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17.06.2012

13:50 Uhr

Neues Parlament

Wie die Griechen ihr Schicksal wählen

Mit dem Beginn der Parlamentswahl stimmen die Griechen auch über die Zukunft des Euro ab. Die Stimmung in den Wahllokalen schwankt zwischen Euphorie, Selbstbewusstsein und Frustration.

Wahlen in Griechenland

Griechen entscheiden über die Euro-Zukunft

Wahlen in Griechenland: Griechen entscheiden über die Euro-Zukunft

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AthenDie Welt schaut auf Griechenland. Heute entscheiden die Bürger des hochverschuldeten Land über mehr als ihr neues Parlament. An den Urnen entscheidet sich die Zukunft der Gemeinschaftswährung. Das Votum gilt als Referendum über den Verbleib des hoch verschuldeten Landes in der Euro-Zone. Zwar bekennen sich alle führende Parteien zum Euro. Doch will die in einigen Umfragen vorne liegende Linkspartei Syriza im Falle eines Wahlsiegs die internationalen Bedingungen für Finanzhilfen kippen. Damit könnte Griechenland letztlich gezwungen sein, die Euro-Zone zu verlassen. Die anderen Euro-Staaten haben bereits klargemacht, dass sie bei einer Abkehr vom Reformkurs den Geldhahn zudrehen. Bei einem Austritt aus der Euro-Zone werden global Schockwellen an den Finanzmärkten befürchtet.

Für einen Hoffnungsschimmer sorgte am Vorabend der Wahl die griechische Fußball-Nationalmannschaft mit ihrem überraschenden Einzug ins EM-Viertelfinale. Der 1:0-Sieg über Russland löste frenetischen Jubel auf Athens Plätzen aus und flösste neues Selbstvertrauen ein. "Jeder muss Achtung vor Griechenland haben. Alles begann in Griechenland. Unser Lehrmeister sein zu wollen, ist schwer", sagte etwa Trainer Fernando Santos nach dem Sieg.

Doch die Euphorie der Fußball-Fans steckte nicht jeden Griechen an. "Ich bin das erste Mal nach einer Wahl deprimiert, weil ich weiß, dass ich wieder für die gestimmt habe, die das Problem verursacht haben; aber wir haben keine Alternative", sagte etwa die 66-jährige Englischlehrerin Koula Louizopoulou. Trotz der Unzufriedenheit über die Rosskur der Regierung haben viele Griechen Angst vor einem Euro-Aus. "Ich habe schweren Herzens für eine Partei gestimmt, die den Sparkurs unterstützt, denn ich will, dass das Land den Euro behält mit der Hilfe seiner europäischen Partner", erklärte der 49-jährige Bäcker Stratos Economou, der zu den ersten Griechen gehörte, die gleich nach Öffnung der Wahllokale seine Stimme abgaben.

Es ist bereits das zweite Mal innerhalb von sechs Wochen, dass die griechische Bevölkerung zur Wahl eines neues Parlaments aufgerufen ist. Nach der ersten Abstimmung am 6. Mai hatten sich die Parteien nicht auf eine Regierungskoalition verständigen können. Die Wahllokale schließen um 18.00 Uhr (MESZ), mit ersten Ergebnissen von Nachwahlbefragungen ist kurz darauf zu rechnen.

Was ein Euro-Austritt Griechenlands kosten würde

Erhebliche Lasten

„Der Austritt eines Landes aus der Eurozone würde auch für uns eine Menge Turbulenzen mitbringen", warnte bereits Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble. Seriös lässt sich die Kostenfrage aber nicht beantworten, weil es kein Drehbuch für Pleite und Euro-Austritt gibt. Allenfalls eine Annäherung an eine Antwort ist möglich.

Umrisse des Problems

Aus dem ersten Hilfspaket hat Griechenland von anderen Euro-Ländern 53 Milliarden Euro erhalten. Hinzu kommen 35,4 Milliarden Euro aus dem zweiten Paket. Zudem hat der Euro-Rettungsschirm EFSF 25 Milliarden Euro bereitgestellt, damit das Land seine vom Schuldenschnitt im März angeschlagenen Banken rekapitalisieren kann. Berenberg-Chefvolkswirt Holger Schmieding zufolge ist das Geld aber offenbar noch nicht an die Banken geflossen.

