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10.07.2014

08:55 Uhr

Nahost-Konflikt kommt vor den Sicherheitsrat

Palästinenserpräsident spricht von „Völkermord“

Israel und die Palästinenser haben ihre Militärschläge verschärft. Im Minutentakt warfen israelische Flugzeuge Bomben. Die Hamas feuert Raketen auf ein israelisches Atomkraftwerk. Nun tagt der Uno-Sicherheitsrat.

Gefechte in Nahost

Israel bombt in Minutentakt den Gaza-Streifen

Gefechte in Nahost: Israel bombt in Minutentakt den Gaza-Streifen

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New York/Gaza/Jerusalem/Tel AvivNach der neuen Gewalteskalation im Nahen Osten hat der UN-Sicherheitsrat eine Sondersitzung einberufen. Das Gremium werde sich am Donnerstag um 16 Uhr MESZ zusammenfinden, teilte die Uno-Vertretung Ruandas, die derzeit den monatlich rotierenden Vorsitz im Rat innehat, am Mittwoch (Ortszeit) per Kurznachrichtendienst Twitter mit.

Zunächst werde Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon das mächtigste UN-Gremium über die aktuelle Situation im Nahen Osten informieren. Danach werde der Rat hinter verschlossenen Türen beraten. Mehrere arabische und islamische Staaten hatten eine solche Dringlichkeitssitzung zuvor beantragt.

Der palästinensische Gesandte Rijad Mansur sagte: „Wir wollen, dass der Sicherheitsrat seine Verantwortung trägt und die Aggression gegen unser Volk stoppt.“ Das höchste UN-Gremium solle eine Resolution zum Schutz der Palästinenser verabschieden und die Verantwortlichen zur Rechenschaft ziehen.

Israelische Militäreinsätze im Gazastreifen

28. Juni 2006

Drei Tage nach der Entführung des israelischen Soldaten Gilad Schalit durch ein palästinensisches Kommando startet die israelische Armee die erfolglose Operation „Sommerregen“. Frei kommt Schalit erst im Oktober 2011 im Austausch für 1027 Gefangene.

Quelle: AFP

1. bis 7. November 2006

Beim Einsatz „Herbstwolken“ im Norden des Gazastreifens werden 56 Palästinenser getötet, die Hälfte Zivilisten. Am 26. November beendet die Armee eine fünfmonatige Offensive, bei der insgesamt mehr als 400 Palästinenser starben.

15. Juni 2007

Die radikalislamische Hamas übernimmt nach einwöchigen Kämpfen mit den Milizen der Fatah-Partei von Palästinenserpräsident Mahmud Abbas die Macht im Gazastreifen. Die Fatah kontrollierte seither nur noch das Westjordanland. Im September erklärt Israel den Gazastreifen zur „feindlichen Einheit“.

27. Februar bis 3. März 2008

Nach dem Tod eines Israeli bei einem palästinensischen Raketenangriff startet Israel den Militäreinsatz „Heißer Winter“, bei dem mehr als 120 Palästinenser getötet werden. Im Juni wird nach monatelanger Gewalt schließlich eine Waffenruhe vereinbart.

27. Dezember 2008

Wegen anhaltenden Raketenbeschusses startet Israel die Großoffensive „Gegossenes Blei“, bei der nach massiven Luftangriffen auch Bodentruppen im Gazastreifen zum Einsatz kommen. Bis zum Waffenstillstand am 18. Januar 2009 sterben 1400 Palästinenser und 13 Israelis.

31. Mai 2010

Die israelische Armee stürmt das Schiff „Mavi Marmara“, das trotz israelischer Warnungen mit anderen Booten Hilfsgüter in den Gazastreifen bringen will. Zehn türkische Aktivisten sterben.

April 2011

Bei einem neuen Gewaltausbruch werden 150 Geschosse auf Südisrael gefeuert; 20 Palästinenser sterben bei nachfolgenden Luftangriffen.

August 2011

Anschläge nahe des südisraelischen Badeorts Eilat mit acht israelischen Todesopfern lösen im und um den Gazastreifen eine Welle der Gewalt aus, in der 26 Palästinenser und ein Israeli umkommen.

März 2012

Israelischen Luftangriffe töten 25 Palästinenser, darunter 14 bewaffnete Kämpfer. Aus dem Gazastreifen werden über 250 Geschosse auf Israel abgefeuert.

