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15.01.2015

09:31 Uhr

Nigeria und Boko Haram

Die Blutspur der Terrorsekte

VonWolfgang Drechsler

In Paris sterben Menschen durch islamistische Attentäter – und die ganze Welt protestiert. Doch fast unbemerkt metzelt die Terrorsekte Boko Haram in Nigeria. Völlig hilflos spielt die Regierung die Massaker herunter.

dpa

KapstadtSeit ein paar Tagen versteht Ignatius Kaigama die Welt nicht mehr. Natürlich trauere auch er um die Toten in Paris, sagt der mutige Erzbischof von Jos, einer Stadt in Zentralnigeria, die direkt an der Schnittstelle von Christentum und Islam liegt. Und natürlich verstehe er auch die enorme Symbolik, die hinter den grauenvollen Anschlägen islamistischer Fanatiker auf eine Zeitungsredaktion und einen jüdischen Supermarkt stecke.

Dennoch ist der Kirchenmann über das enorme Desinteresse des Westens an den in ihrer numerischen Dimension noch grausameren Taten der Islamisten in seinem eigenen Land tief erschüttert. „Dabei zeigen doch gerade die jüngsten Massaker von Boko Haram mehr als alles andere, welch konkrete Gefahr von diesen Islamisten ausgeht“, klagt der Erzbischof.

Boko Haram - blutiger Islamistenterror für einen Gottesstaat

Die Terrorgruppe

Die islamistische Terrorgruppe Boko Haram führt im muslimischen Norden Nigerias einen Krieg für einen islamischen Staat.

Ziel

Ihr Ziel ist es, die Scharia (islamische Rechtsprechung) einzuführen.

Ursprünglich eine Sekte

Die Gruppe, ursprünglich als Sekte ins Leben gerufen und seit November 2013 auf der Terrorliste des US-Außenministeriums, soll Kontakte zu nordafrikanischen Al-Kaida-Ablegern haben. Über Organisationsstrukturen und Mitgliederzahlen liegen keine gesicherten Informationen vor.

Mehr als 5000 Opfer

Die Boko Haram verübt in dem westafrikanischen Land seit Jahren blutige Anschläge, denen nach Schätzungen bereits über 5000 Menschen zum Opfer gefallen sind.

Mehr Attentate

Anfang 2014 verstärkten die Extremisten ihren Kampf. Seither kam es fast wöchentlich zu Angriffen, Attentaten und Entführungen.

Entführung in Nigeria

Nur in seltenen Fällen – wie bei der Entführung von über 200 Mädchen in der Provinz Borno im April vergangenen Jahres – bekannte sich Boko Haram zu den Taten. Von den Schülerinnen fehlt bis heute jede Spur

Weitere Angriffe

Die Behörden lasten der Gruppe aber zahlreiche weitere Angriffe auf Dörfer, Märkte, Polizeistationen, Schulen, Kirchen und Lokale an.

Nichts wünsche er sich angesichts der Massendemonstration gegen den islamischen Terror am Sonntag in Paris mehr, als dass die Menschen im Westen auch einmal Solidarität mit den Opfern in Nigeria übten. Doch um eine solche Welle des Mitgefühls zu entfachen, ist der westafrikanische Ölstaat mit seinen 175 Millionen Menschen offenbar schon geografisch einfach zu weit von den Menschen in Europa entfernt.

Den Glauben an die eigene Regierung scheint Kaigama ohnehin verloren zu haben. Seit Monaten eskaliert die Gewalt in dem Land nicht zuletzt deshalb, weil sich der nigerianische Staat längst aus der Verantwortung für die Sicherheit seiner Bürger verabschiedet hat. Oft suchen Soldaten und Polizisten bei Angriffen das Weite und tauchen erst nach dem Abzug der Killerbanden wieder auf.

Auch dem jüngsten Blutbad in der Garnisonsstadt Baga im äußersten Nordosten ging offenbar ein völliges Versagen der Armee voraus. Sie soll beim ersten Angriff der Islamisten auf ihre Kaserne sofort die Flucht ergriffen und die Stadt mit ihren 10.000 Zivilisten damit schutzlos den Killern preisgegeben haben.

Satellitenbild vom zerstörten Baga, das Amnesty veröffentlichte: „katastrophalees Ausmaß der Verwüstung“. dpa

Satellitenbild vom zerstörten Baga, das Amnesty veröffentlichte: „katastrophalees Ausmaß der Verwüstung“.

Amnesty International berichtete von einem „katastrophalen Ausmaß der Verwüstung“. Die Menschenrechtsorganisation veröffentlichte am Donnerstag Satellitenbilder von Baga vor und nach den Attacken. Den Angaben zufolge wurden dabei mehr als 3700 Gebäude verwüstet oder beschädigt. „Einer der Orte wurde in vier Tagen fast komplett von der Landkarte gelöscht“, sagte Amnestys Nigeria-Mitarbeiter Daniel Eyre dem Bericht zufolge. Er sprach von dem bisher größten und zerstörerischsten Angriff der Terroristen. Auch andere Städte und Dörfer in der Region seien attackiert worden.

