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07.01.2009

10:46 Uhr

Nahost-Konflikt

Gaza-Krieg: Der elfte Tag

VonPierre Heumann

Israels Armee greift Gaza mit einer Härte an, die Beobachter bisher nicht erlebt haben. Ärzte und Helfer sind überfordert, denn es fehlt überall am Nötigsten. Und in den zertrümmerten Städten des Gaza-Streifens hockt die Angst. Wie die Menschen in Gaza den Krieg erleben – ein Report.

Erschüttert über die Attacken steht ein Palästinenser vor den Trümmern eines zerbombten Hauses. Foto: Reuters Reuters

Erschüttert über die Attacken steht ein Palästinenser vor den Trümmern eines zerbombten Hauses. Foto: Reuters

TEL AVIV. Das Kind, dieser einsame Junge draußen auf der Straße, vor ihrem Haus. Er geht ihr nicht aus dem Kopf. Er irrte herum, weinte und schrie nach seinen Eltern.

Ihre Stimme überschlägt sich, wenn sie davon erzählt, bevor sie schließlich ganz versagt.

Amani Abu Rahmeh verlässt ihr Haus nun fast nicht mehr, einen mehrstöckigen Betonklotz in Gazastadt, seit die Raketen fliegen. In regelmäßigen Abständen diese ohrenbetäubenden Geräusche. Und dann bebt ihre Wohnung, bebt das Haus, erschüttert von den Schallwellen und der Wucht der Einschläge, und sie weiß nicht, ob eine Rakete bei ihr eingeschlagen hat oder nebenan.

Wenn sie begriffen hat, dass der Einschlag nicht hier war, sondern in der Nachbarschaft, geht sie zum Wohnzimmerfenster, und da sieht sie diesen Jungen auf der Straße vor ihrem Haus, vielleicht sechs oder sieben Jahre alt, allein und verloren. Sie fragt sich, was er da draußen tut, vielleicht weiß er gar nicht, in welcher Gefahr er sich befindet. Ob seine Eltern überhaupt noch leben?

Es drängt sie, diesem Jungen zu helfen. „Ich wollte ihn vor den israelischen Angriffen beschützen“, sagt Amani Abu Rahmeh. Sie will ihn reinholen. Es ist zwar nicht sicher in ihrer Wohnung, aber sicherer als auf der Straße ist man hier allemal. Sie kämpft mit sich.

Sie ist nicht zu ihm gegangen. Ihre beiden Töchter, beide im Teenageralter, schreien und klammern sich an ihren Arm. Sie weigern sich, allein gelassen zu werden. Und sei es nur für ein paar Minuten. Sie haben Angst, ihre Mutter würde nicht mehr zurückkommen.

Sie sieht es wieder vor sich, diesen Jungen und ihre weinenden Töchter, wenn sie davon erzählt. Als Amani Abu Rahmeh sich wieder gefasst hat, entschuldigt sie ihre Nervosität: „Ich habe seit drei Tagen nicht geschlafen, und ich habe schreckliche Angst.“

Dienstag, 6. Januar 2009, Tag elf seit Beginn der israelischen Luftangriffe auf den Gazastreifen, Tag vier seit Israel Bodentruppen in das Gebiet geschickt hat. Die Kämpfe zwischen der radikalen Hamas und dem israelischen Militär werden immer heftiger, die Israelis dringen tiefer in den Gazastreifen vor. Die Feuergefechte nehmen zu, ebenso die Zahl der Opfer.

Allein in der Nacht auf Dienstag wurden nach Angaben der palästinensischen Gesundheitsbehörde 50 Menschen getötet und weitere 150 verletzt. Wenige Stunden später hat eine israelische Rakete eine zum Flüchtlingslager umfunktionierte Schule getroffen. Dort hatten 450 Menschen Schutz gesucht. Wie viele bei dem Angriff gestorben sind, ist unklar. Die Angaben der Nachrichtenagenturen schwanken zwischen 15 und mindestens 40 Opfern.

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