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23.08.2015

17:39 Uhr

Nach versuchtem Anschlag

Die merkwürdigen Aussagen des Thalys-Schützen

Der mit einer Kalaschnikow bewaffnete Angreifer im Schnellzug bei Paris bestreitet jegliche islamistische Anschlagsabsicht. Er habe die Waffen nur zufällig in einem Park gefunden - in einem „versteckten Koffer“.

Der schwer bewaffnete El Khazzani war am Freitagabend in dem Thalys-Schnellzug von mehreren Passagieren überwältigt worden, die dadurch vermutlich ein Blutbad verhinderten. AFP

Versuchter Angriff im Schnellzug von Paris

Der schwer bewaffnete El Khazzani war am Freitagabend in dem Thalys-Schnellzug von mehreren Passagieren überwältigt worden, die dadurch vermutlich ein Blutbad verhinderten.

ParisDer 25-jährige Ayoub El Khazzani sei „entgeistert“ über den Terrorismusvorwurf gegen ihn, sagte Anwältin Sophie David am Sonntag. Der mit einer Kalaschnikow bewaffnete Angreifer im Schnellzug von Amsterdam nach Paris bestreite jegliche islamistische Anschlagsabsicht, gab die Anwältin bekannt. Die französischen Anti-Terror-Ermittler halten jedoch einen islamistischen Hintergrund für wahrscheinlich, auch weil der Marokkaner bei vier europäischen Geheimdiensten als Islamist bekannt war.

Der schwer bewaffnete El Khazzani, der neben einer Kalaschnikow auch eine Pistole der Marke Luger und ein Teppichmesser bei sich hatte, war am Freitagabend in dem Thalys-Schnellzug von mehreren Passagieren überwältigt worden, die dadurch vermutlich ein Blutbad verhinderten. Zwei US-Soldaten, ein befreundeter US-Student und ein 62-jähriger Brite rangen den Angreifer nieder, wobei einer der US-Soldaten und ein Reisender verletzt wurden.

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Beim Verhör durch Anti-Terror-Ermittler in Paris bestritt der Marokkaner jegliche Anschlagsabsicht. Er habe auf die Zugpassagiere „einen Überfall verüben“ wollen, sagte Anwältin David, die den 25-Jährigen kurz nach seiner Festnahme beraten hatte, dem Sender BFM-TV. Er habe angegeben, die Waffen in einem “versteckten Koffer“ in der Nähe eines Brüsseler Bahnhofs in einem Park gefunden zu haben, in dem er wie andere Obdachlose oft übernachtet habe. Der junge Mann bestreitet demnach auch, geschossen zu haben. Er sei “sofort“ überwältigt worden und „die Kalaschnikow hat nicht funktioniert“.

Nach Angaben aus Ermittlerkreisen lebte Khazzani zuletzt tatsächlich in Belgien, wo er „in einen Zug gestiegen ist mit Waffen, die wahrscheinlich in Belgien gekauft wurden. Demnach hatte er spanische Papiere bei sich.

El Khazzani lebte von 2007 bis 2014 in Spanien, zunächst in Madrid, dann im andalusischen Algeciras. Dort fiel er den Sicherheitsbehörden wegen Reden auf, in denen er den bewaffneten Kampf gegen Ungläubige propagierte. Laut französischen Ermittlern lebte der junge Mann von Gelegenheitsjobs und kleineren Delikten, darunter Drogenhandel. Spanien meldete ihn an Frankreich, wo ein Sicherheitsvermerk angelegt wurde. Zuletzt fiel er auf, als er am 10. Mai von Berlin aus in die Türkei flog. Laut spanischen Behörden reiste El Khazzani von Frankreich aus auch nach Syrien, was der Marokkaner aber bestreitet.

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Nach den Schüssen in einem Thalys-Hochgeschwindigkeitszug feiern Frankreich und die USA die Fahrgäste, die den Schützen unter Lebensgefahr überwältigten, als Helden.

Der Angreifer war laut Frankreichs Innenminister Bernard Cazeneuve am Freitagabend in dem Thalys mit dem Schnellfeuergewehr über der Schulter aus einer Zugtoilette gekommen. Zunächst wollte ihn ein französischer Passagier aufhalten, doch gab der Angreifer laut Cazeneuve Schüsse ab, wodurch ein Franko-Amerikaner an der Schulter verletzt wurde.