Kommentare (7)

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elly müller

15.01.2015, 10:26 Uhr

Recht hat er der Erzbischof! Da werden täglich Menschen getötet auf die grausamste Art und wir regen uns darüber überhaupt nicht auf!!!!!!!

Wir lieben es nur zwei Schritte vor uns zu schauen, der Rest kann warten!
Solange bis das GRAUEN bei uns zuschlägt!

Der Waffenhandel floriert hervorragend und überschwemmt auch Europa! Der Schiffsverkehr wird bekanntlich kaum überwacht! Daher sind diese Terroristen bis an die Zähne mit allem ausgerüstet.

Gestern um 22:45h wurde beim ZDF gezeigt woher die Waffen kommen, meist aus Libyen!!!!! Der Waffenmarkt boomt und so mancher macht sich die Taschen damit übervoll!
Aber wer regt sich da auf? Keiner!!!!!!!!!!!!
So wichtige Informationssendungen werden auf eine Zeit gelegt, wo kaum noch jemand in die Glotze schaut!

Ja und dann konnten noch sogenannte "Gefährder" reden. Der Typ hat vor der Kamera klar gemacht, dass wir das sozusagen alles herausfordern. Nur der Islam ist die einzige Religion die man zu achten hat, so seine Ansichten!
Gut, dass wir auch noch mit Sozialhilfe ein gutes Leben für diese Typen ermöglichen.

Weltweit sind mehrere Millionen Christen wegen Verfolgung auf der Flucht!!!! Hört man da was?
Wird da mit den Imamen und Verbänden diskutiert?

Aber der Islam gehört zu Deutschland, so die Kanzlerin!
Ganz bestimmt nicht!!!!!!!!!!!!!!!!

Diese perfide mörderische Bande wie die Boko Haram zieht mordend durch Nigeria und will sich in Camerun weiter ausbreiten! Hört man da was von der Regierung? Nein!

Der Krieg in Syrien wird schon gar nicht mehr erwähnt in den Medien! Ist schon Nebensache!!

Hier ist wichtig, dass wir die Gesellschaft nicht spalten! Gut so, dann sollten sich die Politiker mal dringend was einfallen lassen!

Dabei verstehe ich nicht diese Leutseligkeit, dass der Islam mit der terroristischen Gewalt nichts zu tun hat!

Herr Alexander Knoll

15.01.2015, 10:51 Uhr

Der Pressehype um Charlie Hebdo ist auffällig. Seit Wochen gibt es kaum noch Nachrichten außer Terrorismus und das Attentat von Paris. Dabei gehen tausende von Toten in Syrien, Irak, Nigeria etc. als Randnotiz an uns vorbei. Warum schlägt ein Attentat auf ein kleines französisches Blatt solche Wellen? Der Chefredakteur Stéphane Charbonnie, besser bekannt als „Charb“, wusste aus gelebter Erfahrung genau, dass er mit dem Feuer spielt. Der Gründer der Zeitschrift Henri Roussel hat sich sehr kritisch über Charb und seinen Stil geäußert und wirft ihm vor, das Team aus Sturheit und Unbelehrbarkeit in den Tod getrieben zu haben.
Warum dann dieser Hype? Warum wird hier eine Geschichte durch die Medien und die Politik so aufgewertet? Angriff auf die Demokratie und Pressefreiheit? Dies scheint mir nur ein Teil der Wahrheit zu sein. Aus meiner Sicht ist wohl hier ein Großteil Selbsterhaltungstrieb der Presse und der Medien im Spiel. Es wurde gewagt den Stand der Journalisten in ihrem Lauf zu stören und ihn anzugreifen. Das erklärt auch die unkritische und trotzige Reaktion vieler Zeitschrift, die als Antwort auf das Attentat noch mehr Mohamed-Karikaturen abdrucken wollen. Dabei wäre wohl eine kritische Analyse der Ursachen der Ereignisse angebracht gewesen. Pressefreiheit schön und gut, aber sie setzt auch Verantwortung voraus und sollte keinesfalls journalistische Fehlverhalten decken. Dazu gehören aus meiner Sicht auch Karikaturen von Mohamed, die bei einer Vielzahl von Muslimen zu Beleidigung sehr intimer Gefühle führt. Und in der Situation heute bedeutet das nur noch Öl ins Feuer zu gießen.

Herr Frank Cebulla

15.01.2015, 11:06 Uhr

Das ist eine ISLAMISCHE Terrorsekte und keine "allgemeine Terrorsekte".
Warum wird das nicht klar benannt in diesem fürchterlichen Artikel?
Sind den Medien von der deutschen Regierung ein Maulkorb verpasst worden?
Darf der Islam nicht mehr benannt werden?
Es wird schlimm und schlimmer in Deutschland mit der Pressefreiheit und Meinungsfreiheit!!!

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