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29.04.2013

20:16 Uhr

Niederlande

„Die Bürger zappen durch die Stimmungsdemokratie“

VonMaike Freund

Die Niederlande brauchen einen Monarchen als Symbol der Beständigkeit, denn dem Land ist die Identität abhanden gekommen. Das zeigt sich auch in der Parteienlandschaft. Ein Trend, der sich auch in Deutschland abzeichnet.

Die Niederlande brauchen einen starken und König als Symbol für Beständigkeit, denn die politische Stimmung im Land ist unsicher und wechselhaft.

Die Niederlande brauchen einen starken und König als Symbol für Beständigkeit, denn die politische Stimmung im Land ist unsicher und wechselhaft.

DüsseldorfDer Schriftsteller und Journalist Heinrich Heine soll einmal gesagt habe: „Wenn die Welt untergeht, dann gehe ich in die Niederlande, dort geschieht alles 50 Jahre später.“ Auch wenn Heine das Zitat vielleicht nur in den Mund gelegt worden ist: Es zeigt, was die Welt über das kleine Land im Westen Europas dachte: Die Niederlande sind beständig; gleichzeitig weltoffen und tolerant. Dort ist die Welt noch in Ordnung.
„Die Niederländer sagten von sich selber: Schaut nach uns, hier seht ihr, wie man es richtig macht“, sagt Friso Wielenga, Direktor des Zentrums für Niederlande-Studien der Uni Münster. Doch das gilt so nicht mehr. Das Land ist vom Kurs abgekommen.

Instabil und unruhig sei das Land mit den rund 16,8 Millionen Einwohner geworden, sagt der Expert. Der Grund: Die Suche nach der eigenen Identität. Denn auch die Niederländer glaubten von sich selbst, sie seien tolerant und multikulturell.

Doch dann habe sich gezeigt: Die Toleranz sei allerhöchstens Ignoranz, nach dem Motto: Wenn du mich in Ruhe lässt, lasse ich dich in Ruhe, sagt Wielenga. Dadurch seien in Holland Parallelgesellschaften entstanden. Und eine selbstverständliche Identität verloren gegangen – die vom toleranten, weltoffenen Volk.

Vielleicht hat das auch etwas mit der Bedeutung der Niederlande zu tun. „In der EG“, so Wielenga, „waren die Niederlande eins von sechs Ländern. Und nicht das unwichtigste.“ Doch nun sei es eben nur noch ein Land von 27 und der Einfluss sei nur gering.

Die königlichsten Orte der Niederlande

Amsterdam

Hauptstadt und mit etwa 800 000 Einwohnern auch die größte Stadt der Niederlande, jedoch nicht Regierungssitz. Weil Amsterdam die Hauptstadt ist, wird der Thronwechsel hier vollzogen. Die Stadt ist berühmt für ihre von Bäumen und Bürgerhäusern gesäumten Kanäle und stolz auf ihre Tradition der Toleranz - jahrhundertelang zog sie Freigeister und Verfolgte an. Heute kommen jedes Jahr Millionen Touristen - die einen besuchen Museen mit Meisterwerken von Rembrandt und van Gogh, die anderen Rotlichtviertel oder Haschisch-Cafés.

Delft

In der kleinen Stadt befindet sich die Totengruft der Oranier. Der einzige Grund dafür ist, dass 1584 hier ein Attentäter Wilhelm von Oranien - den Stammvater des Oranier-Hauses - erschoss. Der Einfachheit halber begrub man ihn in der größten Kirche der Stadt, die dadurch zur Grabkirche der Oranier wurde. Zuletzt wurde dort 2004 der Vater von Beatrix, Prinz Bernhard, beigesetzt.

Den Haag

Wie Parlament und Regierung residiert auch der Monarch in Den Haag. Willem-Alexander wird zunächst noch im Vorort Wassenaar wohnen bleiben, später übernimmt er dann die Residenzen von Beatrix: das Wohnschloss Huis ten Bosch und das Arbeitsschloss Noordeinde. Beatrix selbst zieht nach Kasteel Drakensteyn bei Utrecht. Die Residenzen sind verglichen mit denen anderer Königshäuser bescheiden: Sie liegen schwer auffindbar in engen Straßen oder weggeduckt hinter Bäumen.