Juni 2012

Gezielt werden zwei Kämpfer des Islamischen Dschihad getötet; es folgen einwöchige Luftangriffe mit 15 toten Palästinensern, während 152 Raketen in Südisrael einschlagen und fünf Israelis verletzen.

Oktober 2012

Bei militärischen Reaktionen auf 120 Raketenangriffe sterben 15 Palästinenser.

14. bis 21. November 2012

Mit der gezielten Tötung des Hamas-Kommandeurs Ahmed Dschaabari in Gaza-Stadt beginnt die israelische Militäroperation „Säule der Verteidigung“. Während der achttägigen Operation sterben bei hunderten Luftangriffen und massivem Raketenbeschuss 177 Palästinenser und sechs Israelis, in der großen Mehrzahl Zivilisten. Ägypten vermittelt einen Waffenstillstand, der 2013 zu relativer Ruhe führt.

Anfang 2014

Im ersten Quartal nimmt der Raketenbeschuss durch Islamisten, die mit der Hamas rivalisieren, wieder zu. Bei Luftangriffen sterben vier Palästinenser.

Ab Mitte Juni nehmen nach der Entführung von drei israelischen Jugendlichen und nachfolgenden breiten Militäroperationen im Westjordanland gegen die Hamas auch in Gaza Raketenbeschuss und Luftangriffe massiv zu.

Ab 8. Juli 2014

Israel startet die Operation „Schutzrand“ mit dem Ziel, den Raketenbeschuss dauerhaft zu stoppen. 40.000 Reservisten werden mobilisiert, um je nach Entwicklung eine Bodenoffensive zu starten.

Innerhalb der ersten 40 Stunden wurden mehr als 430 Ziele von israelischer Luftwaffe und Marine angegriffen; 39 Palästinenser werden getötet und über 300 verletzt. Im gleichen Zeitraum feuern Islamisten 143 Raketen auf Israel ab, von denen 61 im Flug durch Abwehrgeschütze zerstört werden. Mehr als 50 Raketen zielen auf israelische Städte, darunter Jerusalem und Tel Aviv.

Seit Beginn der israelischen Offensive gegen Ziele im Gazastreifen am frühen Dienstag sind nach Angaben des Gesundheitsministeriums in Gaza 75 Menschen getötet worden. Mehr als 400 seien verletzt worden, sagte der Ministeriumssprecher. Etwa zwei Drittel davon seien Zivilisten. Palästinensische Extremisten schossen auch in der Nacht zum Donnerstag weiter Raketen auf Israel ab. Israel setzte ebenfalls die Offensive fort.

Die extremistischen Al-Kassam-Brigaden erklärten, sie hätten in den vergangenen 48 Stunden 279 Raketen auf Israel abgefeuert. Andere militante Gruppen hätten mehr als 100 Raketen gestartet. Israelische Kampfflugzeuge hätten in den zwei Tagen der Offensive mehr als 75 Häuser in dem Gebiet an Mittelmeer bombadiert.

Das israelische Militär erklärte nach einem Bericht der Zeitung „Times of Israel“, es seien bisher in anderthalb Tagen mehr Ziele getroffen worden, als während der achttägigen Offensive gegen den Gazastreifen im November 2012. Bis Mittwochnachmittag seien 400 Tonnen Sprengstoff gegen den Gazastreifen eingesetzt worden.

Eskalation setzt Palästinenserpräsident unter Druck

Die Eskalation setzt auch Palästinenserpräsident Mahmud Abbas unter Druck, auf dessen Betreiben sich seine Fatah-Organisation kürzlich mit der Hamas versöhnt hatte. Er sprach am Mittwoch in Ramallah von einem „Krieg“ Israels gegen die Bevölkerung im Gazastreifen und einem „Völkermord“.

Abbas brachte Ägypten als Vermittler für einen Waffenstillstand ins Gespräch und erklärte, entsprechende Bemühungen liefen. Allerdings hatte es auch vor dem jüngsten Gewaltausbruch Kontakte Israels zu Ägypten gegeben, um die Hamas von einem weiteren Raketenbeschuss abzubringen. Diese waren nicht erfolgreich.

Die neue Führung in Kairo unter Präsident Abdel Fattah al-Sissi sieht die Hamas auch als Bedrohung für das eigene Land und hat zahlreiche Schmugglertunnel aus dem Gazastreifen zerstört. Die Hamas ist ein Ableger der in Ägypten verbotenen Muslimbruderschaft des von der Armee unter Al-Sissis Führung gestürzten Präsidenten Mohammed Mursi.

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