Anschließend überwältigten die drei US-Bürger den Marokkaner, den sie nach eigenen Angaben bewusstlos schlugen. “Ich drehte mich um und sah einen Mann mit einer Kalaschnikow hereinkommen. Meine Freunde und ich duckten uns und dann sagte ich: 'Schnappen wir ihn'“, berichtete der 22-jährige Alek Skarlatos, der Mitglied der US-Nationalgarde ist und gerade von einem Einsatz in Afghanistan zurückgekehrt war. Sein 23-jähriger Freund Spencer Stone, ebenfalls ein US-Soldat, wurde bei dem Kampf durch das Teppichmesser an der Hand verletzt.

Glossar – der politische Islam

Einen einheitlichen Islam...

… gibt es nicht. Die Religion hat etwa 1,6 Milliarden Anhänger weltweit. Doch die regional unterschiedlichen Spielarten des Glaubens variieren stark. Die meisten Muslime leben beispielsweise nicht etwa in einem Land auf der arabischen Halbinsel, sondern in Indonesien. Dort sind mit knapp 13 Prozent aller Muslime der Welt so viele Gläubige beheimatet wie in keinem anderen Staat.

Die Verwendung...

… von Begriffen wie Islamismus, politischem Islam, Fundamentalismus, radikalem Islam und Dschihadismus erfolgt in der Debatte oft nicht trennscharf. Seit den Anschlägen vom 11. September 2001 werden sie oftmals synonym und wenig trennscharf verwendet. Meist sollen mit „Islamismus“ solche fanatischen und gewalttätigen Gruppen mit terroristischer Ausrichtung erfasst werden, die sich auf den Islam beziehen.

Islamismus...

… bzw. Islamisten stehen für für alle politischen Auffassungen und Handlungen, die im Namen des Islams die Errichtung einer allein religiös legitimierten Gesellschafts- und Staatsordnung anstreben.

Problematisch ist,...

… dass gerade späteren Strömungen die Absicht eigen ist, den Islam nicht nur zur verbindlichen Leitlinie für das individuelle, sondern auch für das gesellschaftliche Leben zu machen. Oft geht das einher mit einer Ablehnung der Trennung von Religion, was ein Spannungsverhältnis schafft zu den Prinzipien von Individualität, Menschenrechten, Pluralismus, Säkularität und Volkssouveränität.

Friedliche Islamisten...

… sehen die Gewaltanwendung zur Durchsetzung ihres Ziels – der Errichtung eines islamischen Staats - nicht als ihr vorrangiges politisches Instrument.

Als Mittel des Widerstands...

… haben sich islamistische Strömungen allerdings in vielen Staaten entwickelt. Grobe Faustregel: Je stärker sie unterdrückt wurden, desto eher neigten sie zur Radikalisierung und einer Fokussierung auf den bewaffneten Kampf. So etwa in Syrien und in Ägypten.

Terrorismus...

… ist daher eines von mehreren Mitteln und Handlungsstilen, die Islamisten benutzen. Andere Beispiele sind Parteipolitik und Sozialarbeit.

Der Dschihad...

… bedeutet wörtlich „Anstrengung, Kampf, Bemühung, Einsatz“ für Gott, nicht Gotteskrieg. Man muss unterscheiden zwischen dem „großen Dschihad“ als Kampf gegen sich selbst, also umgangssprachlich gesagt Überwindung des eigenen „inneren Schweinehundes“ und dem „kleinen Dschihad“, dem Kampf im militärischen Sinne. Die Übersetzung von Dschihadisten als „Gotteskrieger“ verzerrt den Begriff daher, weil es einen einseitigen Fokus auf den bewaffneten Kampf legt.

US-Präsident Barack Obama dankte den Rettern: “Ihre heldenhafte Tat hat möglicherweise eine viel schlimmere Tragödie verhindert.“ Frankreichs Präsident François Hollande will die Männer am Montag im Elysée-Palast empfangen.

An Bord des Thalys war auch der französische Schauspieler Jean-Hugues Anglade, der aus dem Film “Betty Blue“ bekannt ist. Der 60-Jährige erhob schwere Vorwürfe gegen Bahnmitarbeiter, die sich in einem Gepäckwagen verschanzt und die übrigen Passagiere ausgesperrt hätten. Die Thalys-Geschäftsführung wies die Anschuldigungen zurück.

In Belgien wurden wegen des Angriffs die Sicherheitsvorkehrungen für Züge und an Bahnhöfen verschärft, Polizisten sollen Thalys-Züge begleiten. In Frankreich wurde eine Hotline für “anormale Situationen“ eingerichtet.

Von

afp

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