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03.04.2014

11:51 Uhr

Neuer Finanzminister Sapin

Frankreich will mehr Zeit für Defizitabbau

Die Etatsanierung in Frankreich lahmt, 2013 lag das Staatsdefizit noch immer bei 4,3 Prozent. Der neue Finanzminister Michel Sapin möchte den Zeitrahmen für den geplanten Defizitabbau daher jetzt „neu besprechen“.

„Europa wird es bessergehen, wenn es Frankreich bessergeht“. Der neue französische Finanzminister Michel Sapin wünscht sich für Frankreich mehr Zeit zum Defizitabbau. AFP

„Europa wird es bessergehen, wenn es Frankreich bessergeht“. Der neue französische Finanzminister Michel Sapin wünscht sich für Frankreich mehr Zeit zum Defizitabbau.

ParisFrankreich will die EU nochmals um mehr Zeit zur Sanierung des Staatshaushalts bitten. An dem geplanten Defizitabbau halte die zweitgrößte Volkswirtschaft der Euro-Zone zwar fest, sagte der neue Finanzminister Michel Sapin am Donnerstag in einem Radio-Interview. Der Zeitrahmen dafür müsse aber neu besprochen werden, fügte er hinzu. Das sei auch im Interesse Europas. „Europa wird es bessergehen, wenn es Frankreich bessergeht“, sagte Sapin.

Die EU-Partner haben dem Land bereits zwei Jahre mehr Zeit gegeben, um das Defizit unter die erlaubte Obergrenze von drei Prozent zu drücken. Das soll nun bis Ende 2015 gelingen. Sowohl Euro-Gruppen-Chef Jeroen Dijsselbloem als auch Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble haben Frankreich bereits aufgefordert, seine Verpflichtungen einzuhalten.

Woran Frankreich krankt

Wettbewerbsfähigkeit

In Frankreich sticht die ungünstige Entwicklung der Wettbewerbsfähigkeit hervor. Auch deshalb ist der Weltmarktanteil des Exportsektors des Landes deutlich gesunken; die Leistungsbilanz hat sich seit Beginn der Währungsunion kontinuierlich verschlechtert– von einem Überschuss von 2,6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu einem Defizit von zuletzt etwa 2 Prozent. Im Durchschnitt der zurückliegenden drei Jahre hat Frankreich damit das höchste Leistungsbilanzdefizit aller Kernländer aufgewiesen. Im „Global Competitiveness Report 2012-2013“ belegt Frankreich damit nur Rang 21 von insgesamt 144 Ländern. Im Jahr 2010 wurde es mit Rang 15 noch deutlich besser bewertet.

Quelle: Frühjahrsgutachten der führenden deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute; Commerzbank

Lohnstückkosten

Die Lohnstückkosten sind seit 1999 um 30 Prozent gestiegen. Die Lage heute: Während eine Arbeitsstunde deutsche Arbeitgeber 30,40 Euro kostet, fallen westlich des Rheins 34,20 Euro an. Typisch für den Niedergang sind die Autobauer. „Hier verdichten sich die Probleme Frankreichs“, sagt Commerzbank-Chefökonom Jörg Krämer. Das Land produziere 40 Prozent weniger Kraftfahrzeuge als 2005, Deutschland dagegen 15 Prozent mehr.

Arbeitslosigkeit

Die wirtschaftliche Entwicklung lässt kaum eine deutliche Reduzierung der Arbeitslosigkeit und der öffentlichen Verschuldung erwarten. Die Arbeitslosigkeit dürfte auf einem hohen Niveau jenseits von 10 Prozent verharren.

Staatsverschuldung

Noch wird die Schuldentragfähigkeit von den Anlegern nicht in Frage gestellt. Die öffentliche Verschuldung Frankreichs hat sich aber seit der Großen Rezession deutlich erhöht. Zwischen 2008 und 2012 stieg die Schuldenstandsquote um rund 25 Prozentpunkte auf über 90 Prozent. Im Jahr 2012 lag die Defizitquote weiterhin deutlich oberhalb von 3 Prozent, und auch für das Jahr 2013 wird eine diesen Wert überschreitende Quote erwartet. Damit steigt die öffentliche Verschuldung weiter.

Private Verschuldung

Die private Verschuldung ist in Frankreich weniger stark gestiegen und liegt auf einem deutlich geringeren Niveau als z. B. in Irland, Spanien und Portugal. Dennoch ist Frankreich das einzige der ausgewählten Länder, in dem die private Verschuldung auch seit 2009 noch merklich zunimmt.

Verlust von Weltmarktanteilen

Große Probleme bestehen im externen Sektor. Der überdurchschnittlich starke Verlust von Weltmarktanteilen ist in Kombination mit trendmäßig steigenden Leistungsbilanzdefiziten besorgniserregend. Dies dürfte nicht allein auf Veränderungen der preislichen Wettbewerbsfähigkeit zurückzuführen sein; diese hatte sich zwischen 2000 und 2008 permanent verschlechtert, verbesserte sich seitdem aber. Insbesondere Frankreichs Exportwirtschaft ist es nicht gelungen, vom ökonomischen Aufschwung der Schwellenländer zu profitieren, sondern sie hängt nach wie vor von den Märkten im Euroraum ab.

Doch die Etatsanierung läuft langsamer als geplant. 2013 lag das Staatsdefizit bei 4,3 Prozent der Wirtschaftsleistung. Das ist zwar weniger als im Vorjahr, liegt aber über dem von der Regierung an die EU-Kommission gemeldeten Zielwert von 4,1 Prozent.

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Von

rtr

Kommentare (6)

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Account gelöscht!

03.04.2014, 11:58 Uhr

....... „Europa wird es bessergehen, wenn es Frankreich bessergeht“
Danke liebes Handelsblatt !
Solche Beiträge aus unserer verrückten Welt bringen mich immer wieder zum lachen... :-)

Account gelöscht!

03.04.2014, 12:13 Uhr

Interessant wäre auch der Hinweis, dass Frankreich alle seine Ex-Minister mit EU-Posten versorgt. Somit steigt der Einfluß Frankreichs und eine Aufweichung der Defizitkriterien dürfte sicher sein.

Account gelöscht!

03.04.2014, 12:13 Uhr

Zitat : Frankreich will die EU nochmals um mehr Zeit zur Sanierung des Staatshaushalts bitten

- Hinsichtlich des Zeitplanes könnte Frankreich sich bei Griechenland beraten lassen.....die haben jede Menge Erfahrungen !

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