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13.01.2009

18:11 Uhr

Neue Richtlinie

EU verbietet gefährliche Pestizide

VonRuth Berschens

Die EU zieht Pestizide aus dem Verkehr, die Krebs verursachen oder das menschliche Erbgut schädigen. Auch für Honigbienen gefährliche Pflanzenschutzgifte werden verboten. Eine entsprechende EU-Richtlinie hat das Europaparlament mit großer Mehrheit verabschiedet.

Nach Angaben des Europäischen Parlaments enthält fast die Hälfte des in Europa produzierten Obstes und Gemüses einen Cocktail aus Pestiziden. Foto: ap ap

Nach Angaben des Europäischen Parlaments enthält fast die Hälfte des in Europa produzierten Obstes und Gemüses einen Cocktail aus Pestiziden. Foto: ap

STRASSBURG. EU-Abgeordnete werteten den Beschluss parteiübergreifend als Meilenstein im Kampf gegen schädliche Substanzen in der Landwirtschaft. „Ziel ist es, so wenig Pestizide wie möglich zu verwenden“, sagte die federführend zuständige Europaabgeordnete Christa Klaß (CDU). Das Verbot gefährlicher Substanzen zwinge die Chemieindustrie zu mehr Innovation, erklärte die Grünen-Parlamentarierin Hiltrud Breyer. Die europäischen Unternehmen könnten nun an die weltweit Spitze rücken bei der Entwicklung eines umweltfreundlichen und für Menschen unschädlichen Pflanzenschutzes.

Industrie- und Agrarverbände hatten das zunächst anders gesehen und sich erbittert gegen das Pestizid-Verbot gewehrt. Die Landwirtschaft würde damit zugrunde gerichtet, warnten deutsche Chemiekonzerne. Inzwischen scheinen sich die Unternehmen allerdings mit den neuen Bestimmungen angefreundet zu haben. Gestern war kein Protest mehr zu hören. Deutschlands Bauernpräsident Gerd Sonnleitner sieht die Landwirte vor großen Herausforderungen. Die Auswirkungen des Verbots seien derzeit schwer abzuschätzen. Der Deutsche Bauernverband zeigte sich aber erfreut, dass überzogene Vorschläge entschärft worden seien.

Das dürfte auch damit zu tun haben, dass die Giftstoffe nicht über Nacht aus der Landwirtschaft verschwinden müssen. „Die Agrarwirte Deutschlands müssen nicht um ihre Ernten fürchten“, beruhigte die SPD-Europaabgeordnete Dagmar Roth-Berendt die Bauern. Vielmehr greift das Verbot schrittweise. Bis 2016 werden Schätzungen zufolge 22 gefährliche Substanzen endgültig aus dem Verkehr gezogen.

Zwar will die Europäische Union hochtoxische Pestizide und Umwelthormone, die Krebs erzeugen, das Erbgut verändern oder die Fortpflanzung schädigen, mit sofortiger Wirkung verbieten. Doch die fraglichen Substanzen können trotzdem für weitere fünf Jahre zugelassen werden, wenn sie für den Pflanzenschutz nachweislich unverzichtbar sind.

Zurzeit sind in der Hälfte von jeglichem in der EU angebauten Obst, Gemüse und Getreide Rückstände von Pflanzengiften enthalten. Besonders stark belastet sind Weintrauben, Bananen und Paprika. Insgesamt wurden nach Angaben der Grünen 345 verschiedene Pestizide in Lebensmitteln nachgewiesen.

Die neue EU-Richtlinie sieht im Einzelnen vor, dass die Mitgliedstaaten eine Positivliste genehmigter chemischer Substanzen für den Pflanzenschutz aufstellen. Das bedeutet: Alle bislang genehmigten Substanzen können bis zum Auslaufen ihrer Genehmigung weiter verwendet werden. Gefährliche Substanzen auf dieser Liste sollen schneller als bisher durch neue unschädlichere Stoffe ersetzt werden. Dies bringt der Industrie einen wichtigen Vorteil: Die extrem langwierigen Zulassungsprozeduren für chemische Substanzen in Pflanzenschutzmitteln werden beschleunigt. Ursprünglich hatte das Parlament verlangt, die Hälfte der als schädlich eingestuften Substanzen schnell zu untersagen. Diese Forderung konnte die europäische Volksvertretung jedoch nicht gegen den Widerstand der Mehrheit der EU-Mitgliedstaaten durchsetzen.

Die neue EU-Gesetzgebung soll auch helfen, die bedrohten Honigbienen zu retten. Das seit Jahren in Europa und den USA beobachtete Bienensterben führen Experten unter anderem auf Pflanzenschutzgifte zurück. In Deutschland etwa starben im Frühjahr vergangenen Jahres mehr als 300 Millionen Bienen nach der Aussaat von Mais, der mit dem Pestizid Clothianidin behandelt war. In Frankreich kollabierten im vergangenen Jahr 60 Prozent der Bienenstöcke, in den USA fast 40 Prozent. Laut der EU-Richtlinie dürfen neue Pflanzenschutzmittel künftig nur noch zugelassen werden, wenn negative Effekte auf Bienen und ihre Larven ausgeschlossen sind.

Die neue EU-Richtlinie schreibt ferner vor, dass Landwirte und Lebensmittel-Großhandel die Nutzung von Pestiziden bis zu fünf Jahre lang dokumentieren müssen. Ziel ist es, Pestizid-Rückstände in Lebensmittel zurückverfolgen zu können. Die Mitgliedstaaten der Union müssen die neue EU-Gesetzgebung bis 2011 in nationales Recht umsetzen.

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