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05.02.2015

16:11 Uhr

Nahost-Forscher

„Jordanien soll vermitteln“

VonKevin Knitterscheidt

König Abdullah II. hat dem IS den Krieg erklärt. Im Interview erklärt der Nahostexperte André Bank, warum das Königshaus so scharf reagiert und Eskalation das falsche gutes Mittel ist.

Jordanien steht unter Schok. dpa

Jordanians gather in solidarity with executed pilot

Jordanien steht unter Schok.

Nach der brutalen Ermordung des jordanischen Piloten Muas al-Kasasba rüstet König Abdullah II. verbal auf. Eine militärische Eskalation erwartet André Bank vom GIGA Institut für Nahost-Studien in Hamburg jedoch nicht. Die Lösung sieht der Jordanienexperte vielmehr in der Vermittlung zwischen den Golfstaaten, dem Assad-Regime und der syrischen Opposition.

Herr Bank, warum reagiert das jordanische Königshaus so scharf auf die Ermordung des Piloten al-Kasasba?
Zunächst einmal muss man zwischen kurz- und mittelfristigen Maßnahmen differenzieren: Die Hinrichtung der beiden irakischen Terroristen, die schon seit 2005 inhaftiert waren, dient einer unmittelbaren Befriedigung von Rachegelüsten, die durchaus in der jordanischen Bevölkerung gegeben sind. König Abdallahs Ankündigung, den IS ab jetzt bis in die letzten Winkel zu verfolgen, würde eine massive Eskalation des Militäreinsatzes voraussetzen. Ich bin skeptisch, ob dies wirklich passieren, geschweige denn, ob es erfolgreich sein wird. Denn ein anderer wichtiger Staat, die Vereinigten Arabischen Emirate, haben sich ja gerade als Folge des Kidnappings des jordanischen Kampfpiloten aus der Anti-IS-Allianz zurückgezogen.
Auch Saudi-Arabien hat sein Engagement zurückgefahren.
Genau. Hinzu kommt, dass der IS in Syrien schwächer wird. Erst vor kurzem haben sich die IS-Kämpfer aus Kobane zurückgezogen, was im Grunde eine massive symbolische Niederlage darstellt. Der Niedergang des IS in Teilen Syriens hat gerade dazu beigetragen, dass der IS jetzt zu so martialischen Tötungsformen übergeht wie dem Verbrennen einer Geisel in einem Käfig.
Wie stabil ist die Allianz gegen den IS? Die Emirate stellen die Flugeinsätze ein. Und im vergangenen Sommer hat der Irak der saudischen Regierung vorgeworfen, den IS finanziell zu unterstützen.
Die Koalition ist natürlich durch vielfältige Interessenskonflikte gekennzeichnet. Zudem muss man unterscheiden zwischen der Anti-IS-Koalition in Syrien und der Anti-IS-Koalition im Irak. Da haben wir eine deutlich andere Konstellation. Die irakische Regierung hat ja die Amerikaner und Verbündete – keine arabischen Staaten, sondern solche außerhalb der Region – bei der Bekämpfung des IS im Westen und Nordwesten um Hilfe gebeten. Darum haben wir es hier nicht mit arabischen Militärs zu tun.

Jordanienexperte André Bank. Pressebild

André Bank

Jordanienexperte André Bank.

Wie sieht es auf der syrischen Seite aus?
Hier sind es neben den Amerikanern ausschließlich arabische Militärs. Das ist ein Aspekt, der oft vergessen wird. Insofern ist es verständlich, dass die irakische Regierung hier gegenüber Riad Vorwürfe äußert. Aber die Saudis spielen ja nicht dieselbe Rolle im Irak wie in Syrien, um das mal grob zu sagen.
Sie haben Rachegelüste angesprochen. Wie stark ist der Rückhalt in der jordanischen Bevölkerung für ein Engagement in der Koalition? Es gab Proteste gegen die Fortführung der Flugeinsätze.
Grundsätzlich muss man sagen, dass die Monarchie in Jordanien nur sehr selten offen in Frage gestellt wird als Institution, die das Land jetzt seit über 90 Jahren prägt. Viele der Oppositionellen wollen im Grunde Reformen, keine Revolution. Das geht auch sehr weit ins islamistische Spektrum rein. Große Teile der jordanischen Salafisten stellen die haschemitische Monarchie nicht per se in Frage. Ein wichtiger Teil der Bevölkerung steht der jordanischen Beteiligung in der Anti-IS-Koalition skeptisch gegenüber. Es gibt hier auf der einen Seite ein starkes Unbehagen, dass man sich zu sehr einspannen lässt von den Amerikanern, und auf der anderen Seite die Furcht vor zu großer Abhängigkeit von den Golfmonarchien.
Und wie sehen das jordanische Salafisten?
Das ist eine Minderheit, die sich aber teils stark mit dem IS solidarisiert. Man spricht von etwa 2.000 jordanischen Kämpfern in Syrien. In Jordanien selbst haben wir eine sozusagen „vibrierende“ salafistische Szene, mit Predigern wie al-Maqdisi, Abu Qatada oder Abu Sayyaf, die auch über den jordanischen Kontext hinaus prägend sind. Das heißt keineswegs, dass sie alle mit dem IS übereinstimmen. Doch seit die Amerikaner eine größere militärische Rolle in Syrien und Irak spielen, sind viele Salafisten umgeschwenkt, auch wenn sie vorher gegen Abu Bakr al-Baghdadi und dessen Kalifatsausrufung eingestellt waren. In dem Moment, in dem die Amerikaner, also die Ungläubigen, möglicherweise sogar in Allianz mit dem schiitischen Iran, den IS bekämpfen, solidarisieren sie sich wieder mehr. Das hat man in den letzten Monaten gespürt.

