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05.06.2013

09:08 Uhr

Nach Schlacht um Al-Kusair

Zivilisten fliehen über die „Straße des Todes“

Drei Wochen lang tobte die Schlacht um die Kleinstadt Al-Kusair. Nun ist die strategisch wichtige Region in der Hand der Armee. Unter den letzten fliehenden Zivilisten sind junge Frauen, die auf Rache sinnen.

Syrische Regierungstruppen in der Nähe der Stadt Al-Kusair. Reuters

Syrische Regierungstruppen in der Nähe der Stadt Al-Kusair.

Arsal„Wir haben die Granaten ertragen und die Luftangriffe, aber erst als uns das Brot ausging und die Kämpfer der Partei kamen, sind wir geflohen“, sagt Fatima al-Suhuri. „Die Partei“ das ist die vom Iran aufgerüstete libanesische Schiiten-Partei Hisbollah, die in Syrien an der Seite des Regimes von Präsident Baschar al-Assad kämpft. Die 26 Jahre alte Sachkunde-Lehrerin und ihre beiden Söhne gehören zu den letzten Zivilisten, die in der seit Wochen umkämpften Kleinstadt Al-Kusair ausgeharrt hatten.

Vor zehn Tagen sind sie, ihre Schwester, ihr Vater und zwei Cousinen mit einer Schar von Kleinkindern in den Libanon geflohen. Voller Angst um die zurückgelassenen Männer der Familie verfolgen sie die Nachrichten aus Al-Kusair, wo die Regierungstruppen jetzt zusammen mit der Hisbollah ins Stadtzentrum vorgedrungen sind.

Fatima al-Suhuris Erinnerung an die angstvollen Stunden im Auto ist noch frisch: „Drei Tage lang waren wir unterwegs auf der Straße des Todes, wir konnten immer nur nachts fahren, damit uns kein Heckenschütze trifft.“ Panik kam auf, als einer der Fahrer in ihrem Konvoi einmal versehentlich die Scheinwerfer anschaltete. Sie gerieten unter Beschuss, liefen aus den Autos und versteckten sich in einem Bauernhof. Für die Strecke, die sie zurückgelegt haben, braucht man in normalen Zeiten nur 45 Minuten.

Zwei Jahre blutiger Kampf um die Macht

15. März 2011:

Erste Protestdemonstration in der syrischen Hauptstadt Damaskus gegen das Regime von Präsident Baschar al-Assad.

18. März:

Tausende demonstrieren gegen Assad, es gibt Tote. Am 22. April gehen 100 000 auf die Straße, mindestens 112 sterben.

23. Juni:

Nach Einschlägen syrischer Granaten auf türkischem Gebiet schießt Syrien nahe der Stadt Latakia einen türkischen Militärjet ab. Ankara stationiert daraufhin Raketenabwehrsysteme an der Grenze.

31. Juli:

Das Regime erobert die Widerstandshochburg Hama. Laut Opposition sterben mindestens 100 Menschen.

3. August:

Der UN-Sicherheitsrat einigt sich auf eine „Präsidentielle Erklärung“ zur Verurteilung des Regimes in Damaskus. Eine gewichtigere Resolution scheitert am Veto Russlands und Chinas. Beide Länder blockieren in den folgenden Monaten zwei weitere Resolutionen.

2. Oktober:

Die syrische Opposition bildet einen Nationalrat.

22. Dezember:

Erste Beobachter der Arabischen Liga treffen in Syrien ein. Vier Wochen später wird ihr Einsatz wegen der Gewalt beendet.

23. Dezember:

In Damaskus sterben bei den ersten Selbstmordanschlägen im Bürgerkrieg mindestens 44 Menschen, mehr als 160 werden verletzt.

4. Februar 2012:

Aus der Protesthochburg Homs wird das schlimmste Blutbad seit Beginn der Proteste gemeldet. Hunderte Menschen sterben.

13. Februar:

Das Regime weist den Vorschlag der Arabischen Liga zurück, UN-Friedenstruppen nach Syrien zu schicken. Kurz darauf nennt Assad den 26. Februar als Termin für ein Verfassungsreferendum. Die Verfassung tritt am 28. Februar in Kraft.

25. Februar:

In Tunis gründen mehr als 60 Staaten die „Freundesgruppe“ für ein demokratisches Syrien.

27. März: Syrien akzeptiert den Friedensplan des Sondergesandten Kofi Annan, der eine von den UN beobachtete Waffenruhe vorsieht.

25. Mai:

Bei einem Massaker im Ort Al-Hula kommen mehr als 100 Zivilisten ums Leben.

13. Juli:

Nach Angaben der Opposition sollen bei einem Massaker nahe Hama bis zu 250 Menschen von Regierungstruppen getötet worden sein.

18. Juli:

Bei einem Bombenanschlag der Rebellen auf den nationalen Krisenstab kommen mehrere Mitglieder der syrischen Führung ums Leben - darunter der Verteidigungsminister und Assads Schwager.

