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19.05.2017

20:44 Uhr

Nahost-Visite

Warum die Araber auf Trump hoffen

VonMathias Brüggmann

Donald Trump ist der erste US-Präsident, den seine erste Auslandsreise in ein muslimisches und arabisches Land führt. Das fassen die Golf-Staaten als Rückendeckung auf. Doch sein Besuch droht einen Konflikt weiter anzuheizen.

Die Hoffnungen der Araber ruhen auf seinen Schultern. AP

Donald Trump und Ehefrau Melania

Die Hoffnungen der Araber ruhen auf seinen Schultern.

Riad„Together we prevail“, prangt an inzwischen fast jeder Ecke der saudi-arabischen Hauptstadt und amerikanische Flaggen wehen im über 40 Grad heißen Wüstenwind, Stunden bevor Donald Trump am Samstagmorgen in Riad landet. Die Erwartungen an den neuen US-Präsidenten hier sind gewaltig: Trump werde zusammen mit den arabischen Staaten den „Iran zurückpushen“, frohlockt der saudische Außenminister Adel Al-Jubeir auf einer eilig zusammengerufenen Presekonferenz. „Die Sterne könnten nicht besser stehen“, prophezeit Faisal Abbas, Chefredakteur der einflussreichen „Arab News“ fast schon auf die Fabelwelt aus 1001 Nacht anspielend.

Der Kampf gegen die gefühlte Vorherrschaft des Irans am Golf, Hilfe im Krieg der Araber im Jemen und in Syrien – wo sie auch den Iran als Hauptgegner ausmachen – sowie Vermittlung bei der Schaffung eines Palästinenserstaats – das sind die Hoffnungen, die von den reichen arabischen Petrostaaten am Golf auf Trumps Schultern gelegt werden. Und natürlich der gemeinsame Kampf gegen den Terror, unter dem alles firmiert.

„Nie zuvor hat ein US-Präsident seine erste Auslandsreise in ein muslimisches Land gemacht, geschweige denn in ein arabisches“, jubiliert Chefredakteur Abbas. Und er tritt mächtig gegen Trumps Vorgänger Barack Obama nach: „Es ist eine Schande, dass es acht Jahre lang gedauert hat, dass erst stabile Staaten kollabieren mussten, der IS entstand, viele frühere US-Verbündete von Iran destabilisiert werden mussten“, bis die USA und Saudi-Arabien wieder zusammen ihre gemeinsame Erfolgsgeschichte fortschrieben, die auf den gemeinsamen Kampf gegen die Sowjets in Afghanistan und die Befreiung Kuwaits von Iraks Diktator Saddam Hussein zurückgeht.

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Der Konflikt zwischen Iran und Saudi-Arabien ist in Syrien, Bahrain und Jemen in Stellvertreterkriege umgeschlagen. Die Iran-Wahl und Trumps Nahostbesuch wirken da wie Brandbeschleuniger. Ein banger Blick ins Wochenende.

Obama hatte das US-Engagement im Mittleren Osten zurückgefahren und sich stärker Asien zugewandt. Geschmeidig „vergisst“ Abbas beim Verbalangriff auf „acht desaströse Jahre Obamas“ den fatalen Einmarsch George W. Bushs in den Irak, den ihm sehr massiv auch saudische Vertreter aufgeschwatzt hatten. Er hat nach Auffassung vieler Beobachter genau das hervorgebracht, was die Araber nun Iran vorwerfen: den staatlichen Kollaps des Iraks, die Geburt islamistischer Terrororganisationen wie des IS, dessen Vorläufer vor allem gegen die US-Besatzung kämpften, sowie den politischen Bruch zwischen einigen arabischen Staaten.

Der Erzfeind heißt hier Iran

Aber dies wird auf der arabischen Seite des persischen Golfs eben anders gesehen: Hier gilt der Iran als Ursache allen Übels. Er stachele jemenitische Huthi-Rebellen an, fördere den Terror Baschar al-Assads gegen sein Volk in Syrien und habe zu mehreren Raketenangriffen auf saudisches Territorium animiert. Die Stimmung ist extrem aufgeheizt. Vor allem in Saudi-Arabien, das sich als Vormacht der sunnitischen Muslime begreift und Iran als Schutzmacht der Schiiten vorwirft, alle schiitischen Muslime als seine Staatsbürger anzusehen und militärisch für sie einzutreten.

