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01.08.2014

13:32 Uhr

Nach Zahlungsausfall

Argentinien spricht weiter mit den „Aasgeiern“

Argentiniens Wirtschaftsminister Axel Kicillof will auch nach der Staatspleite seines Landes weiter Gespräche mit den Gläubigern führen. Unterdessen stufte nach S&P auch die Ratingagentur Fitch das Land herab.

Staatspleite Argentiniens

Wirtschaftsminister will mit Gläubigern verhandeln

Staatspleite Argentiniens: Wirtschaftsminister will mit Gläubigern verhandeln

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Buenos AiresArgentinien ist nach dem Abrutschen in die Staatspleite zu weiteren Gesprächen mit Gläubigern bereit. Das südamerikanische Land sei offen für ein Treffen mit den klagenden Hedgefonds, sagte Wirtschaftsminister Axel Kicillof in Buenos Aires. Präsidentin Cristina Fernandez will jedoch in der Sache hart bleiben. Der zuständige Richter in New York setzte für Freitag (17.00 Uhr MESZ) eine weitere Anhörung an. Argentinien war diese Woche - zwölf Jahre nach der ersten Insolvenz - erneut in die Pleite geschlittert, nachdem es im Rechtsstreit mit den Fonds die fristgerechte Auszahlung von 1,33 Milliarden Dollar samt Zinsen verweigert hatte. Die Aktienmärkte und die Landeswährung der drittgrößten Volkswirtschaft Lateinamerikas gingen daraufhin auf Talfahrt.

Fernandez, die die Kläger für „erpresserische Geierfonds“ hält, will vor ihnen nicht einknicken: „Wer mit alten Sachen kommt und uns zu einer Unterschrift nötigen will, weil ansonsten angeblich die Welt untergeht, kann nicht auf mich zählen.“ Das gescheiterte Schiedsverfahren hatte die erneute Pleite ihres Landes ausgelöst. Richter Thomas Griesa ordnete daraufhin an, dass vorerst alle übrigen Gläubiger nicht ausbezahlt werden dürfen, die bei Schuldenschnitten auf einen Großteil ihrer Forderungen verzichtet hatten.

Staatspleiten sind die Regel

Argentinien

Jahr der Unabhängigkeit: 1816

Anteil der Jahre in Umschuldung oder Staatsbankrott seit Unabhängigkeit* 1800: 32,5 Prozent

Zahl der Umschuldungen oder Staatsbankrotte: 7

*Die Berechnungen der Länder, die vor 1800 unabhängig wurden, sind von 1800-2006.

Quellen: Berechnungen von Flossbach und Vorndran (2012), sowie Standard & Poor's, Purcell und Kaufmann (1991), Reinhart, Rogoff und Savastano (2003) und darin zitierte Quellen.

Australien

Jahr der Unabhängigkeit: 1901

Anteil der Jahre in Umschuldung oder Staatsbankrott seit Unabhängigkeit 1800: 0,0 Prozent

Zahl der Umschuldungen oder Staatsbankrotte: keine

Brasilien

Jahr der Unabhängigkeit: 1822

Anteil der Jahre in Umschuldung oder Staatsbankrott seit Unabhängigkeit 1800: 25,2 Prozent

Zahl der Umschuldungen oder Staatsbankrotte: 9

Deutschland

Jahr der Unabhängigkeit: 1618

Anteil der Jahre in Umschuldung oder Staatsbankrott seit Unabhängigkeit 1800: 13 Prozent

Zahl der Umschuldungen oder Staatsbankrotte: 8

Finnland

Jahr der Unabhängigkeit: 1917

Anteil der Jahre in Umschuldung oder Staatsbankrott seit Unabhängigkeit 1800: 0,0 Prozent

Zahl der Umschuldungen oder Staatsbankrotte: keine

Frankreich

Jahr der Unabhängigkeit: 943

Anteil der Jahre in Umschuldung oder Staatsbankrott seit 1800: 0,0 Prozent

Zahl der Umschuldungen oder Staatsbankrotte: 8

Griechenland

Jahr der Unabhängigkeit: 1829

Anteil der Jahre in Umschuldung oder Staatsbankrott seit 1800: 50,6 Prozent

Zahl der Umschuldungen oder Staatsbankrotte: 5

Großbritannien

Jahr der Unabhängigkeit: 1066

Anteil der Jahre in Umschuldung oder Staatsbankrott seit Unabhängigkeit 1800: 0,0 Prozent

Zahl der Umschuldungen oder Staatsbankrotte: keine

Italien

Jahr der Unabhängigkeit: 1569

Anteil der Jahre in Umschuldung oder Staatsbankrott seit Unabhängigkeit 1800: 3,4 Prozent

