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10.07.2014

14:33 Uhr

Nahost-Konflikt

Angst vor Gaza-Bodenoffensive wächst

Bisher liefern sich Israel und die Hamas einen Kleinkrieg mit Raketen. Sollte Israels Armee nun allerdings Bodentruppen in den Gazastreifen schicken, könnte das Blutvergießen noch viel schlimmer werden.

Der Einsatz von israelischen Bodentruppen würde die nächste Stufe in der Eskalation des Nahost-Konflikts darstellen. Ob und wann ein Einmarsch in den Gaza-Streifen stattfindet, steht aber noch aus. Reuters

Der Einsatz von israelischen Bodentruppen würde die nächste Stufe in der Eskalation des Nahost-Konflikts darstellen. Ob und wann ein Einmarsch in den Gaza-Streifen stattfindet, steht aber noch aus.

Tel AvivSchon zum zweiten Mal an einem Tag heulen in Tel Aviv die Sirenen. Aufgeschreckt rennen die Menschen am Donnerstag in Schutzräume oder Treppenhäuser, in Erwartung eines neuen Raketenangriffs aus dem Gazastreifen. Kurz darauf sind im Stadtzentrum dumpfe Explosionen zu hören - die Raketenabwehr hat die Geschosse wieder in der Luft abgefangen. Berichte, zwei der Raketen seien im Bereich der Stadt eingeschlagen, sorgen aber für Aufregung.

In Israel sind Sommerferien, zu der Zeit des ersten Raketenalarms am Morgen sind viele Eltern gerade mit ihren Kindern unterwegs in die Ferienlager. Andere Menschen in der Mittelmeermetropole werden von den Sirenen aus dem Schlaf gerissen.

Die Raketenangriffe der militanten Palästinenser im Gazastreifen haben bei dieser Runde der Gewalt eine völlig neue Dimension erreicht. Immer neue Städte in Israel werden zum Ziel der Attacken aus dem blockierten Küstenstreifen - in der Summe mehr als je zuvor bei einem gewaltsamen Konflikt mit der Hamas. Auch auf den Atomreaktor in Dimona zielen die Extremisten inzwischen ab.

Fragen und Antworten zum Gaza-Konflikt

Worum geht es der Hamas?

Die radikalislamische Hamas-Bewegung kämpft um ihr Überleben. Im Westjordanland wurde sie in den vergangenen Wochen durch Massenverhaftungen und Beschlagnahmungen fast zerschlagen, im Gazastreifen ist sie nach dem Machtwechsel in Ägypten isoliert und finanziell liegt sie am Boden - "sie hat nichts mehr zu verlieren", sagt Muchaimer Abu Saada, Politikprofessor an der Al-Aksa-Universität in Gaza. Deshalb sucht die Hamas die Unterstützung der breiten palästinensischen Bevölkerung durch schnelle Erfolge - sei es die Aufhebung der Gaza-Blockade, sei es durch einen spektakulären Angriff auf israelische Ziele. Deshalb weitete sie diese Woche Ziele und Zahl ihrer Raketenangriffe aus und startete Kommandoaktionen mit Tauchern und durch Geheimtunnel.

Was will Israel erreichen?

„Am Ende darf die Hamas keine Mittel mehr besitzen, um Raketen zu fabrizieren“, sagt Gilad Erdan, Angehöriger des Sicherheitskabinetts und in der Regierung für das Ressort Umwelt zuständig. Anders als bei der Eskalation im November 2012 will sich Israel diesmal nicht mit einer Feuerpause zufriedengeben. Die Regierung stimmt die Bevölkerung deshalb auf einen längeren Waffengang und mögliche eigene Verluste ein.

Entsendet Israel Bodentruppen nach Gaza?

Zwei unterschiedliche Bodeneinsätze werden diskutiert: Eine langanhaltende Invasion hätte zum Ziel, wie im Westjordanland alle Strukturen der Hamas zu zerschlagen. Kürzer könnte ein Einmarsch verlaufen, der sich auf die nachhaltige Schwächung der bewaffneten Gruppierungen in dem Küstengebiet konzentriert. "Die Hamas rechnet nur mit einer begrenzten Bodenoffensive Israels, da eine Wiederbesetzung des Gazastreifens praktisch unmöglich ist", sagt Abu Saada. Gegenwärtig bringt Israel 30.000 Soldaten in Stellung und rüstet sie aus. Kommt es zu tödlichen Angriffen in Israel, würde dies den Invasionsbefehl beschleunigen.

Wie lang kann die Hamas ihr Drohpotenzial aufrecht erhalten?

Israelische Militärexperten schätzen die Feuerkraft der Hamas auf rund 10.000 Raketen sehr unterschiedlicher Reichweite - wobei sie in den vergangenen Tagen damit überraschte, dass ihre Projektile Ziele in 160 Kilometern Entfernung im Norden Israels erreichten. Die mehrere hundert Raketen größerer Reichweite in ihrem Besitz wird die Hamas aber nur sehr kalkuliert einsetzen, erwarten die Experten. Amos Gilad, Strategieberater im Verteidigungsministerium, sagt, es sei sehr unwahrscheinlich, dass die libanesische Hisbollah der Hamas durch gleichzeitigen Raketenbeschuss aus dem Südlibanon zu Hilfe kommt.

Wie kann das Ausland helfen?

Alle schauen hier zuerst nach Ägypten, das Beziehungen zu Israel und zu den Palästinensern unterhält und 2012 erfolgreich tätig wurde. „Eine Vermittlungsinitiative im eigentlichen Sinne gibt es derzeit nicht“, sagt dazu Badr Abdel Lati, Sprecher des Außenministeriums in Kairo. Entsprechende Kontakte hätten „zu keinem Ergebnis geführt“. Da die aktuelle ägyptische Regierung die Hamas als feindliche Organisation einstuft, ist sie zudem kaum bereit, deren Bedingungen für einen Waffenstillstand gegenüber Israel nachdrücklich zu vertreten. Professor Abu Saada rechnet deshalb damit, dass die Islamisten das Emirat Katar oder die Türkei als Vermittler anrufen könnten.

Die radikal-islamische Organisation könne mit Raketen wie der syrischen M-302 die Hafenstadt Haifa im Norden und vermutlich auch die Küstenstadt Eilat am Roten Meer erreichen, sagt Militärsprecher Peter Lerner. „Ganz Israel ist bedroht“, fügt er hinzu. Nach Angaben der Armee stellen die Raketen inzwischen schon für fünf Millionen von insgesamt acht Millionen Einwohnern eine Bedrohung dar.

Noch hat es keine Opfer unter den Israelis gegeben. Die Zahl der getöteten Palästinenser bei den massiven israelischen Luftangriffen im Gazastreifen - darunter sehr viele zivile Opfer - schnellt hingegen dramatisch in die Höhe. Doch die Raketenangriffe auf Israel gehen trotzdem weiter. Israel bereitet sich deshalb auf eine Ausweitung der Operation gegen Hamas und die mögliche Entsendung von Bodentruppen in das Palästinensergebiet vor. 20 000 Reservisten sind bereits eingezogen, die Hälfte des von der Regierung gebilligten Kontingents.

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