Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

18.02.2014

07:12 Uhr

Neue Verhandlungen

Iranisches Atomprogramm auf dem Prüfstand

Vorsichtiger Optimismus bei den Wiener Konferenzteilnehmern: Die Verhandlungen über das iranische Atomprogramm gehen in die nächste Runde. Das Misstrauen gegenüber dem islamischen Staat ist immer noch groß.

Die 5+1 Gruppe verhandelt über iranische Industriestandpunkte wie den Schwerwasserreaktor in Arak. dpa

Die 5+1 Gruppe verhandelt über iranische Industriestandpunkte wie den Schwerwasserreaktor in Arak.

WienIn Wien beginnen am Dienstag neue Verhandlungen über das iranische Atomprogramm. Gesprächspartner sind die fünf UN-Vetomächte sowie Deutschland (5+1-Gruppe) und der Iran. Die Gespräche unter der Leitung der EU-Außenbeauftragten Catherine Ashton sollen bis Donnerstag dauern.

Es ist das erste große Folgetreffen nach der historischen Einigung auf ein Zwischenabkommen im vergangenen November in Genf. Die Diplomaten wollen den Kurs hin zu einer „umfassenden Lösung“ des Atomstreits mit Teheran abstecken. Nach bisheriger Planung soll binnen sechs Monaten ein Ergebnis vorliegen. Teheran hofft auf eine Aufhebung der Wirtschaftssanktionen, die 5+1-Gruppe will Gewissheit über den friedlichen Charakter des iranischen Atomprogramms.

Unmittelbar vor Beginn der Verhandlungen herrscht auf amerikanischer Seite allenfalls vorsichtiger Optimismus. Die Gesprächspartner müssten komplizierte Themen bewältigen, sagte ein hochrangiger US-Regierungsbeamter am Montagabend. Zugleich sei man entschlossen, der Diplomatie eine Chance zu geben. Immerhin gelte es in den nächsten sechs Monaten, Jahrzehnte des Misstrauens zu überwinden.

Als ein großes Hindernis auf dem Weg zu einer Einigung gilt die Zukunft des Schwerwasserreaktors Arak, dessen Plutonium im Prinzip auch zum Bau von atomaren Sprengköpfen verwendet werden könnte. Außerdem sollen mit Hilfe der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) alle Fragen zu einer etwaigen militärischen Komponente des Atomprogramms geklärt werden.

Vor allem der Westen verdächtigt den Iran, zumindest in der Vergangenheit solche Ziele verfolgt zu haben.

Zeitgleich zu den Verhandlungen werden auch die neuen Berichte der IAEA zur Vertragstreue des Irans erwartet. Teheran hatte sich im vergangenen November als ersten Schritt bereiterklärt, seine Urananreicherung zu drosseln. Im Gegenzug haben die EU und die USA einen kleinen Teil der Wirtschaftssanktionen aufgehoben.

Die iranischen Atomanlagen

Schwerwasserreaktor in Arak

Eine zentrale Rolle im Atomstreit spielt der geplante Schwerwasserreaktor in Arak, rund 250 Kilometer südwestlich von Teheran. Solche Reaktoren werden mit gewöhnlichem, nicht angereichertem Uran befeuert und mit sogenanntem schwerem Wasser, einer molekularen Variante, gekühlt. Schwerwasserreaktoren sondern als Nebenprodukt mehr Plutonium ab als Reaktoren, die mit gewöhnlichem Wasser gekühlt werden. Plutonium wiederum kann für die Herstellung von Atomwaffen eingesetzt werden.

Der Bau des Reaktors in Arak begann 2004 und ist fast fertig. Ein Datum für die Inbetriebnahme ist jedoch noch nicht bekannt. Der Iran gibt an, die Anlage für die Herstellung von Isotopen für medizinische und industrielle Zwecke nutzen zu wollen. Die UN-Inspektoren haben die Anlage bereits besichtigt. Vor knapp zwei Wochen sagte die Regierung ihnen überdies zu, weitere Kontrollen zu ermöglichen.

