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31.01.2011

15:10 Uhr

Niall Ferguson

„In Ägypten scheitert der Staatskapitalismus“

VonTorsten Riecke

ExklusivAngesichts der Unruhen in Ägypten warnz der renommierte Harvard-Historiker Niall Ferguson im Gespräch mit dem Handelsblatt vor einer Machtergreifung islamischer Fundamentalisten wie 1979 in Iran. Der Westen unterschätze die wirtschaftlichen Gefahren eines politischen Flächenbrands.

Beten auf der Straße: Die Regimegegner von Kairo sind religiös motiviert. DAPD

Beten auf der Straße: Die Regimegegner von Kairo sind religiös motiviert.

Professor Ferguson, wie beurteilen Sie die brenzlige Lage in der arabischen Welt? Erleben wir erneut einen historischen Wandel?

Ferguson: Es gibt zwei historische Beispiele, die mir einfallen: Der Berliner Mauerfall 1989 und der gewaltsame Umsturz des Schah-Regimes im damaligen Persien, dem heutigen Iran. Das eine endete in Demokratie, das andere im Fundamentalismus.

Und wohin geht die Entwicklung diesmal?

Ferguson: Kairo ist nicht Berlin oder Prag, es ist eher Teheran.

Warum?

Ferguson: Die demokratische Opposition in der arabischen Welt ist schlecht organisiert. Dadurch ergibt sich eine große Chance für den islamischen Fundamentalismus.

Wie weit kann sich der politische Flächenbrand ausbreiten?

Ferguson: Das kann sehr schnell gehen und auch Saudi-Arabien erreichen. Durch die modernen Kommunikationsmittel ist die Ansteckungsgefahr solcher Ereignisse enorm.

Was sind die größten politischen Risiken?

Ferguson: In unmittelbarer Gefahr ist Israel. Wenn Ägypten in die Hände der Fundamentalisten fällt, ändert sich die Sicherheitslage in Israel fundamental.

Und welche wirtschaftlichen Risiken gibt es?

Ferguson: Es kann zu erheblichen Störungen im internationalen Handel kommen. Außerdem könnten die Rohstoffpreise noch stärker steigen.

Welche Konsequenzen hätte das für den Westen?

Ferguson: Wenn das Fass Öl wieder auf deutlich über 100 Dollar steigt, würde das jüngste Konjunkturprogramm der US-Regierung schlagartig zunichte gemacht.

Kommentare (5)

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neherw

31.01.2011, 16:51 Uhr

Haben wir eigentlich die größeren Despoten?
Der iran hat uns doch schon vor über 40 Jahren gezeigt wo die Länder mit moslemischer bevölkerung hintreiben.
Die Programme der islamisten sind bekannt, die islamisierung der Welt
Es mag ja im ersten Schritt richtig sein einen Despoten wie Mubarak zu unterstützen, denn sonst ist die islamisierung da. Es müßte aber doch mal möglich, die westliche Welt mit USA zusammen auf Despoten einzuwirken eine Demokratisierung zulassen.
ich meine das ist sogar bei dem Kasperele Gaddafi möglich.
Rechnet den niemand, daß die Despoten auch älter werden wie Mubarak? und was kommt dann?

Man stelle sich vor, Die Mittelmeerländer einschl. Ägypten werden islamische Fundamentalstaaten. Der Flächenbrand weitet sich dann schnell aus auf die arabische Halbinsel, Pakistan, irak ist doch dann nicht mehr z halten; ebensowenig Afganistan und dann werden die Staaten mit Moslems in Afrika aufgefressen
ich glaube dann haben wir eine halbe Welt voll Afganistan, überall Gotteskrieger mit Atomwaffen.
Man muß sich auch überlegen man wird nicht mal mit den "paar" Talibans fertig! Mit Al Qaida schon ewig nicht, nicht mal den kleinsten Erfolg! Un da will der Westen ein bollwerk gegen den islam Ring um uns herum bilden? Da lachen aber echt die Hühne und Al Qaida läßt grüßen

k.h.a.

31.01.2011, 16:58 Uhr

Zu Recht warnt Ferguson vor den Auswirkungen der Krise auf die staatskapitalistischen Staaten, zu denen Ägypten wie vor allem China gehört. Wenn - und das ist über kurz oder lang zu erwarten - in China die bevölkerung auf die Straße gehen sollte, wird es dort unzählige Tote geben, was die Unruhen steigern würde. Ägypten ohne Kontrolle gefährdet den nahen Osten und vornehmlich israel. Geriete jedoch China etwa infolge unkontrollierten Anstiegs der Lebensmittelpreise außer Kontrolle, bräche das globale ökonomische System komplett zusammen. Angesichts dieser durchaus realen Gefahren bleiben die Märkte wie gelähmt ruhig, was an den noch andauernden Markt-Manipulationen der Großen vermittels der ihnen anvertrauten Gelder liegt - bis sie sich besinnen, nunmehr die short-Manipulation zu fahren. ihr Gewinn ist sicher - der ihrer Anleger keineswegs.

Stefan L. Eichner

31.01.2011, 18:03 Uhr

Die USA brauchen das Öl aus dem Nahen Osten. Sie haben dort angesichts der politischen Umbruchsituation, die sich wie eine Welle auszubreiten scheint, am meisten zu verlieren. Mehr noch muss man fragen, inwieweit es bei den Unruhen nicht auch darum geht: Sind sie nicht ein Zeichen der Schwäche der Wirtschaftsweltmacht USA und ihres schwindenden Einflusses?

ich halte es im Übrigen für unzutreffend, für die westlichen industriestaaten von „freien Märkten“ zu sprechen. Ein freie, von fairem Wettbewerb gesteuerte Wirtschaft haben wir definitiv nicht. Das Wirtschaftssystem der industriestaaten hat weit mehr Ähnlichkeit mit einer Korporatokratie, bei der die Politik spezifische interessen vertritt, insbesondere die ihrer großen Konzerne, ihrer „National Champions“.

Und das gilt ganz besonders für die USA. bester beleg: Die Finanzmarktkrise. bis heute hat sich an den krisenverursachenden Missständen praktisch nichts gerändert. Es wird weiter gezockt – gerade auch mit Rohstoffen. Der Einfluss der Lobbyisten auf die Politik ist zu groß. Und so flicken die Regierungen mit Steuergeldern lediglich fortlaufend das, was dieses instabile Wirtschaftssystem immer wieder an Schäden herauf beschwört. Rudolf Hilferding hat diese Politik als Staatsmonopol-Kapitalismus bezeichnet: der Staat als Reparaturbetrieb eines zunehmend monopolisierten, instabilen und dem Zusammenbruch entgegen strebenden Kapitalismus´. Lenin war übrigens von Hilferdings Theorie fasziniert.

Wer die Gefahren unseres Wirtschaftssystems verstehen will, für den ist Hilferdings Werk eine durchaus empfehlenswerte Lektüre (R. Hilferding, Das Finanzkapital, 1910).

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