Der königliche Palast

Im Königlichen Palast wird Königin Beatrix am 30. April offiziell abdanken. Kurioserweise wurde das Gebäude als das genaue Gegenteil eines Königspalastes konzipiert. Es war das Rathaus von Amsterdam, und alle seine Skulpturen und Gemälde feiern ein republikanisches Staatswesen. 1806 jedoch machte Napoleon die Niederlande zum Königreich und setzte seinen Bruder Louis auf den Thron. Ein König braucht einen Palast - und so funktionierte er das Rathaus kurzerhand dazu um. Allerdings merkte er schnell, dass man in so einem Verwaltungsgebäude schlecht wohnen kann - zu ungemütlich! Dabei ist es geblieben: Der Palast steht die meiste Zeit leer.

Die Nieuwe Kerk

In der Nieuwe Kerk von Amsterdam wird der neue König Willem-Alexander am 30. April offiziell in sein Amt eingeführt. Die „Neue Kirche“ ist nicht mehr so richtig neu, sondern fast 600 Jahre alt. Sie wird heute nicht mehr für Gottesdienste genutzt, sondern für Konzerte und Ausstellungen. Das Auffälligste an ihr ist, dass der Turm fehlt. Ursprünglich war einer geplant, doch dann gaben die Amsterdamer ihr Geld lieber dafür aus, das größte Rathaus Europas zu bauen. Die Kirche sollte das öffentliche Leben lieber nicht zu stark dominieren.

Die politische Folge der Europa- und fehlgeschlagenen Migrantenpolitik: Der niederländische Blick richte sich mehr nach innen, fort von Europa und einer offenen Politik. Das würden auch die Entwicklungen der extremen Parteien zeigen. Und das Auseinanderfallen des mittleren Spektrums in der Parteienlandschaft. „Die Bürger zappen durch die Stimmungsdemokratie“, sagt Wielenga.

Was sich in den Niederlanden schon seit rund zehn Jahren abzeichne, könnte man auch in Deutschland beobachten, so Wielenga. Beispielsweise bei der Neugründung der AfD oder den schlechten Ergebnissen der FDP. Auch dort gehe es rauf und runter.

Gerade in einer solchen Zeit, so der Niederlande-Experte, habe das Königshaus eine große Bedeutung. „Das Volk erwartet, dass der neue König den Laden zusammenhält.“ Er sei ein Symbol genau der Einheit, die die Holländer so schmerzlich vermissen würden. Vielleicht sei auch das der Grund, weshalb die Niederländer Willem-Alexander einen so großen Vertrauensvorschuss entgegenbringen würden. Weil sie etwas bauchen, an dem sie festhalten können.

Kommentare (16)

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Rheinschwimmer

29.04.2013, 20:47 Uhr

Ein Königshaus ist im Gegensatzt zu einem Staatspräsidenten, der nur für ein paar Jahre Staatsoberhaupt ist, von anderer Qualität.
Nur in Frankreich, wo der gewählte Präsident ein Quasi-König ist, scheint das anders zu sein.
In Deutschland gibt es als Staatspitze überhaupt niemand mit dem sich jeder idenifizieren kann, denn das Staatsoberhaupt wird nicht gewählt, sondern von den Parteien, deren Ansehen immer mehr absinkt, ausgekungelt.
Japan ist am besten dran mit seinem uralten Kaiserhaus, der Kaiser ist fast unsichtbar, dafür umso präsenter im Bewußtsein der Japaner.

Account gelöscht!

29.04.2013, 21:05 Uhr

Ich weiß nicht, ob die Deutschen ein wandelndes Kanape mit Riesenhut, einen Konter-Admiral mit 6 Streifen und die minimale Maxima als Oberhäupter brauchen.

Schon der idiotische Wilhelm der Zweite war ein Fehlgriff, und unser grüßender Akten-Mann hat zwar einen hohen Stundensatz, richtet aber sonst wenig Unheil an.

Radiputz

29.04.2013, 21:50 Uhr

Die Japaner machen es am besten. Da taucht der Kaiser so gut wie nie in der Öffentlichkeit auf, nur bei den ganz großen Staatsaktionen. Er ist in der Tat unsichtbar und kann so keinen Unsinn machen und dadurch genießt allerhöchsten Respekt. So etwas ist ideal, wenn das Staatspberhaupt quasi nur als Idee existiert und die "Idee" des Staates über dem materiellen Staat als Gestalt "schwebt".
Europäer haben von der Metaphysik der Staatsidee allerdings spätestens seit der französischen Revolution keinen blassen Schimmer mehr.
Staatsrechtler wie ein Carl Schmitt wußten noch Bescheid.

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