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16.07.2015

20:06 Uhr

Nach Rückkehr aus Syrien

Deutscher Islamist verurteilt IS-Miliz

Fertig sei er mit der Miliz, berichtet ein deutscher Aussteiger der Terrorgruppe Islamischer Staat. Weil er in Verdacht geriet, ein Spion zu sein, verbrachte er seine Zeit in Syrien in Haft. Nun packt er aus.

Wegen der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung wird Ebrahim B. im August vorm Oberlandesgericht Celle der Prozess gemacht. dpa

Anklage

Wegen der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung wird Ebrahim B. im August vorm Oberlandesgericht Celle der Prozess gemacht.

MünchenEin inhaftierter deutscher Islamist und Syrien-Rückkehrer hat der Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) Gräueltaten und Paranoia vorgeworfen. „Der Islamische Staat hat nichts mit dem Islam zu tun“, das Gefängnis in Deutschland sei ihm „lieber als Freiheit in Syrien“, sagte der 26-jährige Wolfsburger Ebrahim B. in einem am Donnerstag veröffentlichten Interview mit „Süddeutscher Zeitung“, NDR und WDR. Er sei fertig mit der IS-Miliz.

Es sei das erste Mal, dass sich ein deutscher IS-Kämpfer öffentlich gegen die Gruppe stelle, berichteten die drei Medien. In dem Interview sagte Ebrahim B., weil er in den Verdacht geriet, ein Spion zu sein, sei er in eine blutverschmierte Zelle gesperrt worden. Eine Leiche mit abgetrenntem Kopf sei zu ihm gebracht worden.

Bei der IS-Miliz gebe es eine Art Verfassungsschutz, in dem deutsche Kämpfer das Sagen hätten, sagte der 26-Jährige dem Bericht zufolge bei der Polizei aus. Die Angst beim IS vor Spionen gleiche einer Paranoia. Er selbst sei wohl unter Verdacht geraten, weil er Mitglied der SPD sei.

Der gelernte Massagetherapeut hatte sich nach Angaben der Medien im Sommer 2014 in Syrien und im Irak aufgehalten. Er gehört demnach zu einer Gruppe von etwa 20 Wolfsburger Islamisten, die sich seit 2013 auf den Weg ins Kriegsgebiet gemacht haben. Ebrahim B. ist seit Mai wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung angeklagt. Im August soll ihm vor dem Oberlandesgericht Celle der Prozess gemacht werden.

Glossar – der politische Islam

Einen einheitlichen Islam...

… gibt es nicht. Die Religion hat etwa 1,6 Milliarden Anhänger weltweit. Doch die regional unterschiedlichen Spielarten des Glaubens variieren stark. Die meisten Muslime leben beispielsweise nicht etwa in einem Land auf der arabischen Halbinsel, sondern in Indonesien. Dort sind mit knapp 13 Prozent aller Muslime der Welt so viele Gläubige beheimatet wie in keinem anderen Staat.

Die Verwendung...

… von Begriffen wie Islamismus, politischem Islam, Fundamentalismus, radikalem Islam und Dschihadismus erfolgt in der Debatte oft nicht trennscharf. Seit den Anschlägen vom 11. September 2001 werden sie oftmals synonym und wenig trennscharf verwendet. Meist sollen mit „Islamismus“ solche fanatischen und gewalttätigen Gruppen mit terroristischer Ausrichtung erfasst werden, die sich auf den Islam beziehen.

Islamismus...

… bzw. Islamisten stehen für für alle politischen Auffassungen und Handlungen, die im Namen des Islams die Errichtung einer allein religiös legitimierten Gesellschafts- und Staatsordnung anstreben.

Problematisch ist,...

… dass gerade späteren Strömungen die Absicht eigen ist, den Islam nicht nur zur verbindlichen Leitlinie für das individuelle, sondern auch für das gesellschaftliche Leben zu machen. Oft geht das einher mit einer Ablehnung der Trennung von Religion, was ein Spannungsverhältnis schafft zu den Prinzipien von Individualität, Menschenrechten, Pluralismus, Säkularität und Volkssouveränität.

Friedliche Islamisten...

… sehen die Gewaltanwendung zur Durchsetzung ihres Ziels – der Errichtung eines islamischen Staats - nicht als ihr vorrangiges politisches Instrument.

Als Mittel des Widerstands...

… haben sich islamistische Strömungen allerdings in vielen Staaten entwickelt. Grobe Faustregel: Je stärker sie unterdrückt wurden, desto eher neigten sie zur Radikalisierung und einer Fokussierung auf den bewaffneten Kampf. So etwa in Syrien und in Ägypten.

Terrorismus...

… ist daher eines von mehreren Mitteln und Handlungsstilen, die Islamisten benutzen. Andere Beispiele sind Parteipolitik und Sozialarbeit.

Der Dschihad...

… bedeutet wörtlich „Anstrengung, Kampf, Bemühung, Einsatz“ für Gott, nicht Gotteskrieg. Man muss unterscheiden zwischen dem „großen Dschihad“ als Kampf gegen sich selbst, also umgangssprachlich gesagt Überwindung des eigenen „inneren Schweinehundes“ und dem „kleinen Dschihad“, dem Kampf im militärischen Sinne. Die Übersetzung von Dschihadisten als „Gotteskrieger“ verzerrt den Begriff daher, weil es einen einseitigen Fokus auf den bewaffneten Kampf legt.

Von

afp

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