Zahl der Umschuldungen oder Staatsbankrotte: 1

Kolumbien

Jahr der Unabhängigkeit: 1819

Anteil der Jahre in Umschuldung oder Staatsbankrott seit Unabhängigkeit 1800: 36,2 Prozent

Zahl der Umschuldungen oder Staatsbankrotte: 7

Mexiko

Jahr der Unabhängigkeit: 1821

Anteil der Jahre in Umschuldung oder Staatsbankrott seit Unabhängigkeit 1800: 44,6 Prozent

Zahl der Umschuldungen oder Staatsbankrotte: 8

Niederlande

Jahr der Unabhängigkeit: 1581

Anteil der Jahre in Umschuldung oder Staatsbankrott seit Unabhängigkeit 1800: 6,3 Prozent

Zahl der Umschuldungen oder Staatsbankrotte: 1

Norwegen

Jahr der Unabhängigkeit: 1581

Anteil der Jahre in Umschuldung oder Staatsbankrott seit Unabhängigkeit 1800: 0,0 Prozent

Zahl der Umschuldungen oder Staatsbankrotte: keine

Österreich

Jahr der Unabhängigkeit: 1282

Anteil der Jahre in Umschuldung oder Staatsbankrott seit Unabhängigkeit 1800: 17,4 Prozent

Zahl der Umschuldungen oder Staatsbankrotte: 7

Portugal

Jahr der Unabhängigkeit: 1139

Anteil der Jahre in Umschuldung oder Staatsbankrott seit 1800: 10,6 Prozent

Zahl der Umschuldungen oder Staatsbankrotte: 3

Russland

Jahr der Unabhängigkeit: 1457

Anteil der Jahre in Umschuldung oder Staatsbankrott seit Unabhängigkeit 1800: 39,1 Prozent

Zahl der Umschuldungen oder Staatsbankrotte: 5

Schweden

Jahr der Unabhängigkeit: 1523

Anteil der Jahre in Umschuldung oder Staatsbankrott seit Unabhängigkeit 1800: 0,0 Prozent

Zahl der Umschuldungen oder Staatsbankrotte: keine

Spanien

Jahr der Unabhängigkeit: 1476

Anteil der Jahre in Umschuldung oder Staatsbankrott seit Unabhängigkeit 1800: 23,7 Prozent

Zahl der Umschuldungen oder Staatsbankrotte: 13

Türkei

Jahr der Unabhängigkeit: 1453

Anteil der Jahre in Umschuldung oder Staatsbankrott seit Unabhängigkeit 1800: 15,5 Prozent

Zahl der Umschuldungen oder Staatsbankrotte: 6

USA

Jahr der Unabhängigkeit: 1783

Anteil der Jahre in Umschuldung oder Staatsbankrott seit Unabhängigkeit 1800: 0,0 Prozent

Zahl der Umschuldungen oder Staatsbankrotte: Als Folge der Wirtschaftskrise von 1837 stellten acht amerikanische Bundesstaaten ihre Zahlungen ein. Mehr als 100 Banken gingen in daraufhin Pleite. Knapp 150 Jahre schlingert die US-Wirtschaft wieder: Am 15. August 1971 erklärte der amerikanische Präsident Richard Nixon die sofortige Aufhebung der Dollar-Konvertierbarkeit in Gold, also die Aufhebung der Verpflichtung der USA, jederzeit Dollar in eine bestimmte Menge Gold umzutauschen. Diese auch als Nixon-Schock bekannte Ankündigung bedeutete faktisch die Erklärung der Zahlungsunfähigkeit beziehungsweise Zahlungsunwilligkeit, da die Aufhebung einseitig und unter Bruch bestehender Abmachungen (Bretton-Woods-System) erfolgte.

Venezuela

Jahr der Unabhängigkeit: 1830

Anteil der Jahre in Umschuldung oder Staatsbankrott seit Unabhängigkeit 1800: 38,4 Prozent

Zahl der Umschuldungen oder Staatsbankrotte: 10

Die Fonds NML Capital, Elliott Management und Aurelius Capital Management hatten die nach US-Recht ausgegebenen Anleihen einst mit einem kräftigen Preisnachlass erworben. Einen Schuldenschnitt verweigerten sie aber und klagten auf volle Auszahlung. Trotz ihres Triumphes vor Gericht müssen sie weiter auf ihr Geld warten.

