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26.04.2015

20:52 Uhr

Neues Kuba

Die Stunde der Wahrheit

VonKaren Grass

Jahrzehntelang war Kuba isoliert. Nun treiben der Präsident Raúl Castro und US-Präsident Barack Obama die Annäherung der Länder voran. Viele Kubaner setzen große Hoffnungen in die Gespräche. Doch der Wandel kann dauern.

Was bedeutet die Annäherung ihres Landes für die einfachen Kubaner? Noch lässt sich das nicht eindeutig abschätzen. dpa

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Was bedeutet die Annäherung ihres Landes für die einfachen Kubaner? Noch lässt sich das nicht eindeutig abschätzen.

Havanna„Die Castros haben mit der Blockade jahrelang all die Probleme gerechtfertigt, die durch ihre eigenen politischen Fehler entstanden sind.“ Bei diesen Worten reißt Yusimi Rodriguez die Augen weit auf. Die 38-jährige Journalistin nähert sich ihrem argumentativen Höhepunkt: „Ja, das Handelsembargo war ein Problem für alle Kubaner, aber es war nicht das Hauptproblem und hat dennoch alles überlagert - damit ist jetzt Schluss.“

Rodriguez, drahtig, kurzes Haar, schlichter Look mit Tanktop und Jeans, wache Augen, lehnt sich in den Barsessel zurück. Sie hat wie viele Kubaner lange auf diesen Moment gewartet: Auf das Ende der Funkstille zwischen den USA und Kuba. Rodriguez schreibt für „Havana Times“, ein alternatives Onlinemedium. Sie beschäftigt sich vor allem mit Sozialthemen wie Rassismus, Genderthemen und gleichberechtigter Teilhabe verschiedener Gesellschaftsgruppen. Vor allem mit Blick auf solche Aspekte sieht sie die Annäherung an die Staaten als wichtigen Gradmesser für ihr Land. Es geht um die Frage, ob Kuba im 21. Jahrhundert ankommt, oder im Anachronismus verhaftet bleibt.

Jahrelang war Kuba beinahe vom Radar der Weltgemeinschaft verschwunden. Nur ab und an kamen Meldungen über gesundheitliche Probleme von Fidel Castro oder über Menschenrechtsverletzungen und inhaftierte Aktivisten auf der internationalen Bühne an.

Nun ist Kuba zurück auf der Nachrichtenagenda. Die Gespräche zwischen Barack Obama und Raúl Castro sowie zwischen den Außenministern der Länder am Rande des Amerikagipfels waren historische Schritte. Auch viele Kubaner sehen das so. Als die beiden Staatschefs im Dezember erstmals eine gemeinsame Erklärung verlasen, brach auf den Straßen Havannas spontaner Jubel aus. Doch was bringt es den Leuten, dass Kuba nun nicht mehr auf der US-Liste der Unterstützerstaaten des Terrorismus steht?

Einige Experten wie die auf Kuba spezialisierten Politik- und Gesellschaftswissenschaftler Ted Henken und Gabriel Vignoli warnen die USA in aktuellen Beiträgen davor, einen Regimewechsel erzwingen zu wollen. Barack Obama hat im Dezember angekündigt, eine Strategie des „Empowerments“ fahren zu wollen, kubanischen Unternehmen sollten Kooperationen mit US-Firmen angeboten werden, die kubanische Wirtschaft soll Zugang zum US-Bankensystem bekommen und neben Handelsbeziehungen sollen auch Wissens- und Technologietransfer neu aufgebaut werden.

Dies alles seien begrüßenswerte Elemente der neuen US-Kuba-Politik, so die Wissenschaftler. Doch Obama solle sich vor dem Modell „Trojanisches Pferd“ hüten und nicht versuchen, mit dieser Unterstützung eine oppositionelle Mittelschicht in Kuba aufzubauen. Denn das könne schnell wieder zum Abbruch der Beziehungen führen.

Yusimi Rodriguez ist da optimistischer. Wenige Wochen vor den historischen Begegnungen zwischen den Staatschefs sitzt sie an einem heißen Nachmittag im März in einer Bar im Zentrum Havannas. Draußen dröhnen die Autohupen im hektischen Großstadtverkehr, Rodriguez legt sich in ihren Sessel gelehnt bedächtig die Worte zurecht. „Es verändert sich etwas, es geht langsam, aber es geht voran“, sagt sie schließlich. Auch wenn die USA nicht erreichen würden, dass sich das Castro-Regime sofort in eine Demokratie verwandele; Kuba werde bei einer Öffnung in Richtung der Staaten langfristig nicht darum herum kommen, eine legale Opposition zuzulassen - davon ist Rodriguez überzeugt. Raúl Castro hat zwar noch vor Kurzem betont, dass es auch weiterhin keine andere Partei als die Kommunistische Partei Kubas (PCC) geben soll.

Doch Rodriguez glaubt, dass er die Unzufriedenheit vieler Kubaner mit dem Status Quo nun nicht mehr länger zur Seite wischen kann. Ein Faktor, der dazu beitragen könnte, sind auch die alternativen Onlinemedien wie Rodriguez' Arbeitgeber „Havana Times“ oder „Diario de Cuba“.

Seit Raúl Castro 2006 die Amtsgeschäfte von seinem Bruder Fidel übernahm, konnten sich einige solcher Angebote neben den offiziellen Parteiorganen wie der Zeitung „Granma“ etablieren, ohne sofort gesperrt zu werden. Sie bauen trotz anhaltender Repressionen gegen Journalisten und Zensur gegen populäre Blogs wie den der Aktivistin Yoani Sánchez (siehe die Englische Version) langsam eine Gegenöffentlichkeit auf. Mit Newslettersystemen umgehen sie die teuren Nutzungsgebühren in den Internetcafés, die für normale Kubaner nicht erschwinglich sind und sie deshalb abhalten, ihre Seiten normal zu besuchen. „Wir erreichen die Leute Schritt für Schritt, weil sie auch sehen, dass ihr Land feststeckt“, sagt Rodriguez.

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