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16.06.2013

15:55 Uhr

Neue Hoffnung in Iran

„Bye, bye Ahmadinedschad“

VonMartin Gehlen

Der künftige Präsident ist kein Reformer, das letzte Wort liegt beim Klerus. Aber dennoch: Rohanis Sieg, seine mutige Kritik und seine Gesprächsangebote sind die besten Nachrichten, die Iran seit langem zu bieten hatte.

Anhänger von Hassan Rohani feiern des Sieg des moderaten Politikers bei der Präsidentschaftswahl in Iran. dpa

Anhänger von Hassan Rohani feiern des Sieg des moderaten Politikers bei der Präsidentschaftswahl in Iran.

KairoNur wenige mutige Sätze waren es, die ihm am Ende die Herzen der von jahrelanger Tyrannei zermürbten Iraner zufliegen ließen. Es gebe eine „erdrückende Sicherheitsatmosphäre“ im Land, kritisierte Hassan Rohani und versprach seinen Wählern eine neue „Charta der Freiheitsrechte“. Er werde alle Schlösser öffnen, die das Leben der Menschen in den letzten acht Jahren angekettet hätten.

„Lange leben die Reformen“, skandierte eine begeisterte Menge, als sie dem 64-jährigen Geistlichen bei seiner Schlusskundgebung in der Pilgermetropole Maschad einen enthusiastischen Empfang bereitete. Seit die Ex-Präsidenten Mohammed Khatami und Ali Akbar Rafsandjani wenige Tage vor der Abstimmung ihr gesamtes politische Prestige hinter den früheren Atomunterhändler geworfen hatten, wurde Hassan Rohani von einer Welle öffentlicher Sympathie getragen, die den ruhigen und introvertierten Kleriker am Freitag bereits in der ersten Wahlrunde zum spektakulären Sieger der iranischen Präsidentenwahl machte.

Die vier Hauptkandidaten bei der Präsidentenwahl

Ali-Akbar Welajati

Wenn alles nach Plan läuft, ist der konservative Politiker der sichere Sieger. Alle Vorzeichen sprechen für ihn. Als ehemaliger Außenminister hat er die Voraussetzungen für eine solide diplomatische Arbeit. Wegen seiner Funktion als Berater des obersten Führers, Ajatollah Ali Chamenei, ist ihm die Unterstützung des Klerus und gesamten Establishments sicher. Im Atomstreit setzt der 67-jährige Kinderarzt auf eine „kalkulierte Diplomatie“, um weitere Konfrontationen mit dem Westen zu vermeiden. Welajati ist zwar konservativ und regimetreu, wird aber wegen seiner langjährigen Erfahrung als Außenminister als pragmatisch eingestuft.

Said Dschalili

Gilt als einer der Geheimfavoriten. Als Atomchefunterhändler von Präsident Mahmud Ahmadinedschad könnte er sowohl die Stimmen von dessen Anhängern als auch die von konservativen Wählern bekommen. Der 47-jährige Politologe, der im Iran-Irak-Krieg (1980-1988) einen Teil seines rechten Beines verlor, wird von Beobachtern als Hardliner eingestuft. Er ist gegen eine Annäherung an den Westen und Kompromisse im Atomstreit mit der internationalen Gemeinschaft. Mit seinen Wahlslogans „Widerstand ist unser erstes und letztes Wort“ und „Weder Kompromiss noch Nachgiebigkeit“ kommt er besonders bei den Islamisten im Land gut an.

Mohammed Bagher Ghalibaf

Ist definitiv der beliebteste unter den acht Kandidaten. Als Bürgermeister Teherans wird er in der Hauptstadt als „Mann fürs Praktische“ oder „Macher“ bezeichnet. Der 51-jährige General und Kriegsveteran ist einer der konservativen Kandidaten im Präsidentschaftsrennen. Wegen seiner Erfolgsbilanz als Polizeichef, besonders im Kampf gegen Drogenschmuggel, wurde er 2005 zum Bürgermeister in Teheran gewählt. Auch in dieser Funktion konnte er mit zahlreichen Reformprojekten überzeugen. Seine Popularität ist jedoch mehr auf die Hauptstadt Teheran begrenzt.

Hassan Rowhani

Der ehemalige iranische Atomchefunterhändler gilt zwar nicht als Reformer, er ist aber Kandidat des Reformlagers. Nach acht Jahren politischer Abstinenz will er als Präsident ein Ende der internationalen Isolation des Landes erreichen. Der Wahlslogan des moderaten Klerikers ist „Besonnenheit und Hoffnung“. Mit seiner Erfahrung als ehemaliger Chefunterhändler will der 64-Jährige auch den Atomstreit mit dem Westen schlichten. Seine Visitenkarte für den Westen: Unter seiner Leitung stellte der Iran 2005 sein Programm zur Anreicherung von Uran kurzfristig ein.