2. August:

UN-Vermittler Annan gibt auf. Es werden neue Massaker an syrischen Zivilisten gemeldet.

16. August:

Wegen der ausufernden Gewalt wird die UN-Beobachtermission beendet.

24. Oktober:

Der algerische Diplomat Lakhdar Brahimi als neuer UN-Vermittler erklärt, beide Seiten seien zu einer Feuerpause bereit. Die auf vier Tage angelegte Waffenruhe hält keine drei Stunden.

11. November:

Regimegegner bilden die „Nationale Koalition“ und wählen den Prediger Ahmed Muas Al-Chatib zum Vorsitzenden. Zuvor gab der Syrische Nationalrat Ansprüche auf eine Vormachtstellung auf.

6. Januar 2013:

Assad will mit einer nationalen Mobilmachung seinen Sturz verhindern. Er verspricht in seiner ersten öffentlichen Rede seit sieben Monaten Reformen, eine neue Verfassung und Regierung. Eine politische Lösung mit bewaffneten Rebellen schließt er aus.

28. Januar:

Die Nato schützt die Türkei mit „Patriot“- Raketenabwehrstaffeln vor Angriffen aus Syrien. Zur Durchsetzung einer Flugverbotszone über Syrien dürfen sie nicht eingesetzt werden.

21. Februar:

In Damaskus kommen bei einem Bombenanschlag nahe der Zentrale von Assads Baath-Partei mindestens 53 Menschen ums Leben. Das Hauptquartier des Militärs wird mit Granaten beschossen.

28. Februar:

Die Staaten der „Freundesgruppe“ wollen Syriens Opposition politisch und finanziell helfen, aber keine Waffen liefern.

3. März:

Assad lehnt einen Gang ins Exil weiterhin ab. Im Interview mit der britischen Zeitung „Sunday Times“ zeigt er Bereitschaft zu Gesprächen mit der Opposition. Voraussetzung sei aber, dass Militante ihre Waffen niederlegten.

5. März:

Syrische Rebellen melden die Einnahme der Stadt Al-Rakka. Für die von den Rebellen kontrollierten Gebiete in der Provinz Aleppo lassen Oppositionsparteien erstmals lokale Vertretungen wählen.

9. März:

Nach drei Tagen in der Hand syrischer Rebellen sind 21 Blauhelm-Soldaten wieder auf freiem Fuß.

Die Lehrerin trägt ein gemustertes Kopftuch und einen fliederfarbenen Mantel über ihrer Jeans. In ihrem Schoß hält die schlanke Frau den zweijährigen Ali, der mit angstvoll aufgerissenen Augen zu ihr aufblickt. Sein Bruder Omar (5) liefert sich derweil mit einem selbst gebastelten Schwert ein Duell mit einem anderen Flüchtlingskind, das eine dünne Eisenstange vor der Brust hält. Die Schwester meldet sich zu Wort. Die Stimme der blassen jungen Frau zittert vor Wut: „Nachdem wir immer wieder versucht hatten, auf Nebenstraßen zur Grenze zu gelangen, haben uns die Revolutionäre gesagt, es gibt keinen anderen Weg, ihr müsst zu Fuß an der Straßensperre des Regimes vorbei.“

Die Soldaten ließen ihre Kleider von einer Frau durchsuchen. Dann durften sie passieren. „Die Soldaten riefen uns hinterher: „Hoffentlich kehrt ihr als Witwen zurück!“, erinnern sich die Frauen. Sie haben zusammen mit anderen Flüchtlingsfrauen aus der syrischen Stadt Homs in der libanesischen Kleinstadt Arsal ein umgebautes Ladenlokal gemietet. Ihre Ehemänner und Brüder sind in Al-Kusair geblieben, um zu kämpfen.

Kommentare (4)

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Account gelöscht!

05.06.2013, 10:39 Uhr

" ...die vom Iran aufgerüstete libanesische Schiiten-Partei Hisbollah, die in Syrien an der Seite des Regimes von Präsident Baschar al-Assad kämpft. " Das sagt doch schon alles.

Account gelöscht!

05.06.2013, 10:44 Uhr

" Sie weiß nicht, wohin mit ihrer Wut „auf die Hisbollah und auf die arabischen Herrscher, die zuschauen, wie unser Volk getötet wird“. " ... und die gesamten europäischen Staaten, die aus Angst vor diplomatischen Verwicklungen mit Mütterchen Russland und der wirtschaftlichen Bedrohungsmacht China keine Waffen an die " Rebellen " liefert.

AxelSiegler

05.06.2013, 12:37 Uhr

@SANTOS: welchen Baum bellen Sie hier an!!? Immer gleich das Bein am westlichen Baum heben, wenn der es doch verpasst, jemanden zu pampern! HABEN DIE SYRIER AUCH NUR EIN EINZIGESMAL UNS GEHOLFEN!!? Die Rebellen dort unten sind nicht besser als das Assad-Regime - eher noch unappetitlicher! (...)

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