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17.02.2004

07:44 Uhr

Nachgefragt: Cidgem Akkaya

„Die Ängste in der EU sind unbegründet“

Cidgem Akkaya, die stellvertretende Direktorin des Zentrums für Türkei-Studien an der Universität Essen, über unterschiedliche kulturelle Werte und Gründe, die für eine EU-Mitgliedschaft der Türkei sprechen.

Handelsblatt: Was halten Sie von Frau Merkels Idee einer „privilegierten Partnerschaft“ der Türkei mit der EU?

Cidgem Akkaya: Das ist eine einseitige Sache. Ein Interessenausgleich zwischen den Partnern ist dabei nicht gegeben.

Die Reform der EU-Institutionen ist gescheitert. Ist also nicht jedes weitere Mitglied eine Belastung für die Union – egal ob es die Türkei ist oder ein anderes Land?

Die EU steht vor Problemen, die sie ohnehin lösen muss, egal, ob sie ein Mitglied mehr oder weniger hat.

Könnte die Türkei einen positiven Impuls geben?

Allein von der Bevölkerungszahl würde die Türkei zu den größeren EU-Staaten zählen, ähnlich wie Deutschland, Frankreich oder Italien. Die Türkei würde also dafür stehen, dass die Interessen der großen gegenüber den Interessen der kleineren Staaten gewährleistet bleiben. Im Endeffekt geht es immer darum, dass jeder Staat seine eigenen Interessen wahrt und dazu Kompromisse eingeht. Ich sehe nicht, warum das mit der Türkei nicht gehen sollte.

Was entgegnen Sie Kritikern, die sagen, eine Mitgliedschaft der Türkei käme die EU teuer zu stehen?

Die finanziellen Hilfen laufen ja nichts ins Leere. Sie kommen als wirtschaftliche Geschäfte in die Union zurück. Zudem zeigen unsere Modellrechnungen, dass die Belastung, die die EU tragen müsste, ohnehin nicht viel höher sein würde, als es jetzt mit Spanien oder mit dem baldigen Mitglied Polen der Fall ist. Es ist also allein eine politische Willensentscheidung: Wenn man den Beitritt der Türkei will, nimmt man die Bürden in Kauf.

Und was ist mit dem Argument, Arbeitsmigration aus der Türkei in EU-Länder könne dort zu mehr Arbeitslosigkeit führen?

Die Menschen bleiben im eigenen Land, wenn es ihnen wirtschaftlich gut geht. Und wenn die Türkei der EU beitritt, wird sie ein anderes Land sein als heute. Zudem besteht die Möglichkeit, die Freizügigkeit für einige Jahre einzuschränken. Dazu hat die Türkei ihre Bereitschaft signalisiert.

Was also spricht für einen Beitritt?

Nehmen wir den Bereich Sicherheitspolitik: Wenn man als Global Player auf der weltpolitischen Bühne auftreten will – und das will die EU –, kommt man an der Türkei angesichts ihrer geostrategischen Lage nicht vorbei. Zudem kreuzen sich in der Türkei energiepolitische Interessen. Die EU stillt weit mehr als die Hälfte ihres Energiebedarfs aus den unmittelbaren Nachbarregionen der Türkei. Das ist wichtig. Außerdem ist die Türkei einer der dynamischsten Märkte in ihrer Region. Beispiel Industriegüter: Seit 1996 besteht die Zollunion, seitdem beträgt der Exportüberschuss der EU im Außenhandelsgeschäft mit der Türkei mehr als 60 Milliarden Dollar. Das zeigt das Potenzial des Landes. Hinzu kommt der ideologische Aspekt. Ein Beitritt würde zeigen: Ein muslimisches Land kann auch europäische Werte vertreten. Und das ist ein Zeichen für die gesamte islamische Welt!

Unterschiedliche kulturelle Werte, wie sie CSU-Chef Stoiber bemüht hat, sind also kein Problem?

Die Ängste sind unbegründet. Man schließt ja keine Ehe. Und die Türkei bleibt auch dort, wo sie ist. Die EU ist grundsätzlich pluralistisch. Auch griechische Bauern sind schließlich nicht mit irischen Katholiken zu vergleichen. Es gibt Unterschiede innerhalb der EU, und das ist auch gut so. Das ist Reichtum. Warum man eine Kultur als negative Perspektive betrachtet und darstellt, das kann ich nicht begreifen!

Die Fragen stellte Thomas Ludwig.

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