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15.12.2016

12:59 Uhr

Neue Flüchtlingsrouten

Über den Fluss Evros in ein besseres Leben

Das Flüchtlingsabkommen zwischen der EU und der Türkei hat die Route über die Ägäis-Inseln weitgehend lahmgelegt: Wer illegal übersetzt, wird zurückgeschickt. An der griechisch-türkischen Grenze sieht das anders aus.

Da das Übersetzen mit Booten von der Türkei auf die griechischen Inseln mitunter sehr gefährlich und die Gefahr, zurückgeschickt zu werden, sehr hoch ist, weichen viele Flüchtlinge auf den Landweg aus.

Neue Routen

Da das Übersetzen mit Booten von der Türkei auf die griechischen Inseln mitunter sehr gefährlich und die Gefahr, zurückgeschickt zu werden, sehr hoch ist, weichen viele Flüchtlinge auf den Landweg aus.

Didymoticho Das Wasser ist kalt, die Strömung gefährlich. Die Ufer sind matschig und schwer zugänglich. Im Winter wirkt der Fluss Evros, der auf gut 150 Kilometern die türkisch-griechische Grenze bildet, wenig einladend. Wer aber vor Krieg und Terror geflohen ist, der lässt sich davon kaum abschrecken. Und im Vergleich zu einer waghalsigen Fahrt über das Mittelmeer ist der Weg nach Europa hier ohnehin fast ein Katzensprung.

Neuerdings hat diese Route noch einen weiteren Vorteil: Anders als auf den Inseln im Süden droht hier auf der anderen Seite nicht die direkte Abschiebung. Denn das Abkommen zwischen der Türkei und der EU, das seit März eine Rückführung von illegal eingereisten Flüchtlingen vorsieht, gilt nur für den Seeweg. Seit einigen Monaten wählen daher immer mehr Flüchtlinge den Weg über den Evros. Wer es hier schafft, hat gute Chancen auf eine Weiterreise in andere Länder Europas.

Was treibt Flüchtlinge nach Europa?

Syrien

Die Syrer stellen die größte Gruppe; 2014 kamen nach Angaben der Grenzschutzagentur Frontex 66 700. Millionen Syrer sind auf der Flucht vor einem extrem brutal ausgetragenen Religions- und Bürgerkrieg; viele sind Flüchtlinge im eigenen Land oder gingen in die Türkei und den Libanon.

Eritrea

Das Land am Horn von Afrika gehört zu den ärmsten Ländern der Welt. Präsident Isaias Afwerki regiert seit 1993 mit eiserner Faust. Oppositionelle werden ermordet oder inhaftiert. Viele junge Menschen fliehen vor dem Militärdienst. Laut Frontex nahmen 2014 rund 34 300 Menschen aus Eritrea das Risiko einer Überfahrt auf sich.

Afghanistan

Nach vielen Jahren Bürgerkriegs liegen Infrastruktur und Wirtschaft des Vielvölkerstaats am Boden. Industrie gibt es kaum. Dafür floriert der Drogenhandel und die Taliban sind unbesiegt. Viele Afghanen sehen daher keine Zukunft in ihrer Heimat.

Mali

Die 16 Millionen Einwohner des armen Wüstenstaates kämpfen um das tägliche Überleben. Nach einem Militärputsch hatten Islamisten 2012 den Norden erobert und waren erst von einer internationalen Truppe zurückgeworfen worden. Die Sicherheitslage bleibt prekär und die Korruption hemmt die Entwicklung.

Nigeria

Die islamistische Terrorgruppe Boko Haram hat in Teilen des Nordostens einen Gottesstaat ausgerufen. Ihre Angriffe kosteten Tausende das Leben. 1,5 Millionen Menschen flohen vor der Miliz in andere Landesteile oder ins Ausland. Mehr als die Hälfte der Einwohner des potenziell reichen Landes lebt in extremer Armut.

„Es war schrecklich kalt“, sagt der Iraner Kevin Mohamadi. „Wir waren eine Gruppe von 16 Leuten, darunter zwei afghanische Familien mit je vier Kindern.“ Nach Angaben des 37-Jährigen hatten die Flüchtlinge Schleuser dafür bezahlt, sie in einem Boot über den Fluss zu bringen. „Danach mussten wir vier Stunden durch einen Wald laufen, um nicht geschnappt zu werden.“

Eine genaue Statistik zur Zahl der illegalen Grenzübertritte am Evros gibt es nicht. Die wenigen vorliegenden Angaben weisen aber auf einen deutlichen Anstieg hin. Im Oktober wurden etwa 655 Flüchtlinge, die meisten von ihnen aus Syrien, sowie 33 Schleuser festgenommen. Das sind doppelt so viel wie noch im September. Nach Angaben der griechischen Polizei werden derzeit jeden Monat zudem etwa 4000 Personen durch gezielte Patrouillen am Grenzübertritt gehindert – fast dreimal so viele wie noch in diesem Sommer.

„Die Flüchtlinge kommen meist in einem Boot“, sagt Panagiotis Ageladarakis, Bürgermeister des etwa 1,5 Kilometer vom Evros entfernten Ortes Amorio. Der Fluss sei an einigen Stellen zwar bis zu 150 Meter breit, an anderen Stellen sei der Abstand zwischen den Ufern aber auch geringer. „Die Türken bringen sie herüber“, sagt Ageladarakis. „Anschließend gehen sie zu Fuß in unsere Dörfer. Das ist inzwischen ein ganz normaler Anblick.“

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