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20.08.2014

14:34 Uhr

Nobelpreisträger Stiglitz kritisiert Sparpolitik

„Europa zahlt einen enormen Preis“

Der Sparkurs der EU ist „kläglich gescheitert“. Das sagt der US-amerikanische Nobelpreisträger Joseph Stiglitz. Konsequenz einer nicht funktionierenden Politik: Das Wachstum stagniert, die Arbeitslosigkeit steigt.

Nobelpreisträger Joseph E. Stiglitz:„Sie bräuchten mehr von dem, was sie 'Fiskalunion' nennen.” ap

Nobelpreisträger Joseph E. Stiglitz:„Sie bräuchten mehr von dem, was sie 'Fiskalunion' nennen.”

LindauDie ausgeprägte Sparpolitik zur Bekämpfung der Schuldenkrise in der Euro-Zone ist nach Überzeugung des Nobelpreisträgers Joseph Stiglitz jäh gescheitert. Das Wachstum sei in dem Wirtschaftsraum nahezu zum Erliegen gekommen, stellte Stiglitz am Mittwoch am Rande einer Fachkonferenz im bayerischen Lindau fest. Dieses unzureichende Wirtschaftswachstum und die hohe Arbeitslosigkeit seien Folgen einer nicht funktionierenden Politik. „Wir können nun den enormen Preis erkennen, den Europa dafür zu zahlen hat”, sagte Stiglitz. Es sei zu hoffen, dass die realen Folgen dieser Politik nun auch eine Änderung auslösten.

Im Rahmen der Konferenz in Lindau wird auch die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel sprechen. Sie gilt als die Hauptbefürworterin eines ausgeprägten Sparkurses in der Euro-Zone. Mit Italien, Frankreich und Deutschland waren die drei größten Volkswirtschaften dieses Währungsraumes im zweiten Quartal nicht gewachsen. Die bereits brüchige Erholung gerät damit weiter in Gefahr und es wächst der Druck auf die EZB zur Verstärkung stimulierender geldpolitischer Maßnahmen. Mit 0,4 Prozent war überdies der Preisauftrieb im Juli auf den niedrigsten Wert seit nahezu fünf Jahren gefallen. Die EZB strebt einen Wert von rund zwei Prozent Inflation an.

Das Ende der Eurokrise?

Was bedeutet der Schritt Lissabons für die Eurozone?

Es ist ein Indiz, dass sich die Finanzlage im gemeinsamen Währungsgebiet erheblich beruhigt hat. Länder im Süden des Kontinents können sich zur Zeit zu sehr günstigen Konditionen an den Finanzmärkten Geld leihen.

Lissabon will keine Übergangshilfen mehr. Ist das realistisch?

Ja. Die EU-Kommission, die in der Troika vertreten ist, unterstützt den Beschluss für einen „sauberen Ausstieg“ ausdrücklich. „Das sorgt für eine bessere Stimmung und Vertrauen von (Finanz-)Investoren“, lautet die Devise des verantwortlichen EU-Vize-Kommissionspräsidenten Siim Kallas.

Das Vertrauen kehrt also in die Eurozone zurück?

Ja. Aber dies hat vor allem zwei Gründe. Da ist zunächst die Europäische Zentralbank (EZB). Die Notenbank versprach, den Euro um jeden Preis zu retten. EZB-Patron Mario Draghi ist auch bereit, gegen die niedrige Inflation sowie gegen die Deflation zu kämpfen. Deflation ist ein umfassender Preisverfall, der die Konjunktur ausbremsen kann.

Was ist der andere Grund?

Angesichts von Turbulenzen bei aufstrebenden Wirtschaftsriesen in Asien oder Südamerika gilt Europa wieder als ein „sicherer Hafen“ für Anleger. Aus Russland gibt es wegen der Annexion der Krim einen bedeutenden Kapitalabfluss. Nach Moskauer Schätzungen waren es allein im ersten Vierteljahr rund 50 Milliarden Euro. Von internationalen Kapitalströmen profitiert auch der krisengeschüttelte europäische Süden.

Wie ist die Lage in Griechenland?

Griechenland hat die schwere Rezession überwunden und wird wieder wachsen. Das soll auch dem angespannten Arbeitsmarkt zugutekommen. Jeder Vierte ist dort ohne Job. Athen erzielte 2013 erstmals seit langem einen Haushaltsüberschuss - ausgeblendet sind dabei jedoch der Schuldendienst und Kapitalspritzen an Banken.

