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14.11.2015

01:49 Uhr

Nebensache Fußball

Angst und Betroffenheit auch im Nationalteam

Im Stade de France ist der Terror zu hören. Explosionen erschüttern während des Spiels der deutschen Weltmeister die Gegend um die Arena, in der 2016 der Europameister gekürt werden soll. Eine Massenpanik bleibt aus.

Zuschauer werden nach dem Spiel der Nationalmannschaften auf der Rasenfläche versammelt, um danach geordnet das Stadion zu verlassen AFP

Stade de France

Zuschauer werden nach dem Spiel der Nationalmannschaften auf der Rasenfläche versammelt, um danach geordnet das Stadion zu verlassen

ParisGleich der erste unglaublich laute Knall sorgt für ein mulmiges Gefühl auf den vollbesetzten Rängen. Das Stade de France scheint kurz zu erzittern. Die Bombendrohung des Nachmittags am DFB-Teamhotel ist sofort wieder in Erinnerung. Dann, wenig später - es läuft noch die erste Spielhälfte - folgt ein zweiter Knall, irgendwo hinter der riesigen Betonschüssel. Eine Explosion? Doch der Ball rollt im Länderspiel der deutschen Weltmeister gegen den EM-Gastgeber Frankreich vor fast 80 000 Zuschauern weiter.

Im Stadion herrscht eine merkwürdig gedrückte Stimmung. Hubschrauber kreisen am Himmel. Was hat das alles zu bedeuten? Nach und nach sickern erste Informationen durch. Frankreichs Präsident Francois Hollande hat die Arena verlassen, heißt es. Die schrecklichen Geschehnisse in der Stadt werden nach und nach bekannt.

Terror bei Sportereignissen

1972 München

Während der Olympischen Spiele in München im Jahr 1972 wurden elf israelische Sportler von palästinensischen Terroristen der Gruppe „Schwarzer September“ als Geiseln genommen – Ziel war die Freipressung von Gefangenen. Beim gescheiterten Befreiungsversuch auf dem Flughafen Fürstenfeldbruck starben alle noch lebenden Geiseln, ein Polizist und fünf der Terroristen.

1996 Atlanta

Im Olympia-Park von Atlanta explodierte während der Olympischen Spiele 1996 eine Bombe. Die Explosion tötete zwei Personen, mehr als 100 wurden verletzt. Täter war ein Anti-Abtreibungs-Aktivist.

2002 Madrid

Die baskische Terrorgruppe ETA brachte Anfang Mai 2002 eine Bombe im Vorfeld eines Champions-League-Halbfinalspiels zwischen Real Madrid und dem FC Barcelona zur Explosion. In weniger als 100 Metern Entfernung zum Stadion Santiago Bernabéu ging ein Sprengsatz hoch. Es gab keine Todesopfer.

2008 Rallye Dakar

Die berühmte Rallye wurde im Jahr 2008 abgesagt. Terrorwarnungen für Mauretanien hatten die Veranstalter dazu bewogen.

2009 Lahore

Der Mannschaftsbus des Cricket-Nationalteams von Sri Lanka wird in der pakistanischen Stadt Lahore von einer Gruppe bewaffneter Täter beschossen, die vermutlich dem Terrornetzwerk Al-Kaida nahe standen. Sechs Nationalspieler werden verletzt, sechs Polizisten und zwei Zivilisten sterben.

2013 Boston

Zwei Explosionen erschüttern den Bereich des Zieleinlaufs des Boston Marathons am 15. April 2013. Drei Menschen sterben noch am selben Tag, weit über 100 sind verletzt, einige von ihnen sehr schwer. Über die Hintergründe des Vorfalls herrscht zunächst Unklarheit.

Dann folgt der Schlusspfiff. Das Stadion war während der Partie zeitweise abgeriegelt - damit es keine Massenpanik gibt, werden jetzt die Tore geöffnet. Nach draußen, aber auch nach drinnen zum Rasen hin. Tausende strömen in den Innenraum der Arena. Vor dem Stadion laufen kurzzeitig Menschen hektisch durcheinander, als ein Tor wieder geschlossen wird. Hunderte Menschen rennen zurück, die Treppen ins Stadioninnere hinauf - aber es gibt offensichtlich keine Verletzten.

Vor dem Stadion gibt es drei Tote. Das erzählt Noel Le Graet, der französischen Fußballverbandspräsident, in der Mixed Zone. Alle anderen Medienaktivitäten der Spieler und Offiziellen sind abgesagt. Die deutschen Akteure und Bundestrainer Joachim Löw harren in der Kabine aus - stundenlang. „Wir werden uns jetzt beraten, was wir tun“, hatte Löw unmittelbar nach dem verlorenen Spiel gesagt.

Das 0:2 spielt angesichts der schrecklichen Ereignisse überhaupt keine Rolle mehr. „Wir sind alle erschüttert und schockiert“, sagte Löw in der ARD. Nach Mitternacht berichtet der Sicherheitsbeauftragte des DFB, Henrik Große Lefert: „Die Spieler sind sich der Situation sehr bewusst und sind alle angespannt. Wir hoffen, dass sich die Lage nicht weiter zuspitzt.“ Klar ist für den Verband: Die Mannschaft soll so schnell wie möglich nach Deutschland zurück. Wann das geht, weiß noch keiner.

Auf dem Rasen warten immer noch Tausende darauf, dass sie die Arena verlassen können. Unter den Besuchern sind auch 1200 Helfer der Germanwings-Katastrophe vom März, ein Dankeschön für ihren Einsatz in den französischen Alpen. Wie gerade sie sich an diesem Abend fühlen müssen?

Die rund 1000 Fans aus Deutschland saßen im Oberrang. Sie wurden wohl eher nach draußen geführt. Nach und nach werden die Besucher von Ordnern in gelben Overalls vom Rasen aus dem Stadion geleitet. Es bleibt erstaunlich ruhig, das Krisenmanagemet in der EM-Endspielarena funktioniert gut. Der Stadionsprecher trägt mit ruhiger Stimme dazu bei. Er verspricht Informationen auf der Verbandsseite am nächsten Tag..

Von

dpa

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