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19.03.2013

19:30 Uhr

Neue Eskalationsstufe

Syrische Kämpfer sprechen von Chemiewaffen-Einsatz

Atemnot, Chlorgeruch, rosa-farbener Rauch in den Straßen Aleppos: Im syrischen Bürgerkrieg sind offenbar Chemiewaffen eingesetzt worden. Es gab dutzende Tote. Großbritannien droht mit Konsequenzen.

Angeblich Chemiewaffen in Syrien eingesetzt

Video: Angeblich Chemiewaffen in Syrien eingesetzt

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BeirutIm syrischen Bürgerkrieg ist offenbar eine neue Eskalationsstufe erreicht: Regierung und Aufständische warfen sich am Dienstag gegenseitig vor, bei einem Raketenangriff nahe Aleppo Chemiewaffen eingesetzt zu haben. Dabei wurden einer oppositionsnahen Beobachtungsstelle zufolge 26 Menschen getötet, darunter mindestens 16 Soldaten. Augenzeugen berichteten von Opfern mit Atemnot, es gab Berichte über Chlorgeruch und rosa-farbenen Rauch in den Straßen.

Eine Bestätigung für einen Chemiewaffen-Einsatz gab es weder von westlicher Seite noch von internationalen Organisationen. Allerdings stützte Russland die Darstellung der syrischen Regierung. Die USA nahmen die Rebellen gegen den Vorwurf des C-Waffen-Einsatzes in Schutz. Es wäre der erste Einsatz von Chemiewaffen in dem seit 2011 andauernden Konflikt.

Wirren um syrische Chemiewaffen

Seit wann verfügt Syrien über Chemiewaffen?

Das syrische Chemiewaffenprogramm soll in den 70er und 80er Jahren mit Hilfe der Sowjetunion entwickelt worden sein, um die Abschreckung gegen das Nachbarland Israel zu erhöhen. Laut einem Bericht der Washingtoner Denkfabrik CSIS von 2008 soll Syrien anschließend von der Unterstützung des Iran bei der Entwicklung von Chemiewaffen profitiert haben.

Um welche Art von Waffen handelt es sich und wo sind diese gelagert?

Öffentlich zugängliche Informationen über das Arsenal existieren praktisch nicht, da Syrien nicht Mitglied der Organisation zum Verbot von Chemiewaffen ist. Nach Einschätzung der Brookings Institution in Washington verfügt Syrien aber über ein hochentwickeltes Chemiewaffenprogramm, zu dem Senfgas, Saringas und das tödliche Nervengas VX gehört.

Laut einer Untersuchung des Zentrums für Studien zur Nicht-Verbreitung (CNS), gibt es in Syrien mindestens vier, möglicherweise fünf Chemiewaffenfabriken, die nahe der Städte Damaskus, Aleppo und Hama liegen. US-Beamte hatten im Februar die Zahl der zum Schutz der Waffen nötigen Einsatzkräfte auf 75.000 Mann beziffert. Laut einem Bericht des "Wall Street Journal" von diesem Monat wurden Chemiewaffen zuletzt womöglich an andere Orte gebracht.

Wie ist Syrien bislang mit den Waffen umgegangen?

Die syrischen Chemiewaffen sind bisher noch nie zum Einsatz gekommen, auch nicht bei Konflikten mit Israel wie dem Libanonkrieg 1982. Der zur Opposition übergelaufene Ex-Botschafter Syriens im Irak, Nawaf Fares, hatte in der vergangenen Woche gesagt, Syriens Machthaber Baschar al-Assad könnte die Chemiewaffen gegen die Aufständischen einsetzen und habe dies womöglich schon getan. Am Montag dann erklärte Damaskus, die Waffen "niemals" gegen die syrische Bevölkerung einzusetzen, schloss aber einen Einsatz im Fall eines "ausländischen Angriffs" nicht aus.

Wie sind die internationalen Reaktionen angesichts der möglichen Gefahr durch die Waffen?

Die USA haben Syrien zuletzt aufgefordert, die Sicherheit bei der Lagerung der Chemiewaffen zu gewährleisten, andernfalls werde die internationale Gemeinschaft die Verantwortlichen zur Rechenschaft ziehen. Israel zeigte sich insbesondere besorgt, sollten Chemiewaffen in den Wirren des Syrien-Konflikts der libanesischen Hisbollah-Miliz in die Hände fallen. Auch Jordaniens König Abdullah II. hatte gewarnt, das bereits in Syrien präsente Terrornetzwerk Al-Kaida könne von dem Chaos in Syrien profitieren und "schlimmstenfalls" an Chemiewaffen gelangen.

Informationsminister Omran al-Soabi erklärte, die Aufständischen hätten vom Bezirk Nairab in Aleppo aus eine mit chemischen Kampfstoffen bestückte Rakete auf die Stadt Chan al-Assal abgefeuert. Der Bezirk Nairab befindet sich zum Teil in Rebellenhand. Die syrischen Streitkräfte würden niemals international verbotene Waffen einsetzen, selbst wenn sie über solche verfügten, wurde Soabi im Staatsfernsehen zitiert.

Offiziell hat Syrien nicht bestätigt, dass es Chemiewaffen hat. Ein Rebellen-Sprecher machte hingegen regierungstreue Kräfte für den Angriff verantwortlich. „Wir glauben, dass sie eine Scud(-Rakete) mit chemischen Stoffen abgefeuert haben”, sagte ein hochrangiger Aufständischer in Aleppo. „Die Rebellen stecken nicht hinter dem Angriff.”

Ähnlich äußerte sich auch das US-Außenministerium. Es gebe keinen Grund zu der Annahme, dass die Rebellen die international geächteten Kampfstoffe eingesetzt hätten, sagte eine Ministeriumssprecherin in Washington. Die USA haben Präsident Baschar al-Assad mehrfach vor einem Einsatz von Chemiewaffen gewarnt - dadurch würde eine rote Linie überschritten. In Syrien sollen etwa 1000 Tonnen chemische Kampfstoffe lagern, darunter Sarin, Senfgas und VX.

Kommentare (7)

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Frank3

19.03.2013, 18:11 Uhr

Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.

george

19.03.2013, 19:42 Uhr

Wir sind zutiefst besorgt, dass Massenvernichtungswaffen in die Hände der Rebellen gelangt sind“, heißt es in einer Stellungnahme auf der Webseite der Behörde. Dieser Umstand treibe die Konfrontation in Syrien in eine neue Spirale. „Wir appellieren erneut an alle vernünftigen Kräfte in Syrien, auf Gewalt zu verzichten und reale Schritte zu einer politischen Beilegung am Verhandlungstisch zu tun.“

Laut einem Bericht der syrischen Staatsmedien haben die Rebellen im Raum Chan al-Assal in der nördlichen Provinz Aleppo Chemiewaffen eingesetzt und mindestens 16 Menschen getötet. 86 weitere sollen verletzt worden sein. Die Opposition, die seit zwei Jahren mit Waffen gegen die Regierung kämpft, wies den Vorwurf von sich und beschuldigte die Regierungsarmee des Einsatzes einer Rakete mit chemischen Substanzen.

roterkaufmann

19.03.2013, 22:41 Uhr

Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte achten Sie auf unsere Netiquette: „Kommentare sind keine Werbeflächen“ http://www.handelsblatt.com/netiquette

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