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25.11.2013

06:35 Uhr

Neue Gezi-Partei

„Erdogan hat Angst vor uns“

VonCatalina Schröder

Anhänger der Gezi-Park-Bewegung haben in der Türkei eine Partei gegründet. Im Interview spricht ihr Vizechef Erhan Imrak über die Ziele der Bewegung, die Forderung nach einem neuen politischen System und Geldprobleme.

Aufstand in Istanbul: Aus der Protestbewegung ist eine Partei geworden. dpa

Aufstand in Istanbul: Aus der Protestbewegung ist eine Partei geworden.

Herr Imrak, was für eine Partei ist die neue Gezi-Partisi?
Erhan Imrak: Wir verstehen uns als Dachorganisation für Menschen unterschiedlicher politischer und sozialer Richtungen und verschiedener Religionen: Sozialisten, Muslime, Lesben, Homophobe und Christen arbeiten bei uns zusammen. Uns verbindet, dass wir für Menschenrechte, Demokratie, Meinungsfreiheit und gegen die aktuelle türkische Regierung kämpfen. Unser Anführer ist kein Vorsitzender, wie man ihn von anderen Parteien kennt. Alle Mitglieder haben bei uns gleich viel zu sagen. Egal, ob sie Präsident, Vize-Präsident oder normales Mitglied sind. Das ist für uns Demokratie.

Kann eine Partei funktionieren, in der Menschen mit so unterschiedlichen Idealen und Denkweisen zusammenarbeiten?
Auf jeden Fall. Jeder von uns will versuchen, seine politische Richtung hinten an zu stellen und helfen, die Türkei zu einem besseren Land zu machen. Natürlich gibt es bei uns Konflikte, aber das ist doch das Gute: Nur, wenn wir streiten und diskutieren, kommen wir auf neue Ideen, die uns voranbringen. Wir können ein Vorbild für Regierungskritiker in anderen Ländern sein. Viele Staaten haben horrende Schulden gemacht, schauen Sie nur nach Europa oder in die USA. Politische Systeme auf der ganzen Welt funktionieren nicht richtig oder brechen sogar zusammen, das haben wir im Arabischen Frühling gesehen. Wir als Gezi-Partisi glauben, dass ein Volk selbst entscheiden muss, wohin sich sein Land entwickelt. Das ist keine Entscheidung, die eine Regierung alleine treffen kann.

Erhan Imrak ist der Vizechef der neuen Gezi-Partei.

Erhan Imrak ist der Vizechef der neuen Gezi-Partei.

Was genau soll sich denn in der Türkei ändern?
Wir wollen, dass die Türkei demokratischer wird. Jeder soll sagen dürfen, was er denkt, ohne dafür bestraft oder unterdrückt zu werden. Das ist unser erstes Ziel.

Wie hat die Regierung unter Premierminister Recep Tayyip Erdogan auf Ihre Partei reagiert?
Ich glaube, dass Erdogan vor der Gezi-Park-Bewegung Angst hat. Das hat schon das Polizeiaufgebot gezeigt, mit dem er sie unterdrücken wollte. Uns als Partei unterschätzt er aber, weil wir noch nicht so viele Mitglieder haben. Bisher gab es eher kleine Angriffe – vermutlich kamen sie von der Regierung: Man hat versucht, unseren Facebook-Account zu knacken und unsere Mailkonten wurden gehackt. Vielleicht wird es noch ein halbes Jahr dauern, aber schon bald werden wir genug Mitglieder haben, um eine echte Gefahr für die Regierung zu werden.

Die Protestwelle in der Türkei

8. Juni:

Die Proteste in Istanbul erhalten Zulauf von Zehntausenden Fußballfans verschiedener Vereine. Auf dem Taksim-Platz in Istanbul versammeln sich noch mehr Menschen als an den Tagen davor. Die AKP schließt Neuwahlen als Reaktion auf die Protestwelle im Land aus.

9. Juni:

Während sich Zehntausende Regierungsgegner besonders in Istanbul und Ankara versammeln, zeigt sich Erdogan vor Anhängern in der Provinz kämpferisch. Die Demonstranten seien „Marodeure“, die Fortschritte in der Türkei verhindern wollten. Die Polizeigewerkschaft kritisiert die Einsatzbedingungen bei den Protesten. Sechs Polizisten hätten bereits Selbstmord begangen.

10. Juni:

Die Protestwelle reißt nicht ab, die Polizei geht in mehreren Städten erneut gegen Demonstranten vor. Erdogan will sich erstmals mit Vertretern der Protestbewegung treffen. Ein Gespräch sei für Mittwoch geplant.

