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30.01.2016

02:48 Uhr

Neue Chance für Frieden in Syrien

Syrische Opposition will doch zu Friedensgesprächen reisen

Es gibt einen Funken Hoffnung: Die Friedensverhandlungen für Syrien drohten bereits zu scheitern, nun will die Opposition ab Samstag doch an den Gesprächen in Genf teilnehmen. Ihre Forderungen an Assad bleiben bestehen.

Exil-Syrer hoffen auf ein Ende des Bürgerkriegs. AFP

Demonstranten in Genf

Exil-Syrer hoffen auf ein Ende des Bürgerkriegs.

Genf/RiadDie syrische Opposition will zu den Friedensgesprächen unter Uno-Vermittlung nach Genf reisen. Das in Riad ansässige Hohe Verhandlungskomitee beschloss am Freitag nach eigenen Angaben, an einem „politischen Prozess“ teilzunehmen, um die Ernsthaftigkeit „der anderen Seite“ in Gesprächen mit Vertretern der Vereinten Nationen auf den Prüfstand zu stellen. Es habe zuvor Unterstützungszusagen mehrere Länder und der Uno bekommen.

Die Ankunft der Delegation in der Schweiz werde an diesem Samstag erwartet, sagte Oppositionssprecher Ahmed Ramadan im türkischen Istanbul. Allerdings werde sie nicht in Verhandlungen eintreten, bevor ihre humanitären Forderungen nicht erfüllt seien. Das Verhandlungskomitee der Opposition in der saudischen Hauptstadt Riad verlangt einen Stopp der Angriffe auf Zivilisten, ein Ende der Blockaden syrischer Städte sowie weitere Hilfslieferungen.

Die Uno-Friedensgespräche zu Syrien

Fragen und Antworten zu einem zähen Ringen

Diplomatie scheint die einzige Chance, Töten, Flucht und Vertreibung in Syrien zu stoppen. Doch die geplanten UN-Friedensgespräche in Genf stehen unter keinem guten Stern. Verhandeln sie oder nicht verhandeln sie nicht: Selbst am Freitag, als die Friedensgespräche der syrischen Konfliktparteien beginnen sollten, war das nicht abzusehen. Der UN-Gesandte Staffan de Mistura hatte Regierungs- und Oppositionsvertreter zu den ersten Verhandlungen seit 2014 nach Genf geladen und sie gemahnt, die Gelegenheit nicht zu verpassen. Doch über den Streit, wer mit am Tisch sitzen darf und wer nicht, könnte genau das passieren. Hier einige Fragen und Antworten zur Bedeutung der Syrien-Gespräche. (Quelle: AP)

Warum sind die Gespräche wichtig?

Jeder noch so kleine Schritt in Richtung Frieden nach fünf Jahren Bürgerkrieg mit einer Viertelmillion Toten und der Flucht von Millionen Menschen in Nachbarländer und nach Europa ist wichtig. Vertreter der Regierung von Präsident Baschar al-Assad und der Opposition sollen damit einen von den UN unterstützten und auf 18 Monate veranschlagten Plan für einen politischen Neuanfang in Syrien in Gang bringen. Auf dem Weg dahin sollen vertrauensbildende Maßnahmen und ein weitgehender, landesweiter Waffenstillstand vereinbart werden.

Dahinter haben sich die wichtigsten Verbündeten Assads, Russland und Iran, und die Unterstützer diverser Oppositionsgruppen wie die USA und Saudi-Arabien gestellt. Dennoch schwand wegen des Streits über den Teilnehmerkreis zuletzt die Hoffnung, dass der Prozess tatsächlich in Gang kommt.

Wer sind die Teilnehmer?

De Mistura hat den syrischen Außenminister Walid al-Muallim mit seiner Regierungsdelegation und den Leiter des Hohen Verhandlungskomitees der Opposition, Rijad Hidschab, eingeladen. Dem von Saudi-Arabien unterstützten Komitee gehören neben zivilen Gruppen auch Rebellenorganisationen an.

Die Regierungsdelegation wurde am Freitag in Genf erwartet. Die Oppositionsvertreter dagegen zunächst nicht - sie warteten nach eigenen Angaben auf eine Antwort von UN-Generalsekretär Ban Ki Moon auf ihre diversen Forderungen.

Zu den geladenen Teilnehmern gehörten auch von Russland unterstützte Oppositionelle wie der frühere stellvertretende Ministerpräsident Kadri Dschamil. Geladen waren auch gesellschaftliche Gruppen, darunter Frauenorganisationen und Unabhängige.

Nicht zu den Gesprächen gebeten wurde dagegen die größte kurdische Organisation in Syrien, die Demokratische Union PYD, und zwei militante Gruppen, die große Gebiete in Syrien kontrollieren: Der Islamische Staat und die zum Terrornetzwerk Al-Kaida gehörende Nusra-Front.

Was unterscheidet diese Verhandlungsrunde von früheren?