Wie stabil sind die Regionen, aus denen die jordanischen IS-Kämpfer stammen? Die meisten kommen aus ärmeren Teilen der Städte Ma‘an, Amman und Zarqa.
Das ist ein wichtiges Thema, auch wenn ich keine Aufstände kommen sehe. In einigen dieser Städte gibt es Viertel, die von Salafisten dominiert werden. Aber die Kontexte sind sehr unterschiedlich: In Ma‘an gibt es eine lange Geschichte des wirtschaftlichen Niedergangs und des politischen Bedeutungsverlusts im ehemaligen Stammland der Monarchie. In Zarqa und Amman gehören vor allem palästinensische Jordanier der salafistischen Bewegung an. Aber auffällig ist, dass die große Anzahl an syrischen Flüchtlingen nicht zu diesen Gruppen gehört.
Warum ist das so?
Weil die syrischen Flüchtlinge Opfer sind, keine Täter. Anders als in Bürgerkriegsregionen wie den Großen Seen in Zentralafrika, in denen die Flüchtlingslager oder -städte Rückzugs- oder neue Rekrutierungsorte für Kämpfer waren, sind die Syrer in Jordanien durch die Gewalt Vertriebene. Das sind zumeist auch die Ärmsten der Armen, die nicht dorther kommen, wo der IS herrscht, sondern aus Dar‘a, Homs, Damaskus, Aleppo – also dort, wo gekämpft wird.
Wie sollte die jordanische Führung jetzt reagieren?
Zunächst ist das Gefühl, sich stark gegen die Brutalität des IS auszusprechen, nachvollziehbar. Es ist aber ein problematisches Signal an die internationale Gemeinschaft, dass man sofort zwei Leute hinrichtet. Die jordanische Regierung sollte ihren Diskurs mäßigen und – auch, wenn man den IS bekämpfen muss – verstärkt darauf hinarbeiten, dass es zu einer ausgleichenden Lösung in dem anderen Teil des syrischen Bürgerkriegs kommt: dem Kampf zwischen dem Assad-Regime und den oppositionellen Rebellen. Erst wenn dieser Konflikt eingehegt ist, dürfte sich auch der Einfluss des IS zwischen dem Nordosten Syriens und dem Irak nachhaltig verringern. Konkret würde dies bedeuten, dass sich Jordanien bei den Golfmonarchien stärker dafür einsetzt, eine einvernehmlichere Lösung zwischen Assad-Regime und der Opposition zu finden.
Und wie sieht das innerhalb Jordaniens aus?
Hier wird das Regime sicher versuchen, zukünftige Anschläge zu verhindern, die der IS oder jordanische Sympathisanten möglicherweise planen. Aber hier würde ich auch empfehlen, dass man nicht in die Logik der Zeit des Terroranschlags von 2005 zurückfällt, bei dem 60 Zivilisten in Amman starben. Als Folge fand eine weitreichende Versicherheitlichung des ganzen Lebens statt, die Jordaniens Monarchie noch autoritärer werden ließ. Auch der Arabische Frühling hat dies in Jordanien kaum gebessert. Aktuell sehe ich die Gefahr, dass durch den Vorwand dieser Eskalation die wenigen, noch bestehenden politischen Rechte weiter ausgehöhlt werden. Dies sollte möglichst vermieden werden.
Herr Bank, vielen Dank für das Gespräch.

Kommentare (2)

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Herr Nino Cardenas

06.02.2015, 01:54 Uhr

ISIS und Masseneinwanderung

ISIS brüstet sich damit mehr als 4000 verdeckte ISIS-Kämpfer in westliche Staaten eingeschmugelt zu haben - welche sich unter unschuldigen Asylbewerbern verstecken.

Das ist eine (von vielen) Folgen der von den etablierten Parteien betriebenen Politik der massenhaften Asyl-Zuwanderung und der massenhaften Zuwanderung im Allgemeinen. Durch die (Asyl-Zuwanderung ) wird nicht nur die deutschstämmige wie die gesamte christlich-europäisch Bevölkerung wird immer mehr verdrängt, sondern immer mehr durch islamistischen Terror gefährdet.

Eine von den vielen Folgen, die von den Mainstream-Medien, die gegen PeGiDa und AfD und grundsätzlich alle Einwanderungsbremser hetzen, bewusst ignoriert wird.

Herr Nino Cardenas

06.02.2015, 02:05 Uhr

ISIS und Masseneinwanderung


Hier ein Link zu einem Bericht einer englischen Tagesszeitung:

http://www.express.co.uk/news/world/555434/Islamic-State-ISIS-Smuggler-THOUSANDS-Extremists-into-Europe-Refugees

In den deutschen Qualitätsmedien wurde darüber kaum geprochen.

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