Hunderttausende Menschen feierten mit Tanz und Hupkonzerten in Teheran und zahlreichen anderen Städten der Islamischen Republik die Niederlage der Hardliner. Rohani nannte seinen Erfolg einen Sieg der Mäßigung und Vernunft über Extremismus und schlechte Manieren. Gleichzeitig appellierte er an die internationale Gemeinschaft, das iranische Volk mit Respekt zu behandeln und die legitimen Rechte ihrer Nation anzuerkennen.

„Lange sollen die Reformen leben“, skandierten hunderttausende Iraner die ganze Nacht zum Sonntag in den Straßen und riefen „Bye, bye Ahmadinedschad“. Reformzeitungen priesen seinen Nachfolger als „Scheich der Hoffnung“. Immer wieder forderten Sprechchöre junger Leute auch „Freiheit für die politischen Gefangenen“ und „Freiheit für Mussawi und Karroubi“, die beiden Führer der vor vier Jahren brutal unterdrückten Grünen Bewegung.

Mahmud Ahmadinedschad: Vom Supermann zum Buhmann

Mahmud Ahmadinedschad

Vom Supermann zum Buhmann

Für seine Anhänger ist Ahmadinedschad der gefeierte Führer einer neuen politischen Welle in Iran. Für seine Kritiker Auslöser der derzeitigen politischen und wirtschaftlichen Krise. Im August endet seine Ära.

Sieger Rowhani hatte im Wahlkampf seine Anhänger demonstrativ violette Armbänder und Kopftücher tragen lassen, eine geschickt inszenierte Verbeugung vor der im Iran unvergessenen Kampagne in Grün seiner beiden per Hausarrest terrorisierten Vorgänger.

Nach dem amtlichen Endergebnis, was das Innenministerium am Samstagabend bekannt gab, konnte sich der 64-jährige Geistliche mit 50,7 Prozent gegen seine fünf erzkonservativen Konkurrenten durchsetzen und auf Anhieb die absolute Mehrheit erringen.

Kommentare (4)

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KleinErna

16.06.2013, 17:33 Uhr

Juchuh, ..... dann ist der Machmirdendjihad jetzt Geschichte!

Account gelöscht!

16.06.2013, 18:21 Uhr

Der Neue ist kein Reformer
Warten es also erst einmal ab

MIB

16.06.2013, 20:21 Uhr

Die Alternativen für die iranischen Wähler bestanden - auf deutsche Verhältnisse übertragen - zwischen NSDAP und NPD. Aber vielleicht entspricht dies ja auch der iranischen Gesellschaft. Von "Reformern" zu sprechen ist aber jedenfalls ein Irreführung. Wenn ein atheistischer und kommunistischer Jude zum Präsidenten gewählt würde, könnte man vielleicht von einem Reformer sprechen; aber so jemand dürfte im Iran ja nicht kandidieren, so jemand dürfte lediglich auf offener Straße ermordet werden.
Im Konzentrationslager Auschwitz „lebten“ übrigens zeitweise mal 18.500 Juden. Von denen hat sich keiner „beschwert“; nur, etwa weil die Lebensbedingungen so toll waren? Aus dem Schweigen von menschen in einem Terror-Regime kann man nicht den Schluss ziehen, dass es den Menschen gut geht. Einen interessanten Artikel von Wahied Wahdat-Hagh zum Thema Antisemitismus im Iran findet man hier: http://jungle-world.com/von-tunis-nach-teheran/1742/ .
Atheisten oder Agnostikern droht im Iran übrigens die Todesstrafe!
Für die parallelen zwischen islamischen Fundamentalismus und Faschismus muss man übrigens nicht Hitler heranziehen [siehe dazu: http://www.christundwelt.de/themen/detail/artikel/herrn-hitlers-spaete-liebe-zum-islam/], sondern kann auf die Forschungen von Hamed Abdel-Samad verweisen, gegen den ja kürzlich aus salafistischen Kreisen eine Fatwa verhängt wurde: „Der religiöse Faschismus ist kein Phänomen einer verschrobenen Auslegung des Islam dieser Tage, der religiöse Faschismus ist im Islam selbst begründet und schon von Mohammed propagiert worden.“[http://www.n-tv.de/politik/Salafist-ruft-Fatwa-gegen-Deutschen-aus-article10802466.html] Der Mann ist übrigens Mitglied der „Islamkonferenz“!
Es wäre wünschenswert, wenn man in den Redaktionen von Süddeutscher Zeitung, Handelsblatt und FAZ mal die Realitäten zur Kenntnis nehmen würden!

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