2014 scheiterten zwei Verhandlungsrunden in der Schweiz bereits an der Unfähigkeit oder dem Unwillen beider Konfliktparteien, sich auch nur auf eine Tagesordnung zu einigen. Die syrische Regierung wollte die Gespräche auf Terrorismusbekämpfung begrenzen, die Opposition wollte über einen Übergang verhandeln, der Assad schnellstmöglich von der Macht entfernt. Zudem war mit dem Iran einer der wichtigsten Verbündeten vom Verhandlungsprozess ausgeschlossen.

Dieses Mal gehört der Iran zu 17 Staaten, die sich hinter die Verhandlungen gestellt und sich im vergangenen Jahr auf einen Friedensplan verständigt haben. Auch die USA und Russland arbeiten diesmal enger als 2014 zusammen.

Weiterer Kritikpunkt an den 2014er-Verhandlungen war der Ausschluss sämtlicher bewaffneter Oppositionsgruppen. Das ist diesmal anders.

Gibt es deshalb mehr Hoffnung auf einen Durchbruch?

Nicht unbedingt. Tatsächlich gibt es fast keine Hoffnung. De Mistura hat versucht, die Erwartungen zu dämpfen, indem er zunächst lediglich indirekte Gespräche führen will – die Konfliktparteien also nicht in einem Raum am Verhandlungstisch zusammen bringen will. Stattdessen wollte er in einer Pendeldiplomatie zwischen den in verschiedenen Räumen tagenden Delegationen vermitteln. Insgesamt veranschlagte er die voraussichtliche Dauer der Verhandlungen auf ein halbes Jahr und stufte sie zudem zunächst einmal nur als Konsultationen ein.

Als ein nahezu unüberwindliches Hindernis für die Verhandlungen hat sich die Frage erwiesen, welche bewaffneten Gruppen in Syrien als terroristisch einzustufen seien. Nur über zwei Organisationen gibt es diesbezüglich einen Konsens: Islamischer Staat und Nusra-Front.

Es gibt aber viele andere Gruppen, die für die eine oder andere Seite terroristisch ist. Die Türkei betrachtet die kurdische PYD als Terroristen und hat den Boykott der Gespräche angedroht, sollte sie eingeladen werden. Russland stuft die Armee des Islams als terroristische Vereinigung ein, die zu der von Saudi-Arabien nominierten Delegation gehört. Syrische Oppositionsgruppen und Saudi-Arabien wiederum betrachten die schiitische libanesische Hisbollah-Miliz als terroristisch, die Assads Truppen unterstützt.

Was passiert, wenn der Verhandlungsprozess scheitert?

Ohne Aussicht auf eine politische Lösung wird der Konflikt militärisch noch mehr eskalieren. Nach derzeitigem Stand dürfte das dank der russischen Luftunterstützung vor allem Assads Truppen nutzen.

Seit Beginn der russischen Luftangriffe in Syrien am 30. September haben die syrischen Truppen etliche militärische Erfolge gegen die Rebellen erzielt. Es wird damit gerechnet, dass Moskau die Unterstützung für Assads Militär noch verstärkt.

Auf der anderen Seite dürften die hinter Saudi-Arabien stehenden Golfstaaten ihre Waffenlieferungen an diverse Rebellengruppen erhöhen.

Uno-Sondervermittler Staffan de Mistura rief die Regimegegner zur Teilnahme an den Verhandlungen auf. Die Opposition habe wichtige humanitäre Fragen angesprochen. Eine Verbesserung der Situation für die Menschen in Syrien lasse sich am besten in Genf diskutieren, sagte er am Freitagabend nach einem ersten Gespräch mit der Delegation der syrischen Regierung.

Die USA haben die Entscheidung des wichtigsten syrischen Oppositionsbündnisses begrüßt, doch an den Friedensgesprächen in Genf teilzunehmen. US-Außenminister John Kerry sagte am Freitag im kanadischen Québec, die USA erwarteten von allen Teilnehmern, dass sie ihren "guten Willen" unter Beweis stellten und "rasch" zu Fortschritten kämen.

In einer Erklärung erinnerte Kerry zudem an die Resolution 2254 des UN-Sicherheitsrates, in der auch humanitäre Hilfe für belagerte Gebiete in Syrien verlangt wird. Damit verwies der US-Außenminister auf eine der zentralen Forderungen, die das syrische Hohe Verhandlungskomitee (HNC) - eine Allianz von Gegnern der Regierung von Präsident Baschar al-Assad - vor einer Teilnahme an den Genfer Friedensgesprächen gestellt hatte.

Auch Saudi-Arabien und Frankreich bewerteten die Zusage des Oppositionsbündnisses positiv. Riad begrüße die Entscheidung, erklärte das saudiarabische Außenministerium. Die Regierung in Paris erklärte, es müsse alles dafür getan werden, um eine politische Lösung zu erreichen.

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