Trumps Saudi-Staatsbesuch sieht am Samstag ein Treffen mit König Salman vor. Am Sonntag folgen in Riad Zusammenkünfte mit den sechs GC-Golfstaaten, darüber hinaus ein Treffen mit fast 40 Staatsoberhäuptern muslimischer Länder inklusive einer Grundsatzrede zum Islam und dem gemeinsamen Kampf gegen den Terror. Dies sei „die amerikanische Anti-These zur bisherigen US-Nahostpolitik“. Davon ist auch Edward Djerejian überzeugt, der für acht US-Administrationen beider Parteien arbeitete und nun Direktor des James Baker Institute for Public Policy in Washington ist. „Die Golfstaaten fühlen sich stark unterstützt durch klare politische Signale, Waffendeals und dass Trump alte Partner der USA wieder zu Ehren verhilft.“

Elliott Abrams, Mittlerer-Osten-Experte beim Council on Foreign Relations, bekräftigt: „Wer bisher geglaubt hat, die USA ziehen sich aus dem Mittleren Osten zurück, der irrt.“ Obwohl Trump im Wahlkampf heftig gegen den Atomdeal mit dem Iran polemisiert hat, ihn als „das schlechteste Abkommen aller Zeiten“ denunziert hatte, stelle er das Nuklearabkommen bisher als Präsident nicht substanziell infrage.

Dennoch gelte er bei den Arabern nicht mehr als „Iran-Freund“ wie Obama. Das, so Abrams, ermögliche dem daheim umstrittenen Chef des Weißen Hauses, von seinen arabischen Verbündeten „mehr zu bekommen, ohne mehr Druck ausüben zu müssen“. Das „Bekommen“ bezieht sich dabei sowohl auf wirtschaftliche Fragen wie auch das Engagement der Araber gegen den islamistischen Terror. Ihrerseits habe Trumps Administration bereits dafür gesorgt, dass mehr US-Militärboote im Persischen Golf patrouillierten und so den Arabern Schutz und den Iranern Abschreckung signalisierten.

Massive Aufrüstung, aber auch nachdenkliche Töne

Was den Schutz angeht, so hat Saudi-Arabien am Donnerstag die Gründung eines eigenen Rüstungskonzerns – Saudi Arabian Military Industries (SAMI) – bekanntgegeben. Die ersten Joint Ventures will SAMI bereits bei der Trump-Visite am Samstag mit US-Waffenschmieden unter Dach und Fach bringen. Rüstungsdeals von 300 Milliarden Dollar binnen zehn Jahren wollen die USA und Saudi-Arabien vereinbaren, heißt es im Vorfeld.

Auf dem Doha-Forum in der katarischen Hauptstadt kamen aber auch vorsichtigere Stimmen zu Wort: „Wenn Trump zu extrem gegen den Iran vorgeht, kann das fatal sein“, warnte hier ein hochrangiger Vertreter eines GCC-Staats. Iran habe jahrzehntelang mit harten Sanktionen gelebt und politisch habe dies nur den Hardlinern in Teheran genutzt. Auch ein europäischer Spitzendiplomat warnt: „Es besteht die Sorge, dass die Trump-Visite die saudische Wagenburgmentalität noch verstärkt.“ Kompromisslosigkeit statt Dialogsuche herrsche immer mehr vor und führe zu noch mehr Konfrontation.

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Ein Sonderermittler, dubiose Russland-Kontakte, Börsenturbulenzen – die Macht von Donald Trump schwindet. Das lässt weltweit die Finanzmärkte erschaudern – und macht Reformen in den USA immer unwahrscheinlicher.

Sebastian Sons, Mittlerer-Osten-Experte der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik und Autor eines Saudi-Arabien-Buchs, spricht bereits von einer „Iranoia“, einer obsessiven Paranoia der Saudis gegen den Iran. Trump droht nun diesen immer heftiger eskalierenden Konflikt weiter anzuheizen – wohl nicht zuletzt, weil er damit vor den eigenen Problemen am Potomac ablenken kann.

Und westliche Beobachter am Golf wundern sich, dass die arabischen Hoffnungen ausgerechnet auf einem liegen, der noch vor Kurzem mit seinem zweifach versuchten „Muslim-Bann“ die Einreise von Bürgern einiger Staaten kategorisch untersagen wollte. Der einigen arabischen Fluggesellschaften verordnet hat, deren Passagieren die Mitnahme von Laptops in die USA zu verbieten. „Das ist eine sehr komische und leider furchteinflößende Allianz", meint ein hochrangiger westlicher Beobachter in Riad.

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