Braucht Athen ein neues Rettungspaket?

Die griechische Koalitionsregierung ist dagegen. Finanzminister Ioannis Stournaras strebt aber an, Zahlungsfristen für die Hilfskredite weiter zu strecken, um dem Land Luft zu verschaffen. Entscheidungen der Eurogruppe wird es voraussichtlich erst im Herbst geben. Ende des Jahres läuft das Griechenland-Programm von europäischer Seite aus.

Wie sieht es in Zypern aus?
Viele wollen das Kapitel „Eurokrise“ abschließen. Ist das gerechtfertigt?

Nein. Es sind nach dem Willen der Brüsseler Währungshüter weitere Reformen in vielen Ländern der Eurozone nötig, um die Erholung dauerhaft abzusichern. Nach der Krise steigen die Schuldenberge der 18 Euro-Mitgliedstaaten im laufenden Jahr sogar weiter an - um einem Punkt auf 96 Prozent der Wirtschaftsleistung. In Griechenland wächst beispielsweise der staatliche Schuldenberg um zwei Punkte auf 177 Prozent. Erlaubt sind höchstens 60 Prozent. Für Entwarnung ist es also viel zu früh, sagen die Experten.

Stiglitz kritisierte überdies die Geschwindigkeit bei der Etablierung einer europäischen Bankenunion als „zu langsam” und rief zur Vergemeinschaftung der Staatsschulden in der Eurozone auf. Deutschland hat diese Maßnahme, gemeinsam mit anderen Ländern, stets abgelehnt. „Sie bräuchten mehr von dem, was sie 'Fiskalunion' nennen”, mahnte Stiglitz. Könnte sich die Eurozone als Ganzes am Kapitalmarkt versorgen, so sei das zu ähnlichen Konditionen möglich wie es die USA tun. Die Geldpolitik alleine, sagte der Wirtschaftsnobelpreisträger von der Columbia-Universität in New York, sei kein Ersatz für diese politischen Maßnahmen.

Kommentare (37)

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Herr Thomas Ebert

20.08.2014, 15:05 Uhr

Herr Stiglitz sieht das ganze aus der Sicht der Großbanken, und damit grundfalsch! Wir brauchen nicht mehr Bankenunion, nicht mehr Vergesellschaftung der Risiken, sondern weniger. Wir müssen Banken in den Ruin entlassen können. Forderungen aus der Konkursmasse sollten in der Reihenfolge nach der Höhe befriedigt werden, die kleinsten zuerst. Damit schützt man die Gesellschaft vor den Zockern.
Außerdem braucht es schärfere Regelungen bei Steuerbetrug und bei Steuerverschwendung. Einem Regierungschef, der sich die Wiederwahl mit höheren Schulden erkauft, gehören die Konten gesperrt. Oder einem Bürgermeister der Milliarden bei Bauprojekten in den Sand setzt.
Wenn wir gerecht besteuern und mit Augenmaß ausgeben, dann reicht das Geld auch.
Der jetzige Zustand, das das neugedruckte Geld zu 99% sofort auf den Konten der Superreichen landet, ist auf Dauer nicht zu ertragen. Aber dazu sagt ein Herr Stiglitz natürlich nichts. Solidarität und Verantwortung sind Fremdworte bei den "Wirtschaftswissenschaften".

Herr Bernd Greb

20.08.2014, 15:22 Uhr

Wir sollten uns die USA als Beispiel nehmen.
Das ist Satire pur! Was raucht der Kerl?
ICH WILL DAS AUCH!
Ach ja, Europa soll seine Staats-Schulden vergemeinschaften. Und dann drehen wir noch mal richtig auf. Und wenn die Kohle knapp wird, werfen wir die Druckmaschinen an. So einfach ist das. Die dummen Deutschen müssen das nur noch lernen.
Für heute reicht es an Nobelpreis-Verarschung!

Herr Pom Muc

20.08.2014, 15:34 Uhr

Da Stieglitz ebenfalls zu dem einem Prozent gehört ist es nur konsequent wenn er die USA als Vorbild darstellt.

Was er wohl sagen würde wenn F die 10 Milliarden die die USA von einer französischen Bank erpressten bei Google wieder reinholen würde? Man findet bestimmt irgendetwas wo Google in irgendeinem Land gegen französisches Recht verstieß.

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