Urananreicherungsanlage in Natans

Der Iran betreibt zwei bedeutende Urananreicherungsanlagen. Die älteste und größte befindet sich in Natans, rund 260 Kilometer südwestlich von Teheran. Die Schutzmaßnahmen sind aufwendig: Die Zentrifugen stehen unter der Erde und die Anlage wird von mehreren Luftabwehrgeschützen verteidigt. Seit 2006 drehen sich die Zentrifugen und reichern Uran an. Insgesamt soll der Iran nach UN-Angaben 18.000 Zentrifugen besitzen

Urananreicherungsanlage in Fordo

Die zweite Anlage liegt in Fordo, im bergigen Süden der Hauptstadt Teheran. Die Regierung hielt die Urananreicherungsanlage lange geheim. Erst 2009 wurde ihre Existenz durch ausländische Geheimdienste bekannt. Das Gelände wird von den elitären Revolutionsgarden geschützt. Die UN-Inspektoren haben beide Anlagen in Natans und in Fordo bereits besucht und Systeme für eine Rund-um-die-Uhr-Überwachung eingerichtet. Der Iran will aber nach eigenen Angaben zehn weitere Anlagen zur Urananreicherung bauen. Details zu den Plänen sind jedoch noch nicht bekannt.

Reaktor Buschehr

Das Kraftwerk Buschehr befindet sich im Südwesten des Landes an der Küste des Persischen Golfs. Das Projekt hatte schon vor der islamischen Revolution 1979 mit deutscher Beteiligung begonnen, später wurde es mit russischer Unterstützung weiter betrieben. 2011 wurde Buschehr als erstes iranisches Atomkraftwerk ans Netz angeschlossen.

Reaktor Teheran

Der wichtigste Forschungsreaktor steht in der iranischen Hauptstadt. Dort werden vor allem Isotope für medizinische Zwecke produziert. Die UN-Experten haben Zugang zu der Anlage.

Reaktoren in Planung

In den kommenden 20 Jahren plant der Iran den Bau mehrerer neuer Reaktoren. Wenige Details sind bekannt. Der meistdiskutierte Vorschlag ist ein Reaktor zur Energiegewinnung in Darchowin in der südwestlichen Provinz Chusestan. Er soll ausschließlich mit iranischer Technologie konstruiert werden. Der Iran hat der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) versprochen, seine Pläne zu erläutern.

Uranmine Saghand

Die bedeutendste Uranmine des Landes liegt in Saghand in der zentralen Provinz Jasd. Dort lagern die größten iranischen Vorkommen. Die Inspektoren dürfen die Mine betreten.

Uranmine Gachin

Eine kleinere Uranmine liegt am Persischen Golf. Ganz in der Nähe gibt es eine Raffinerie in Bandar Abbas. Seit 2006 wurden hier kleine Mengen von sogenanntem Yellowcake hergestellt. Dabei handelt es sich um ein gelbes, pulverförmiges Material aus Uranverbindungen, aus dem Brennstäbe hergestellt werden.

Uranmine Ardakan

Rund 500 Kilometer südlich von Teheran ist eine Raffinerie zur Produktion von Yellowcake geplant. Sie ist noch nicht in Betrieb.

Militäranlage Parchin

In Parchin südöstlich von Teheran befindet sich ein Militärgelände, auf dem konventionelle Waffen getestet werden. Die IAEA vermutet, dass dort eine unterirdische Anlage existiert, in der Zünder für Atomsprengköpfe getestet worden sein sollen. Der Iran weist die Vorwürfe zurück. Zwar konnten die Inspektoren den Stützpunkt 2005 besuchen, seither verlangt die IAEA aber erneut Zugang, den sie aber bislang nicht bekam.

Israel schätzt die Gespräche in Wien erneut sehr skeptisch ein. Ministerpräsident Benjamin Netanjahu hatte schon im Vorfeld gewarnt, Teheran habe vom bisherigen Verhandlungsfortschritt deutlich mehr profitiert als der Westen. Israel fühlt sich vom Iran bedroht und hat einen Militärschlag gegen dessen Atomanlagen erwogen.

Netanjahu sagte am Sonntag nach Angaben seines Büros: „Man muss ehrlich sagen, dass der Iran bislang als Einziger von den Gesprächen profitiert hat, ohne selbst etwas Bedeutendes zu geben“. Die Sanktionen gegen Teheran seien bereits deutlich gelockert worden und die iranische Wirtschaft profitiere davon. Teheran setze dennoch seine „aggressive Politik“ fort. „Im Iran selbst werden weiterhin dauernd unschuldige Menschen hingerichtet und im Ausland unterstützt der Iran die tödlichen Taten des syrischen Regimes“, sagte Netanjahu. Teheran rüste auch Terrororganisationen weiterhin mit fortschrittlichen Waffen aus. „Und es ruft natürlich weiterhin zur Zerstörung Israels auf.“

Von

dpa

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×