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04.06.2014

20:18 Uhr

Negativer Einlagezins

Die Dänen machen's vor

VonHelmut Steuer

Um die Kreditvergabe anzukurbeln, könnte die Europäische Zentralbank Banken mit einem Strafzins ärgern. Dänemark hat das schon einmal ausprobiert, wenn auch mit anderen Zielen. Wie sind die Erfahrungen im Nachbarland?

Ansicht von Kopenhagen: alles für die Verteidigung der Krone. Getty Images

Ansicht von Kopenhagen: alles für die Verteidigung der Krone.

StockholmWas der Eurozone bevorstehen könnte, hat Dänemark schon hinter sich: den negativen Einlagezins. Es war ein Experiment, das die dänische Zentralbank im Juli 2012 startete und erst im April dieses Jahres wieder beendete: Die Währungshüter war die ersten von Rang in Europa, die es wagten. Im Juli 2012 senkten die den Einlagezins von damals 0,05 Prozent auf minus 0,2 Prozent, nachdem andere Interventionen der Zentralbank zuvor verpufft waren.

Während der tiefen Schuldenkrise in Europa suchten mehr und mehr Investoren nach sicheren Geldanlagen und entdeckten dabei die dänische Krone. Die große Nachfrage nach der kleinen Währung brachte aber das wichtigste Ziel der Zentralbank in Gefahr: Nachdem Dänemark gleich zweimal in Volksabstimmungen „Nein zum Euro“ gesagt hatte, knüpfte die Zentralbank die dänische Krone mit einer Schwankungsbreite von 2,25 Prozent nach oben und unten an den Euro.

Doch durch das neu erweckte Interesse an der nordeuropäischen Währung geriet dieses Kursziel im Frühjahr 2012 immer stärker in Gefahr. Trotz mehrerer Leitzinssenkungen zog die Krone gegenüber dem Euro weiter an. Das große Interesse an der dänischen Währung lag in diesen unsicheren Zeiten auch an den gesunden Staatsfinanzen im Königreich: Die Staatsverschuldung betrug 2012 etwa 42 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. In der Eurozone pendelte sie sich bei durchschnittlich 92 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) ein.

Niedrige Inflation: Wie reagiert die EZB?

Was spricht für ein Eingreifen der EZB?

Die Inflation im Euro-Raum lag im Mai bei 0,5 Prozent – und damit weit entfernt von der Zielmarke der EZB von nahe zwei Prozent. Die Entwicklung erhöht den Druck auf die EZB, die Zinsen niedrig zu halten oder noch unter das Rekordtief von 0,25 Prozent zu senken. EZB-Präsident Mario Draghi hatte betont, die Notenbank werde sich notfalls entschieden gegen einen Preisverfall stemmen.

Warum sind sinkende Preise schlecht?

Für Verbraucher sind sinkende Preise zunächst erfreulich, schließlich bekommt man mehr für sein Geld. Die Gefahr ist, dass eine Abwärtsspirale in Gang kommt, wenn die Preise auf breiter Front fallen. Ökonomen nennen das Deflation. Unternehmen und Verbraucher könnten dann Investitionen hinauszögern - in der Erwartung, dass es in den nächsten Monaten noch günstiger für sie wird. Das könnte die ohnehin noch fragile Erholung der Konjunktur in Europa abwürgen.

Wie real ist die Deflations-Gefahr?

„Eine handfeste Deflation ist in der Eurozone eine sehr weit entfernte Gefahr“, meint Berenberg-Volkswirt Christian Schulz. Das betont auch regelmäßig das EZB-Spitzenpersonal. Bundesbankpräsident Jens Weidmann hatte Mitte März erklärt, er halte die Risiken von Preis- und Lohnrückgängen auf breiter Front im Euroraum für sehr begrenzt.

Was kann die EZB tun?

Bei den Zinsen hat die EZB den Boden fast erreicht. Mit einem Leitzins von 0,25 Prozent ist Zentralbankgeld für die Banken im Euroraum bereits extrem günstig. Ob eine weitere Zinssenkung die Geldinstitute dazu bewegen würde, mehr Kredite zu vergeben und so die Wirtschaft anzukurbeln, ist umstritten. Denkbar wäre, dass die EZB den Zins für Geld, das Geschäftsbanken bei der Notenbank parken, unter Null senkt. Theoretisch möglich wäre auch, dass die EZB in großem Stil Staatsanleihen aufkauft.