Selbst Investoren, die sich mit Ausfallversicherungen (CDS) gegen eine Pleite Argentiniens abgesichert haben, bangen um eine Auszahlung. Ein bei der Internationalen Swaps and Derivatives Association angesiedelter Ausschuss muss zuvor entscheiden, ob die CDS-Besitzer nun Geld sehen. Dass es dazu kommt, sei nicht ausgemachte Sache, sagte Analyst Emiliano Surballe von der Privatbank Julius Bär: „Die Pleite ist Folge eines Rechtsstreits. Das Land kann aber eigentlich seinen Zahlungsverpflichtungen nachkommen.“

Zunächst hatte die amerikanische Rating-Agentur S&P einen „teilweisen Zahlungsausfall“ festgestellt, später folgten auch die Bonitätswächter von Fitch. Ob das Land bald eine Lösung mit den Klägern findet, ist fraglich. In der Presse kursierten Meldungen, internationale Banken könnten den Fonds die Schulden abkaufen. Als Interessenten werden JP Morgan, Citigroup und HSBC genannt. Der Hedgefonds Aurelius teilte mit, er habe keine Angebote aus dem Privatsektor erhalten, über die es sich ernsthaft nachzudenken lohne.

In Argentinien reagierten die Bürger auf die Pleite ihres Landes mit Gelassenheit: „Wir haben uns an das Leben auf der Achterbahn gewöhnt“, sagte ein junger Unternehmer, der sich mit einer Hausbrauerei seinen Lebensunterhalt verdient. Dennoch stellt er sich wie viele Mitbürger auf härtere Zeiten ein. Zwar befürchtet kaum jemand im Land, dass es wieder so schlimm kommt wie 2002, als Unruhen ausbrachen und Bürger die Banken stürmten. Doch das von den internationalen Kapitalmärkten abgeschnittene Land wird den Gürtel enger schnallen müssen. Die Regierung wird voraussichtlich die Importe beschränken und Kapitalkontrollen verschärfen, um ihre Devisenreserven zu schonen.

Von

rtr

Kommentare (3)

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Herr Woldemar von Stechlin

01.08.2014, 08:38 Uhr

Ich hasse die Aasgeier vom Elektromarkt um die Ecke!

Hab ich mir doch neulich einen schicken Flachbild-Fernseher für die WM auf Pump gekauft - und jetzt wollen die GEIER doch tatsächlich, dass ich das Geld zurück zahle.

Das ist die Fratze des Kapitalismus. Ich werde Attac und andere Gutmenschen zur Hilfe rufen!

Herr Manfred Zimmer

01.08.2014, 09:18 Uhr

@Herr Woldemar von Stechlin
Treffer - versenkt!

Vergleichbares kann den EU-Staaten nicht passieren. Dort haben die Politiker rechtzeitig den ESM geschaffen.

Aber sind wir ehrlich. Die Staatsfinanzierungen im EU-Land sind nicht anders.

Jetzt kann man zwar über die richtige Vorgehensweise der Hedge Fonds streiten, aber zuvor gab es die Kreditaufnahme der Staaten, in die die Hedge Fonds nicht eingebunden waren. Es wurden gültige Verträge mit Rückzahlungsversprechen geschlossen, deren Rechte nun die Hedge Fonds einklagen.

Der erste Schritt war falsch und der zweite Schritt folgte erst nach dem ersten Schritt.

Wenn man nun der Präsidentin alle Schuld in die Schuhe kippen wollte, dann sollte man aus deutscher Sicht sehr vorsichtig sein. Wir haben auch einen Bundesfinanzminister, der stolz vorgibt keine neuen Schulden zu machen. Fachleute wissen, dass er bei dieser Betrachtung die unterlassenen Reparaturen, die geschäftsmäßig sich als Rückstellungen in einer Unternehmensbilanz wiederfinden, weder ausweist noch berücksichtigt. Würde ein Vorstand eines DAX-Unternehmens eine derartige Bilanz präsentieren, würde er sich im Knast weiderfinden bevor er seine Presseerklärung fertig vorgelesen hat.

Soweit unser Rechtssystem, soweit unsere Berechtigung der argentnischen Präsidentin Unfähigkeit vorzuwerfen. Unsere Regierung ist, wie obiges Beispiel zeigt, auch etwas argentinisch. Manchmal schlägt Deutschland Argentinien, zwar knapp - aber dennoch. ;-)

Mit den Prinzipien der Staatsfinanzierung gehört gründlich aufgeräumt. Nicht nur in Argentinen, nicht nur bei der EZB sondern auch in Athen und Berlin. Statt einer Aufweichung gesetzter Kriterien (ich denke an Maastrich), müssen die Kriterien international verschärft werden. Die bisherige Handhabung hat zu mehr statt zu weniger Problemen geführt!

Herr Josef Schmidt

01.08.2014, 11:46 Uhr

Die Fratze des A....... lässt sich auch durch entsprechende Kommentare erkennen.

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