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28.06.2015

21:45 Uhr

Nach Terroranschlag

Tunesien will Urlaubsorte mit hunderten Polizisten schützen

Nach dem blutigen Anschlag auf ein Strandhotel wollen tunesische Behörden hunderte bewaffnete Polizisten an die Urlaubsorte schicken. Tausende Touristen haben das Land verlassen. Unter den 38 Toten ist ein Deutscher.

Deutscher unter Todesopfern

Touristen flüchten nach IS-Anschlag aus Tunesien

Deutscher unter Todesopfern: Touristen flüchten nach IS-Anschlag aus Tunesien

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Port el KantaouiNach dem blutigen Anschlag auf ein Strandhotel in Tunesien wollen die tunesischen Behörden hunderte bewaffnete Polizisten zum Schutz der Urlaubsorte abstellen. Bereits am Sonntag patrouillierten Sicherheitskräfte auf Pferden und Geländefahrzeugen an dem Strand in Port El Kantaoui nahe Sousse, wo ein Attentäter am Freitag 38 Menschen, darunter mindestens ein Deutscher, getötet hatte. Tausende Urlauber verließen das Land am Wochenende unter dem Eindruck des Anschlags.

Ab dem 1. Juli sollten tausend bewaffnete Polizeibeamte zur Verstärkung der Tourismuspolizei abgestellt werden, erklärte das Tourismusministerium in Tunis. Bewaffnete Sicherheitskräfte sollten in und außerhalb von Hotels, an Stränden und archäologischen Stätten patrouillieren.

Nach einer Sitzung des Nationalen Sicherheitsrates erklärte Präsident Beji Caid Essebsi, „größere Wachsamkeit“ sei notwendig, und forderte die Regierung zur Prüfung „außergewöhnlicher Maßnahmen“ im Kampf gegen künftige Bedrohungen auf. Bereits zuvor hatten die Behörden die Schließung von 80 Moscheen angekündigt, denen Förderung des Extremismus vorgeworfen wird.

Tausende Urlauber verlassen derzeit fluchtartig das Land. Allein in der Nacht zum Samstag gingen 13 Flüge vom Flughafen Enfidha bei Sousse in Richtung Europa. Bis Sonntag wollten britische Reiseveranstalter 2500 Touristen heimbringen, der belgische Anbieter Jetair sprach von 2000 Urlaubern.

Noch in der Nacht zum Samstag trafen hunderte Urlauber am Flughafen von Enfidha ein. Der Reisekonzern TUI erklärte, 80 Gäste seien nach Deutschland zurückgekehrt. Bis Sonntag würden 120 weitere Urlauber heimfliegen. Mehr als 300 Urlauber hätten zudem gebeten, ihren Sommerurlaub in Tunesien umzubuchen. Laut dem britischen Reiseanbieterverband waren zur Tatzeit allein 20.000 britische Urlauber im Rahmen organisierter Reisen in Tunesien.

Die Terrorgruppe Islamischer Staat

Ziel

Die Organisation Islamischer Staat (IS), früher Islamischer Staat im Irak und in Syrien (Isis) genannt, gehört zu den radikalsten islamistischen Gruppen im Nahen Osten. Sie kämpft für einen sunnitischen Gottesstaat im arabischen Raum.

Ursprung

Der IS ging aus dem irakischen Widerstand der 2003 gegründeten Gruppe „Tawhid und Dschihad“ hervor, die sich gegen die US-Invasion im Irak wandte. Erster Anführer war der für seine Grausamkeit berüchtigte Jordanier Abu Mussab al-Sarkawi. Seit 2013 leitet der Iraker Abu Bakr al-Baghdadi den IS.

Aktivitäten

Die Gruppe griff Im Irak nicht nur US-Soldaten an, sondern verübte auch Selbstmordanschläge auf Schiiten und Christen im Land. Al-Sarkawi wurde 2006 von der US-Armee getötet. Seither führen Iraker die Organisation. Deren zweiter früherer Name „Islamischer Staat im Irak und der Levante“ verdeutlicht den Anspruch, einen sunnitischen Großstaat zwischen Mittelmeer und Euphrat zu errichten.

Entwicklung

An Macht gewann der IS, als sie sich im Frühjahr 2013 in den syrischen Bürgerkrieg einmischte. Dort überwarf sie sich mit der aus syrischen Salafisten bestehenden Al-Nusra-Front, obwohl beide Gruppen damals dem Terrornetzwerk al-Qaida nahestanden.

Standorte

Vor allem im Nordosten Syriens greift der IS syrisch-kurdische Städte an und massakriert die Zivilbevölkerung. Im Irak profitiert die Miliz vom Streit der von Schiiten dominierten irakischen Regierung mit den sunnitischen Parteien des Landes. Am 29. Juni rief der IS das Kalifat in den von im kontrollierten Gebieten aus – mit al-Baghdadi als Kalif.

Finanzierung

Der IS finanzierte sich anfangs vor allem durch Spenden aus den Golfstaaten Katar und Saudi-Arabien, aber auch durch Wegzölle entlang der Grenzen zwischen Irak und Syrien. Mit den Landgewinnen nahmen die Gewinne aus illegalen Ölverkäufen der kontrollierten Felder zu.

Söldner

In den Reihen der Gruppe kämpfen internationale Brigaden, darunter Muslime aus Nordafrika und den arabischen Golfstaaten sowie Konvertiten aus Europa und Nordamerika.

Die tunesischen Behörden identifizierten bis Sonntag 18 der 38 Todesopfer. Darunter waren 14 Briten, ein Deutscher, eine Belgierin, eine Frau aus Irland und eine weitere aus Portugal. Die britische Regierung sprach von 15 getöteten Briten. Die Hotelgruppe RIU, zu der das angegriffene Hotel gehörte, erklärte, sechs der bei dem Anschlag verletzten Opfer lägen weiter in „ernstem Zustand“ im Krankenhaus. Insgesamt waren bei dem Anschlag 39 Menschen verletzt worden, darunter 25 Briten. Der Generalbundesanwalt leitete Ermittlungen im Zusammenhang mit dem Anschlag ein. Auch die britische Polizei Scotland Yard schickte eigene Ermittler nach Tunesien.

Die Identifizierung der Toten ist laut den tunesischen Behörden schwierig, da die meisten Opfer am Strand oder am Swimmingpool in Badekleidung erschossen wurden und keine Papiere bei sich hatten. Ein Sprecher des tunesischen Gesundheitsministeriums sagte, jegliche Irrtümer müssten ausgeschlossen werden, es seien Zahn- und und Fingerabdrücke der Opfer genommen worden. Erste Angehörige seien bereits in Tunesien eingetroffen, um die Toten zu identifizieren.

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