Bringen noch niedrigere Zinsen überhaupt etwas?

Theoretisch animiert das billige Geld Unternehmen zum Investieren und Verbraucher zum Konsumieren - beides kurbelt die Konjunktur an und erhöht so den Preisauftrieb. Doch gerade in den kriselnden Eurostaaten in Südeuropa blieb die Kreditvergabe zuletzt schwach. Nach Einschätzung des Bundesverbandes Deutscher Volksbanken und Raiffeisenbanken (BVR) kann die EZB mit noch billigerem Geld dagegen so gut wie nichts ausrichten.

Damit galt die Krone als sichere Anlage, bei der Investoren und die Banken, die ihr Geld kurzfristig bei der Nationalbank parkten, sogar negative Renditen in Kauf nahmen. Ihnen ging es vielmehr darum, ihr Geld bei einem eventuellen Zusammenbruch des Euro abzusichern – selbst wenn das etwas kosten sollte. Das Ziel der Nationalbank in Kopenhagen war also nicht in erster Linie eine Stimulierung der Kreditvergabe durch Banken, wie es jetzt bei der eventuellen Entscheidung der EZB zumindest offiziell der Fall wäre, sondern die Verteidigung der in engem Rahmen an den Euro geknüpften Krone. Die Aufwertung der dänischen Krone sollte schlicht und einfach gebremst werden.

Kommentare (4)

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Account gelöscht!

04.06.2014, 20:53 Uhr

"Dass die Banken, die wegen der negativen Zinsen ihr Geld nicht mehr bei der Zentralbank parken wollten, dafür die Kreditvergabe erhöhten, trat allerdings nicht ein."

Das verstehe ich nicht. Wirklich nicht!
Kann mir das bitte mal ein Banker erklären?

Die ganze Finanzkrise entstand doch dadurch, dass Banken laxe Kredite vergeben haben. Sollen Banken durch den negativen Einlagezins gezwungen werden riskante Kredite zu vergeben?

Und weiter, sollten nicht die ganzen angeordneten Stresstests sicherstellen, dass Banken über ausreichend Liquidität verfügen? Wo soll diese Liquidität hin, wenn man von der EZB bestrafft wird, sollte man sie haben?

Account gelöscht!

05.06.2014, 08:40 Uhr

Das Problem sind doch nicht die Banken, die keine Kredite vergeben wollen. Das Problem sind die Menschen, die keine Kredite aufnehmen wollen.
Das liegt am gesunden Menschenverstand, der einen Kreditaufnahme. ebenso wie Kinderkriegen übrigens, in wirtschaftlich unsicheren Zeiten verbietet.

Ausserdem spürt man inzwischen das es zu viel 'Geld' gibt. Es werden verzweifelt Möglichkeiten gesucht, es unterzubringen, so das jedes Mittel recht ist, den Kreislauf in Schwung zu halten. Sobald dieser stoppt werden sich immense Blasen bilden von denen wir heute noch keine Vorstellung haben.

Account gelöscht!

05.06.2014, 10:08 Uhr

Der Aufwand den eine Bank betreiben muss um z.B. einem kleinem Unternehmen ein Darlehen zur Verfügung zu stellen ist mittlerweile enorm. Das lohnt sich schlicht und ergreifend nur noch innerhalb bestehender Kundenbeziehungen. Damit ist der Wettbewerb praktisch ausgeschlossen. Regionale Institute wie Volksbanken oder Sparkassen halten dieses sehr breite Feld mehr schlecht als Recht am Leben weil zu wenig Personal vorhanden ist um die Anträge zu bearbeiten. Solange kleine und mittlere Unternehmen mit den gleichen Maßstäben gerated werden wie Großunternehmen wird das auch nichts mehr. Ich kenne einige Beispiele, bei denen gesunden Unternehmen die Kredite gekündigt wurden, weil sie in der Flaschen Branche tätig sind!

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