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08.01.2010

13:48 Uhr

Neue Anschläge

Ruhe zwischen Pakistan und Indien trügerisch

Im Grenzgebiet zwischen Pakistan und Indien ist es wieder zu einem Anschlag gekommen. Zuletzt hatte die pakistanische Militäroffensive Wirkung gezeigt: Die Extremisten zogen sich zurück. Nun steigt die Sorge, dass der Kaschmir-Konflikt wieder aufflammt.

HB SRINAGAR/KARACHI. Vermehrte Zwischenfälle mit Islamisten haben in Pakistan und dem Nachbarland Indien Sorgen vor einer Ausweitung der Gewalt auf zuletzt vergleichsweise ruhige Regionen angefacht. Waren bislang vorwiegend die Taliban-Hochburgen im pakistanischen Grenzgebiet zu Afghanistan betroffen, so reichen ihre Auswirkungen inzwischen bis in den indischen Teil der umstrittenen Region Kaschmir. Am Freitag wurden dort am Rande Srinagars zwei schwer bewaffnete islamistische Separatisten bei einem Gefecht mit einer Armee-Patrouille getötet. In der pakistanischen Wirtschaftsmetropole Karachi starben sechs mutmaßliche Extremisten, als in einem Versteck gelagerter Sprengstoff offenbar versehentlich explodierte.

Die jüngste Gewaltserie im indischen Teil Kaschmirs ist die schwerste seit zwei Jahren. Zu dem Zwischenfall vom Freitag kam es nach Polizeiangaben, als Extremisten der "Armee der Gerechten" eine Patrouille angriffen. Die in Pakistan ansässige Gruppe wird von Indien für die Anschläge in Mumbai verantwortlich gemacht, bei denen im November 2008 in drei Tagen 166 Menschen getötet worden waren.

Bei einer schweren Explosion in der südpakistanischen Hafenstadt Karachi sind sieben mutmaßliche Extremisten ums Leben gekommen. Der Fernsehsender Express News berichtete unter Berufung auf die Behörden, in einem Haus sei am Freitag vermutlich bei Vorbereitungen für einen Anschlag Sprengstoff explodiert. Ein verletzt festgenommener Verdächtiger habe ausgesagt, zu dem Vorfall sei es gekommen, als zwei Selbstmordattentäter ihre Sprengstoffwesten angezogen hätten.

Die Polizei in Karachi teilte mit, in den Trümmern des Hauses, das bei der Explosion einstürzte, seien sechs Leichen und Körperteile vermutlich eines siebten Toten gefunden worden. Sicherheitskräfte fanden in den Ruinen zwei noch nicht detonierte Sprengstoffwesten, Handgranaten, Schusswaffen sowie Munition. Innenminister Rehman Malik sagte, in dem Haus hätten sich Männer aus dem Swat-Tal aufgehalten, in dem die Armee im vergangenen Frühjahr bei einer Offensive gegen Aufständische nach offiziellen Angaben mehr als 2000 Taliban-Kämpfer tötete.

Am Donnerstag hatten Soldaten in Srinagar zwei Islamisten getötet, die sich in einem fünfstöckigen Hotel verschanzt und versucht hatten, das Gebäude in Brand zu stecken. Der Angriff, zu dem sich eine separatistische Gruppe bekannte, lähmte die Sommerhauptstadt des Bundesstaats Jammu und Kaschmir 22 Stunden lang. Geheimdienstvertreter warnen vor weiterer Gewalt in Kaschmir und anderen Teilen Indiens, weil in den vergangenen Monaten womöglich Hunderte Extremisten aus Pakistan ins Land gelangt seien. Experten zufolge könnte ein größerer Anschlag außerhalb Kaschmirs die Wiederaufnahme des seit den Anschlägen von Mumbai ausgesetzten Dialogs zwischen den Nachbarländern erschweren.

Bei der Sprengstoffexplosion in Karachi wurden nach Polizeiangaben zwei weitere mutmaßliche Extremisten verletzt und anschließend festgenommen. In den Trümmern des eingestürzten Hauses seien Handgranaten und ein Sturmgewehr gefunden worden. Karachi war in den vergangenen Jahren weitgehend von extremistischer Gewalt verschont geblieben. Seit dem Anschlag auf eine Prozession schiitischer Muslime in der vergangenen Woche geht jedoch die Angst um, dass die Aufständischen ihren Kampf auf die Handels- und Industriemetropole ausweiten könnten.

Eine Zunahme von Anschlägen wird neuerdings auch im pakistanischen Teil Kaschmirs verzeichnet, in dem es lange Zeit keine islamistischen Gewalttaten gab. Aufsehen erregten zuletzt Selbstmordattentate auf eine schiitische Moschee sowie auf eine Militärakademie. Vermutet wird, dass die Islamisten damit die Aufmerksamkeit der Sicherheitskräfte von der Militäroffensive gegen Taliban und Al-Kaida im Grenzgebiet zu Afghanistan ablenken wollen.

Eine Gruppe von US-Senatoren verteidigte am Freitag bei einem Besuch in Pakistan den zuletzt nochmals verstärkten Einsatz amerikanischer Drohnen gegen Extremisten auf pakistanischem Boden. Solche Angriffe seien gegen einen "sehr entschlossenen und schrecklichen Feind" nötig, sagte Senator John McCain. Die Regierung in Islamabad wendet sich offiziell gegen die in der eigenen Bevölkerung unbeliebten Angriffe.

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