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03.04.2014

12:44 Uhr

Nach Unruhen in der Ukraine

Regierung macht Ex-Präsident Janukowitsch für Morde verantwortlich

Wer die Scharfschützen beauftragte, war lange umstritten. In einem Bericht macht die ukrainische Regierung nun den abgesetzten Präsidenten für die Morde auf dem Kiewer Maidan verantwortlich, es gibt erste Festnahmen.

Selbst in anderen Städten wie etwa hier in Lemberg gedenken die Ukrainer der Opfer der blutigen Zusammenstöße mit den Sicherheitskräften in Kiew vom 18. bis zum 21. Februar. dpa

Selbst in anderen Städten wie etwa hier in Lemberg gedenken die Ukrainer der Opfer der blutigen Zusammenstöße mit den Sicherheitskräften in Kiew vom 18. bis zum 21. Februar.

KiewEin von der ukrainischen Übergangsregierung in Auftrag gegebener Untersuchungsbericht macht die abgesetzte prorussische Staatsführung für das Blutvergießen auf dem Maidan in Kiew verantwortlich. Die tödlichen Schüsse vor sechs Wochen seien vom inzwischen entmachteten und prorussischen Präsidenten Viktor Janukowitsch angeordnet worden, heißt es in einem am Donnerstag vorgelegten Zwischenbericht. Auch Agenten des russischen Inlandsgeheimdiensts FSB seien in das Blutvergießen verwickelt gewesen, sagte der Chef der ukrainischen Sicherheitsdienste, Valentin Naliwaitschenko. Dies wurde von dem Dienst in Moskau umgehend dementiert.

Die monatelangen Proteste gegen Janukowitsch in Kiew waren vom 18. bis zum 20. Februar in offene Gewalt umgeschlagen, auf dem Unabhängigkeitsplatz im Zentrum der Hauptstadt wurden fast 90 Menschen getötet. Die Regierungsgegner machten den Staatschef für die Toten verantwortlich, nach dem Blutbad wurde er gestürzt. Unabhängige Erkenntnisse zu den Tätern und ihren Motiven liegen bislang aber nicht vor.

Wenn Massenproteste außer Kontrolle geraten

Türkei

Die gewaltsame Räumung eines Protestcamps in Istanbul, mit dem die Zerstörung eines Parks am Taksim-Platz verhindert werden sollte, löst im Mai 2013 eine landesweite Protestwelle aus. Mittlerweile richten sich die andauernden Proteste vor allem gegen den autoritären Regierungsstil des islamisch-konservativen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan. Mehrere Menschen kamen bisher ums Leben, Hunderte wurden verletzt.

Bulgarien

Nach Massenprotesten und schweren Ausschreitungen in der Hauptstadt Sofia tritt die bulgarische Regierung im Februar 2013 zurück. Die Proteste richteten sich zunächst gegen hohe Strompreise, wandten sich dann aber immer stärker gegen Ministerpräsident Boiko Borissow. Hintergrund war die Unzufriedenheit über geringe Einkommen, hohe Arbeitslosigkeit und Korruption.

Griechenland

Bei Massendemonstrationen von Hunderttausender gegen das massive Sparprogramm der Regierung sterben in der griechischen Hauptstadt Athen im Mai 2010 drei Menschen. Vermummte Randalierer hatten mit Molotowcocktails eine Bank in Brand gesetzt.

Serbien

Rund 200.000 Menschen demonstrieren im Februar 2008 gegen die Unabhängigkeit des Kosovos in der serbischen Hauptstadt Belgrad. Mehrere tausend Randalierer demolieren Botschaften, plündern Geschäfte, zünden Autos und Busse an. Mindestens ein Mensch kommt ums Leben, mehr als 150 Menschen werden verletzt.

Frankreich

Der Tod zweier Jugendlicher, die auf der Flucht vor der Polizei nahe Paris tödlich verunglückten, löst im Herbst 2005 eine Welle der Gewalt in französischen Einwanderervorstädten aus. Sporthallen, Geschäfte und tausende Autos gehen in Flammen auf. Tausende Randalierer werden festgenommen. Nach drei Wochen erklärt die Polizei die Unruhen offiziell für beendet.

Italien

Das Gipfeltreffen der führenden Industrieländer in Genua wird im Juli 2001 von der schwersten Welle der Gewalt in seiner Geschichte überschattet. Ein 23-jähriger Italiener stirbt bei den Straßenschlachten durch eine Polizeikugel. Globalisierungsgegner demolieren Büros, Geschäfte und Bankautomaten. Hunderte Menschen werden verletzt. Kritiker werfen der Polizei übertriebene Härte vor.

Naliwaitschenko präsentierte den ersten Zwischenbericht zu den laufenden Ermittlungen zusammen mit Interims-Innenminister Arsen Awakow und Generalstaatsanwalt Oleg Machnizki. Laut Machnizkis Stellvertreter Olexi Baganez hatten Verdächtige der „Schwarzen Einheit“ – einer Spezialeinheit der mittlerweile aufgelösten Bereitschaftspolizei Berkut – in Vernehmungen ausgesagt, sie hätten nur Waffen an Berkut-Mitglieder verteilt, damit sich diese gegen Angriffe von Demonstranten wehren könnten. „Aber wir glauben ihnen nicht“, sagte Baganez. Zwölf Mitglieder der „Schwarzen Einheit“ wurden deshalb am Mittwoch festgenommen.

Nach dem Machtwechsel in Kiew waren Zweifel an der Darstellung aufgekommen, dass allein Janukowitschs Führung das Blutbad provozierte. So äußerte Estlands Außenminister Urmas Paet in einem publik gewordenen Telefonat mit EU-Chefdiplomatin Catherine Ashton den Verdacht, radikale damalige Oppositionskräfte könnten in die Todesschüsse verwickelt sein, um die Proteste weiter anzuheizen. Auch der Europarat forderte eine neutrale Aufklärung.

Von

afp

Kommentare (4)

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03.04.2014, 12:46 Uhr

"Die Gegner der jetzigen Regierung sagen hingegen, die Scharfschützen seien von Oppositionsführern angeheuert worden."

Nanu, zählt das HB den estnischen Regierungschef zu den Gegnern der jetzigen Regierung ? Oder hat die Presse das Telefonat bereits vergessen bzw. hat die Presse den Auftrag erhalten, das Telefonat zu vergessen ?

Account gelöscht!

03.04.2014, 12:51 Uhr

Ergänzung: Danke HB, dass Sie den Artikel entsprechend erweitert haben und klar stellen, wer der Auftraggeber des Berichtes ist.

Account gelöscht!

03.04.2014, 14:28 Uhr

Wenn man bedenkt, dass verschiedene Berichte viel stärker auf die jetzigen Mitglieder der "Regierung" als Täter hindeuten, kann dieses Ergebnis kaum überraschen....! Da aber auch "der Westen" scheinbar kein Interesse an einer Aufklärung hat und aktuell nachweislich mit Faschisten, Leuten die den Hitlergruß zeigen (Jazenjuk), Betrügern (Timoschenko)und einer Pseudo-Regierung aus Putschisten zusammenarbeitet, dürfte da auch kaum Interesse an einer Aufklärung bestehen. ICH SCHÄME MICH für mein Land, für diese Regierung, für den Westen...!

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