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04.09.2012

16:13 Uhr

Nachschub benötigt

Syrische Armee muss Reservisten mobilisieren

Durch Verluste und geflohene Soldaten ist die Armee von Präsident al-Assad geschwächt. Nun wird die Reserve mobilisiert. Sogar erklärte Regierungsgegner werden einberufen. Doch viele verweigern den Dienst.

Freiwillige der Oppositionsgruppe: Kaum jemand entgeht in diesen Tagen dem syrischen Militär. AFP

Freiwillige der Oppositionsgruppe: Kaum jemand entgeht in diesen Tagen dem syrischen Militär.

DamaskusSie ist eine der bestausgerüsteten Armeen im Nahen Osten und verfügt über weitaus stärkere Waffen als die Opposition: Die Streitkräfte des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad. Doch auch nach 17 Monaten hat sie den Aufstand nicht niederringen können. Syrien versinkt immer tiefer im Bürgerkrieg.

Unter dem Eindruck der in den letzten Wochen immer heftigeren Gefechte mobilisiert die Regierung in Damaskus nun ihre Reserve, wie Reuters von zahlreichen geflohenen Reservisten und einem aktiven Offizier erfuhr. Es sind normale Männer, die ihren zweijährigen Armeedienst geleistet haben und als Reservisten für einen Einsatz prinzipiell bereitstehen müssen. Doch viele weigern sich. Wollen in keiner Armee dienen, der - wie in kleinerem Umfang auch den Rebellen - Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen wird. Ein Offizier in Homs schätzt, dass sich nur die Hälfte der Einberufenen zum Dienst gemeldet hat.

Dabei hätten viele Einheiten schwere Verluste erlitten. Die Armee benötigt Nachschub. "Es mangelt an Männern. Viele wurden getötet und es setzten sich Soldaten ab", sagt der Offizier. Wie viele es genau sind, lässt sich nur schätzen, weil die Armee keine offiziellen Zahlen herausgibt. Der oppositionellen Beobachterstelle für Menschenrechte zufolge sind knapp 6000 Soldaten und Mitglieder der Sicherheitskräfte getötet worden.

Regionale Player im Syrien-Konflikt

Israel

Ein Einsatz syrischer Massenvernichtungswaffen ist ein Alptraum für Israel, das dem Konflikt bisher eher als Beobachter beiwohnte. Jetzt warnt Jerusalem laut davor, dass Assads Chemie- und Flugabwehrwaffen in die Hände der Hisbollah oder Al-Kaidas fallen könnten. Positiv wäre für Israel, dass sein Erzfeind Iran mit Assad seinen wichtigsten Stützpfeiler in der Region verlieren würde. Mit Assad könnte Israel allerdings auch einen Nachbarn verlieren, der für weitgehende Ruhe an der gemeinsamen Grenze gesorgt hat.

Saudi Arabien und Katar

Die sunnitischen Herrscher vom Golf unterstützen in Syrien - wie schon zuvor in Libyen - die islamisch-konservativen Kräfte. Und versuchen, einen Verbündeten ihres Erzfeindes Iran zu schwächen. Daheim können sie sich so als Unterstützer der Revolution präsentieren, ohne Protesten Vorschub zu leisten. Damaskus will in Saudi-Arabien und Katar die Urheber des „Komplotts“ gegen sich identifiziert haben.

Türkei

Das Nato-Mitglied ist seit langem einer der schärfsten Kritiker des syrischen Regimes. Weiter verschärft wurde das Verhältnis Ende Juni durch den Abschuss eines türkischen Kampfflugzeuges vor der syrischen Küste. Regierungschef Recep Tayyip Erdogan sagte dem syrischen Volk daraufhin Unterstützung bis zur Befreiung von „Diktator“ Assad zu, bei weiteren Zwischenfällen werde sein Land mit Gewalt zurückschlagen. Ein Teil des Nachschubs der syrischen Rebellen wird durch die Türkei geschleust, die allerdings offiziell keine Waffen liefert.

Libanon

Das westliche Nachbarland Syriens ist zerrissen - eine gefährliche Lage. Die Sunniten im Libanon stehen mehrheitlich auf der Seite der syrischen Opposition, die zum Großteil ebenfalls aus Sunniten besteht. Über die Grenze werden auch Waffen geliefert. Die schiitische Hisbollah-Miliz hingegen, die in Beirut in der Regierung sitzt, ist mit dem Assad-Regime verbündet. Die Waffen, mit denen sie ihre Herrschaft sichert, kommen aus Damaskus. Seit einigen Wochen gibt es im Libanon Auseinandersetzungen zwischen pro- und anti-syrischen Gruppierungen, dabei gab es auch Tote.

Iran

Aus iranischer Sicht darf das syrische Regime keinesfalls fallen. Im Frühjahr erklärte Präsident Mahmud Ahmadinedschad, er kenne keine Grenzen bei seiner Unterstützung für Präsident Assad. Angeblich schickte Teheran Militärberater und Kämpfer. Ohne Assads Regime würde es für den Iran schwerer, die eigene anti-israelische Ideologie zu verbreiten. Auch die pro-iranischen Milizen, besonders die Hisbollah in Libanon, würden geschwächt. Zuletzt bestätigte der Iran Gespräche mit Regimegegnern in Syrien und brachte sich als Vermittler ins Gespräch.

Al-Kaida

Das Terrornetzwerk Al-Kaida versucht einmal mehr, auf den fahrenden Zug aufzuspringen. Die Terroristen wollen sich als Speerspitze der Revolution präsentieren und das anschließende Tohuwabohu für ihre Zwecke nutzen.

Viele haben das Gefühl, nur zwischen Pest und Cholera wählen zu können. "Wir haben zwei Möglichkeiten: Entweder wir bleiben und töten andere Syrer. Oder wir desertieren und fliehen vor den Militärgerichten", sagt ein in Damaskus einberufener Rechtsanwaltsgehilfe, der seinen Namen nicht nennen will. Bewohner von Damaskus berichten, an den Kontrollposten würden nun junge Männer darauf kontrolliert, ob sie als Reservist einberufen wurden und nicht etwa auf der Flucht sind. Einige junge Syrer haben Angst, das Haus zu verlassen. Sie fürchten den Verrat durch ihre eigenen Nachbarn.

Kommentare (1)

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mzpx

08.09.2012, 20:49 Uhr

gleichfalls
Nachschub benötigt
"Rebellen" müssen Söldner mobilisieren

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