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09.01.2007

23:30 Uhr

Nicaragua

Leben auf der Kippe

VonKlaus Ehringfeld

Nicaraguas neuer Staatschef Ortega tritt sein schwieriges Amt an. Nicaragua ist nach Haiti das ärmste Land der westlichen Welt. Und ob Ortega daran etwa ändern kann, ist ungewiss. Ein Besuch bei den Müllsammlern von La Chureca.

Sandinistenführer Daniel Ortega. Foto: dpa

Sandinistenführer Daniel Ortega. Foto: dpa

MANAGUA. Wer in La Chureca angekommen ist, erwartet nichts mehr von niemandem. Berge stinkenden Unrats erstrecken sich auf der Fläche mehrerer Fußballfelder. Im Minutentakt schlagen Müllwagen Schneisen durch Plastik, Pappe, Blech und Büchsen. Kinder springen barfüßig auf die Wagen und klauben zusammen, was sie verwerten können, bevor es verklappt wird: Papier, Metalle und Kabel sind die begehrtesten Beutestücke. Sie bringen ein paar Córdoba im Wiederverkauf.

La Chureca ist die Müllkippe Managuas.

Francisco Alfaro hat auch einmal so angefangen. Das war vor 15 Jahren; damals war Franicsco acht Jahre alt und lebte so wie heute auf dem Müll und von dem Müll. Inzwischen springt er nicht mehr auf die LKWs, sondern zieht jeden Tag mit seiner Baseballmütze, der Umhängetasche und dem langen Stock wie ein Wanderer über die Abfallhügel, stochert, wühlt und sucht. Wenn er Aluminium findet, ist es ein guter Tag, dann verdient er bis zu 50 Córdoba täglich – das sind 2,50 Euro. Manchmal aber findet er nur ein weggeworfenes Kuscheltier. Das nimmt er dann auch mit. Francisco hat zwei Kinder.

Wer in La Chureca angekommen ist, der erwartet auch nichts mehr vom neuen Präsidenten Daniel Ortega, der am morgigen Mittwoch sein Amt antritt. Nicaragua ist nach Haiti das ärmste Land der westlichen Welt. Und ob Ortega daran etwa ändern kann, ist ungewiss.

„Politik interessiert mich nicht“, sagt Francisco freundlich, aber bestimmt. Sein täglicher Kampf ums Überleben und der Streit mit Geiern und Hunden um Verwertbares lassen ihm keine Zeit. „Und an unserem Los ändert doch niemand was.“

Das Los ist ein Leben in Verschlägen aus Bauschutt, Blechplatten und Pappkartons und unter schwarzen Plastikplanen, ein Leben mit Gestank nach Verwesung und unter einer grauen Patina aus Schmutz und Staub, die sich auf die Gesichter der 1 200 Menschen von La Chureca legt. Ein Leben mit Ungeziefer, mit Krankheiten und mit Kindern, die dem Elend durch das Schnüffeln von Klebstoff entfliehen.

Nicaragua ist bettelarm. Nicht nur für die Kinder von La Chureca sind ein würdiges Dach über dem Kopf, der Schulbesuch und Gesundheitsversorgung unerreichbar. Drei von vier Menschen müssen mit weniger als 1,60 Euro pro Tag auskommen. Daran haben auch 16 Jahre Frieden und bürgerliche Regierungen mit neoliberalen Wirtschaftskonzepten nichts geändert.

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