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07.03.2006

08:40 Uhr

Niederlande

Den Haag liebäugelt mit neuem Meiler

VonRuth Reichstein

Der Bau eines neuen Atomkraftwerks ist in den Niederlanden kein Tabu mehr. Umwelt-Staatssekretär Pieter Van Geel, der der Regierungspartei CDA angehört, nannte die Kernenergie kürzlich eine „ernst zu nehmende Option“.

BRÜSSEL. Binnen zehn Jahren sollten die Niederlande mit dem Bau eines neuen Meilers beginnen.

Van Geel stützte sich dabei auf eine Studie des Untersuchungszentrums für Energie in den Niederlanden (ECN). Darin heißt es, das Land könne die Klimaschutzziele von Kyoto nicht ohne ein neues Kernkraftwerk mit einer Kapazität von mindestens 1 600 Megawatt erreichen. Das Institut hat gleichzeitig angekündigt, einen neuen Reaktor für Forschungszwecke bauen zu wollen.

Zwar wurde Van Geel inzwischen von Wirtschaftsminister Laurens Jan Brinkhorst zurückgepfiffen, aber mit seinem Plädoyer für die Atomenergie steht er nicht alleine da. Vor allem konservative und liberale Politiker sprechen sich immer häufiger für die Kernenergie als Alternative zu Kohle und Gas aus – vor allem seit dem Streit um russische Gaslieferungen an die Ukraine. Die Niederländer fürchten, einmal selbst in eine solche Abhängigkeit zu geraten „Bisher importieren wir nur rund 30 Prozent, aber in 20 Jahren sind unsere Gasreserven ausgeschöpft und dann brauchen wir Alternativen“, sagt Paul de Krom von der liberalen Koalitionspartei VVD.

Zurzeit läuft in den Niederlanden nur noch ein einziges Kernkraftwerk. Die 1973 in Betrieb genommene Anlage, die in Borssele unweit der Hafenstadt Vlissingen liegt, steuert jährlich rund vier Prozent zum niederländischen Stromverbrauchs bei. Eigentlich sollte sie, wie schon die letzte Anlage in Dodewaard 2003, geschlossen werden. Aber mit Rücksicht auf wirtschaftliche Gründe hat die Regierung nun beschlossen, das Kraftwerk bis 2033 weiter laufen zu lassen. „Dabei geht es um rein finanzielle Zwänge“, sagt Wijnand Duyvendak von den Grünen. „Aber jetzt wird die Grundsatzdiskussion wieder aufgerollt. Das geht so nicht.“ Wie die Sozialdemokraten lehnen die Grünen den Bau neuer Kraftwerke ab.

Laut Regierungsprogramm von Premier Jan-Peter Balkenende ist die Atomenergie „nicht an der Tagesordnung“. Aber der Wind hat sich gedreht. Nach einer Untersuchung des Meinungsforschungsinstituts Maurice de Hond sind immerhin knapp die Hälfte aller Niederländer inzwischen dafür, die Kernenergie weiter zu nutzen. Ob sie in den Niederlanden tatsächlich ein Comeback feiert, wird wohl davon abhängen, wer 2007 die Wahlen gewinnt. „Bleibt Balkenendes Mitte-rechts-Koalition an der Macht, bekommen wir garantiert ein neues Kraftwerk“, ist Grünen-Politiker Duyvendak überzeugt.

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