11. Juni

Die Polizei stößt zehn Tage nach ihrem Rückzug wieder auf den Taksim-Platz vor, liefert sich schwere Auseinandersetzungen mit Demonstranten. Spät abends ähnelt der Platz einem „Schlachtfeld“, so der türkische Nachrichtensender NTV.

12. Juni

Die deutsche Politik ist entsetzt über die Gewalt in der Türkei. Kanzlerin Angela Merkel fordert Erdogan zum Dialog mit der Oppositionsbewegung auf. Dieser bringt ein Referendum über das Bauprojekt im Gezi-Park ins Gespräch.

13. Juni

Erdogan fordert friedliche Demonstranten auf, das Gelände am Taksim-Platz zu verlassen. „Ich warne zum letzten Mal: Mütter, Väter, bitte holt Eure Jugendlichen ab.“

14. Juni

Erdogan lenkt teilweise ein. Im Streit um die Bebauung des Gezi-Parks will die Regierung die endgültige Entscheidung des Gerichts abwarten. Die Zahl der Todesopfer steigt auf fünf.

15. Juni

Erdogan droht bei einer Kundgebung seiner Anhänger in Ankara erneut mit Polizeigewalt, nachdem die Demonstranten erklärt haben, dass sie weiter machen wollen. Am Abend stürmt die Polizei den Gezi-Park in Istanbul unter Einsatz von Tränengas und Wasserwerfern.

Kommentare (9)

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nichtsalsdiewahrheit

25.11.2013, 08:57 Uhr

Selten so einen Müll gelesen.

Das Handelsblatt versucht einfach mit einer ständigen Propaganda den genesenden Man am Bosporus medientechnisch in Deutschland immer noch als "krank" dar zustellen.

Von neutraler berichtserstattung ist hier nichts zu lesen.

Wenn in Deutschland Rebellen / Aktivisten einen Park / ein Areal besetzen und die dort eingreifende Polizei mit Molotof Coktails bewerfen würde, dann ginge die Polizei auch hier nicht so sanft ins Gefecht (SIEHE STUTTGART 21!!!)

Aber dass Aufständische in der Türkei von den Europäern begrüßt werden, das ist ihnen natürlich recht..

Ganz verschwiegen wird natürlich die Tatsache (ja es wurde bereits mehrfach bewiesen) dass Aktivisten Geld für Ihre Anteilnahme an diesem Aufstand erhalten.

Macht nur weiter so, wie meine ganzen Vorredner auf allen anderen Artikeln es auch zu sagen pflegen: das Handelsblatt hat Bild Niveau und verkommt zu einem noch tieferen Status.

Vom Marmara Projekt wird aber komischerweise nich berichtet, oder dassd die Türkei nun seine Imf Schulden beglichen hat usw. Positive errungenschaften Erdogans werden total verschwiegen. oder die Tatsache dass nun das mindervolk also die Kurden auch akzeptiert werden (Erdogan hat ihnen ein eigenes Staatsfernsehen eröffnet, ihre sprache und ihr dasein akzeptiert (wichtig: nicht toleriert) und fördert den Ausbau in des ostens.

Aber ich verstehe sie auch. wenn mama meint, dass erdogan böse sei, dann müssen sie das auch übernehmen. sonst gibts haue haue :(

Hochstapler

Account gelöscht!

25.11.2013, 10:29 Uhr

Echt jetzt ??? "Lesben" arbeiten in der Partei mit "Homophoben" zusammen ? - Das wäre ja ein Ding ! Andererseits, mal so betrachtet, man kann als Mann sehr leicht Homosexuelle Männer abstoßend finden aber Lesben dennoch mögen.
Vielleicht korrigiert der für den Artikel verantwortliche Praktikant des HBs das Wort einfach..

Account gelöscht!

25.11.2013, 10:38 Uhr

Ich bin wahrlich kein großer Freund Erdogans, kann Ihnen in dieser Hinsicht aber leider meistens beipflichten. Aus irgendwelchen Gründen ist die vorherrschende Berichterstattung über Erdogan, insbesondere in einschlägig linken Medien (zu welchen das HB jedoch nicht zählt), eher düster geprägt. Vielleicht liegt dies daran, dass Erdogan zunehmend eine Politik betreibt die jener seiner Vorgänger ähnelt. Autoritär und undemokratisch. Sie müssen den Westen auch verstehen.. Autoritärer Laizistischer Herrscher in der Türkei = okay wenns sein muss; Autoritärer, islamistisch veranlagter Herrscher in der Türkei = nicht okay... Um ehrlich zu sein schließe ich mich dieser Denkweise gerne an. Ich will keine islamistische Türkei.. Und, mal ehrlich, würde man Erdogan nach der Frankschen Formel "lassen wie er wollte" dann würde er "wollen wenn er könnte".

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