Risikobewertung griechischer Anleihen

Der Analyst geht außerdem davon aus, dass die EZB noch griechische Anleihen im Nominalwert von gut 35 Milliarden Euro in den Büchern hat. Weil die Zentralbank diese vermutlich zu Kursen von rund 75 Prozent des Nominalwertes gekauft hat, rechnet Schmieding hier mit einem maximalen nominalen Verlustrisiko von 27 Milliarden Euro. Allerdings hat die EZB auch Gewinne mit Hellas-Anleihen gemacht. Verrechnet man die beiden Posten miteinander, kommt man für die EZB auf ein echtes Verlustrisiko von etwa 20 Milliarden Euro.

Target-II-Salden

Hinzu kommt aber ein weiteres Risiko, das sich hinter dem Begriff „Target II-Salden" verbirgt, von dem ebenfalls völlig unklar ist, wie und in welchem Umfang es sich realisieren könnte: Innerhalb des Verrechnungssystems der europäischen Notenbanken für den Zahlungsverkehr zwischen Banken (Target II) hatte die griechische Zentralbank gegenüber dem Eurosystem bis Ende Januar ein Negativ-Saldo von 107 Milliarden Euro aufgebaut. Schmieding zufolge dürfte es heute bei 120 bis 130 Milliarden Euro liegen.

Kreditsicherheiten

Abgesichert wird der Negativ-Saldo durch Kreditsicherheiten, die griechische Banken bei der griechischen Notenbank hinterlegt haben. Ob diese nach einem Euro-Austritt ihren Verpflichtungen gegenüber dem Eurosystem weiter nachkommen würde, Sicherheiten abtreten würde und welchen Wert diese Sicherheiten noch hätten, steht dabei in den Sternen. Von möglichen Verlusten, die sich aus Target II ergeben würden, müsste Deutschland über die Bundesbank ebenfalls 27 Prozent tragen.

Weitere Forderungen

Schließlich müssten in die Gesamtrechnung noch Forderungen europäischer Bürger und Unternehmen gegenüber griechischen Banken einfließen. Ende 2011 betrugen die Auslandsschulden griechischer Unternehmen etwa 100 Milliarden Euro, davon 91 Milliarden Bankschulden und neun Milliarden anderer Unternehmen.

Fazit

Weil nicht klar ist, welche Risiken eintreten würden, lassen sich die Kosten eines Staatsbankrotts und Euro-Austritts vorher nicht beziffern. Sicher ist aber: Es würde teuer werden.

Jüngste Umfragen deuteten zuletzt auf ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen der konservativen Neue Demokratie und Syriza hin. Während sich die Konservativen grundsätzlich zu dem vereinbarten Sparkurs bekennen, ist der Chef der radikal-linken Syriza-Partei erbitterter Gegner des drastischen Sparprogramms. Er will das Kunststück fertig bringen, das Rettungspaket zu kippen und gleichzeitig das Mutterland der Demokratie in der Euro-Zone zu halten. Damit punktet er bei den leidgeplagten Griechen, die durch eine fünf Jahre dauernde Rezession sowie die steigende Steuerlast und scharfe Einschnitte bei den Sozialausgaben zermürbt sind.

Kommentare (7)

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lerchenberg

17.06.2012, 14:57 Uhr

http://farm6.staticflickr.com/5120/7383013742_c2c59a7dd1_b.jpg

http://buvriek.baehring.at/

Account gelöscht!

17.06.2012, 15:13 Uhr

So, wie die Dinge derzeit laufen,ist GR nicht zu retten. Gewinnt die ND, wird es Streik ohne Ende geben und GR. werden die jungen Leute davon laufen.

Wally

17.06.2012, 15:40 Uhr

Weil Europa den Griechen so sehr einheizt und im Falle eines Sieges der radikalen Linken der Geldstrom sofort versiegt, werden die Wähler wohl wieder einmal ND eine weitere Chance geben, wetten? Dann sind Juncker, Merkel und Co. wieder halbwegs zufrieden und das Gemurkse geht weiter. Europa blamiert sich eben so gut wie es geht...

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