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11.01.2014

13:47 Uhr

Nachruf auf Ariel Scharon

Widersprüchliche Hinterlassenschaft

VonPierre Heumann

Selten wurde ein israelischer Politiker heißer geliebt und gleichzeitig intensiver gehasst als Ariel Scharon. Als Haudegen und Pragmatiker, der er war, blieb der ehemalige Ministerpräsident bis zum Ende umstritten.

Tel AvivSelten wurde ein israelischer Politiker heißer geliebt und gleichzeitig intensiver gehasst als Ariel Scharon. Niemand blieb gleichgültig, wenn Ariel Scharon mit seinen zu langen Schritten und seinem massigen Körper ans Rednerpult schritt und dann mit seiner leicht heiseren Stimme anhob, um ab und zu ein abgehacktes Lachen in seine meist frei vorgetragenen Reden einfließen zu lassen. Keinen anderen Israeli fürchteten und respektierten die Araber mehr als Scharon, kein anderer weckte im In-und im Ausland mehr Emotionen als er.

Scharon polarisierte. Er provozierte bewusst, und er gefiel sich in dieser Rolle, die er so glänzend zu spielen vermochte. Er hatte kein Problem damit, seine Meinung zu ändern, wenn er der Überzeugung war, dass eine neue Situation dies erforderlich mache. Dass er dabei mitunter auch Weggefährten vor den Kopf stieß, ließ ihn nicht nur kalt; er tat es stets auch mit einem gewissen Lustgewinn, weil er dann das Gefühl hatte, allen anderen einen Schritt voraus zu sein. Und er war stets der Meinung, dass sich nur die Mittelmäßigen stur an Gesetze halten würden.

Seine Anhänger im rechten Parteispektrum lobten ihn dafür, dass er nach der Staatsgründung Israels entschlossen und ohne Rücksicht auf Verluste gegen Terroristen vorging, um den arabischen Nachbarn Respekt einzuflößen. Sie priesen ihn dafür, dass er das Siedlungsprojekt zügig ausbaute.
Für die Linke war Scharon zunächst der „hässliche Israeli“ - und zwar nicht nur wegen seiner Förderung der Siedlungen. Sie machte ihn für den Libanonfeldzug verantwortlich, den er im Jahre 1982 lanciert hatte. Dabei hatte er der Regierung vorgemacht, lediglich einen kleinen Grenzabschnitt besetzen zu wollen. Stattdessen marschierte er eigenmächtig bis Beirut vor.

Trotzdem hatte Scharon auch im Friedenslager Freunde, weil er den Friedensvertrag mit Ägypten vorangetrieben hatte. Dabei sprang Scharon wie selbstverständlich über seinen eigenen Schatten. Den jüdischen Siedlern, die er zuvor mit allen möglichen Anreizen in den Sinai gelockt hatte, befahl er nun plötzlich die Rückkehr nach Israel, um eine wichtige Bedingung des Friedensvertrags zu erfüllen. Viele Jahre später, als er Premierminister war, blies er dann zum einseitigen Rückzug aus dem Gazastreifen. Er tat das wie ein General, nicht wie ein Politiker. Er war zur Überzeugung gelangt, dass sich die Front „Gaza“ nicht mehr halten ließ.

Der Feldherr, der von 2001 bis 2006 Regierungschef war, spielte auch mit der Demokratie, um seine Ziele durchzusetzen. Weil er bei seiner eigenen Partei für den Rückzugs-Entscheid aus Gaza keine Mehrheit gefunden hatte, trat er aus der Likud-Partei aus und gründete mit Gleichgesinnten die Kadima-Partei. Mit diesem Trick beschaffte sich Sharon die demokratische Legitimation für den Rückzug aus dem Gazastreifen. Wie zuvor im Sinai zerstörte er auch im Gazastreifen das Siedlungsprojekt, das er während Jahren aufgebaut hatte. Seine Freunde im rechten Spektrum haben ihm das bis heute nicht verziehen.

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