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10.12.2016

09:14 Uhr

Nord Stream 2

Der Kampf um die nächste Leitung

VonKlaus Stratmann

Gazprom vergibt Aufträge im Milliardenvolumen für den Bau der Gaspipeline „Nord Stream 2“. Doch die EU-Kommission sieht das Projekt kritisch. Fachleute liefern den Russen jetzt neue Argumente.

Mit einem Spezialkran werden tonnenschwere Rohre für die zukünftige Ostsee-Erdgastrasse Nord Stream 2 im Hafen von Sassnitz-Mukran (Mecklenburg-Vorpommern) auf einen Lagerplatz transportiert. Jens Büdpa

Nord Stream 2

Mit einem Spezialkran werden tonnenschwere Rohre für die zukünftige Ostsee-Erdgastrasse Nord Stream 2 im Hafen von Sassnitz-Mukran (Mecklenburg-Vorpommern) auf einen Lagerplatz transportiert.

BerlinWer Mechthild Wörsdörfer, Direktorin für Energiepolitik bei der EU-Kommission, zuhört, kann schnell den Eindruck gewinnen, dass das Gazprom-Projekt „Nord Stream 2“ keine große Zukunft hat. „Nord Stream 2 ist nicht Teil unserer Linie“, sagte Wörsdörfer kürzlich bei einer Veranstaltung der Unionsfraktion im Bundestag. „Wir brauchen Gasimporte, aber wir müssen sehen, dass wir die Bezugsquellen diversifizieren“, ergänzte die Brüsseler Beamtin.

Ihre Botschaft ist klar: Statt die bereits existierenden zwei Stränge der Ostseepipeline „Nord Stream“ durch „Nord Stream 2“ um zwei weitere Stränge zu ergänzen, will die EU-Kommission alles dafür tun, einen südlichen Gaskorridor zu schaffen: Künftig soll Gas aus Aserbaidschan bis nach Italien fließen, die entsprechenden Pipelineprojekte sind in Arbeit. Außerdem will die EU-Kommission erreichen, dass die Flüssiggasterminals im Mittelmeerraum besser genutzt werden.

Pipeline-Netz

Die Vorbehalte der EU gegen die Erweiterung der Ostseepipeline sind groß. Die Gegner fürchten sich vor einer zu starken Abhängigkeit Europas von russischem Gas. Sie sorgen sich außerdem um die Ukraine. Das krisengeschüttelte Land ist wirtschaftlich abhängig von den Transitgebühren, die es bislang Jahr für Jahr für die Durchleitung russischen Gases nach Europa erhält. Die würden wegfallen, wenn Russland künftig 80 Prozent seiner Gasexporte durch die Ostsee leiten könnte.

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Die Pipeline Opal zweigt an der Ostsee von der Nord-Stream-Leitung ab und bringt Gas nach Tschechien. Bislang war Gazprom lediglich die Nutzung von 50 Prozent ihrer Kapazität erlaubt. Das ändert sich nun.

Doch die Befürworter des Projektes bekommen neue Argumente geliefert: Am Montag stellt „ewi Energy Research & Scenarios“, eine Tochter des Energiewirtschaftlichen Instituts der Uni Köln (EWI), in London eine Studie über die Optionen der Europäischen Union für die Gasversorgung in den kommenden beiden Jahrzehnten vor. Das zentrale Ergebnis: „Die Angst vor einer wachsenden Abhängigkeit von russischem Erdgas durch Nord Stream 2 ist nach unserer Überzeugung unbegründet. Wir gehen von erheblichen Veränderungen auf dem Erdgasmarkt innerhalb der nächsten zwanzig Jahre aus“, sagte Harald Hecking vom EWI, einer der Autoren der Studie, dem Handelsblatt.

So werde insbesondere verflüssigtes Erdgas (LNG) deutlich an Bedeutung gewinnen, sagte Hecking. Damit komme zusätzliche Liquidität in den Markt. „Sollte Russland als Gaslieferant tatsächlich an der Preisschraube drehen, würde das den Anreiz für Flüssiggas-Importe erheblich erhöhen. Europa verfügt über große unausgelastete LNG-Anlandekapazitäten. Über diese könnten große Gasmengen in den europäischen Gasmarkt gelangen“, sagte Hecking.

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Durch die Pipeline Nord Stream 2 auf dem Grund der Ostsee soll ab 2019 russisches Gas unter Umgehung Polens und des Baltikums direkt nach Deutschland strömen. CDU-Außenpolitiker Röttgen sieht das Projekt kritisch.

Russisches Erdgas sei wachsender Konkurrenz ausgesetzt, was die Position der EU als Gasimporteur ganz erheblich verbessere. „Nord Stream 2 löst einen Ausbau der Pipelineinfrastruktur in Deutschland und in angrenzenden Ländern aus. Diese zusätzliche Infrastruktur steht auch anderen Gaslieferanten zur Verfügung und hilft somit dabei, den Gasmarkt auch in Mittel- und Osteuropa noch liquider zu machen“, sagte Hecking.

Heckings Hinweis auf die Bedeutung von LNG teilen Fachleute wie Spencer Dale, Chefökonom bei BP. „Energiesicherheit ist nicht dadurch definiert, wo man kauft, sondern von der Möglichkeit, die Bezugsquelle zu wechseln. LNG spielt dabei eine Schlüsselrolle“, sagt Dale. Flüssiggas sei „wie eine Versicherungspolice“ zu betrachten.

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