbeiter und Militärs. Nach ihrer Darstellung sieht die US-Regierung in zunehmendem Maße einen Regierungswechsel im Iran als entscheidendes Ziel im Streit um dessen Atomprogramm. „Das Weiße Haus glaubt, dass der einzige Weg zur Lösung des Problems darin besteht, die Machtstruktur im Iran zu ändern - und das bedeutet Krieg“, zitiert Hersh einen ranghohen Berater im Verteidigungsministerium, ohne ihn namentlich zu nennen.

Das Präsidialamt wies den Bericht nicht explizit als falsch zurück. „Wir haben nicht die Absicht, über militärische Planungen zu diskutieren“, sagte Sprecher Blair Jones. Der Sprecher des iranischen Außenministeriums erklärte: „Das ist ein psychologischer Krieg, den die USA gestartet haben, weil sie wütend und verzweifelt sind wegen Irans Atomprogramm.“ Die Regierung in Teheran halte aber an ihrem Recht auf friedliche Nutzung von Kernenergie fest. Iran wolle weiter mit der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) zusammenarbeiten. In diesem Zusammenhang werde IAEA-Chef Mohamed ElBaradei für Freitag in Teheran erwartet, fügte der Sprecher hinzu.

Dem Hersh-Bericht zufolge hat die US-Regierung ihre verdeckten Operationen im Iran verstärkt und eine Reihe von Gesprächen über ihre Pläne mit einigen entscheidenden Kongressmitgliedern geführt. Ein früherer ranghoher Vertreter des Verteidigungsministeriums wird mit dem Worten zitiert, führende Militärs glaubten, ein intensives Bombardement würde die iranische Führung demütigen und die Iraner ermutigen, sie zu stürzen. Dem Bericht zufolge erwägt das US-Militär zudem ernsthaft, atomare bunkerbrechende Bomben einzusetzen, um das südlich von Teheran liegende Zentrifugenwerk von Natans zu zerstören.

Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen (UN) hat ElBaradei aufgefordert, bis Ende April einen Bericht zu verfassen, der Irans Entgegenkommen im Streit um dessen Atomprogramm prüfen soll. Der UN-Sicherheitsrat und die IAEA haben den Iran aufgerufen, die Urananreicherung im Land zu stoppen. Je nach Grad der Anreicherung kann das radioaktive Material zur Gewinnung von Kernenergie oder zum Bau von Atombomben genutzt werden. Während westliche Regierungen dem Iran vorwerfen, nach Nuklearwaffen zu streben, weist das Land diese Anschuldigungen zurück und pocht auf sein Recht auf Kernenergie.

Hersh hat 1970 den Pulitzer-Preis für die Aufdeckung des Massakers von US-Soldaten an Vietnamesen in My Lai erhalten. Sein Bericht über Misshandlungen irakischer Häftlinge durch US-Soldaten im Gefängnis Abu Ghraib hat dazu beigetragen, einen der schwersten Skandale der Bush-Regierung aufzudecken.

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