Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

30.03.2013

14:27 Uhr

Nordkorea

Außer Kontrolle

VonMartin Kölling

Die Krise auf der koreanischen Halbinsel spitzt sich zu. 60 Jahre nach Ende des Korea-Kriegs ruft der Norden erneut den Kriegszustand aus. Der russische Außenminister befürchtet: Die Situation könnte entgleisen.

Nordkoreas Führer Kim Jong-Un beim Besuch einer Militäreinheit. Die nordkoreanische Regierung hat Südkorea den Krieg erklärt. dpa

Nordkoreas Führer Kim Jong-Un beim Besuch einer Militäreinheit. Die nordkoreanische Regierung hat Südkorea den Krieg erklärt.

Offiziell war der Krieg auf der koreanischen Halbinsel nie ganz vorbei. Nur ein Waffenstillstand sorgte seit dem Ende des Korea-Krieges zwischen dem kommunistischen Norden und dem kapitalistischen Süden halbwegs für Frieden. Doch im jüngsten Duell der Kriegsgebärden zwischen beiden Seiten hat Nordkorea eine neue Dimension eröffnet: Nachdem das Land vor wenigen Wochen erst den Waffenstillstand aufgekündigt hatte, erklärte es am Sonnabend sogar den Kriegszustand.

„Von jetzt an werden die Nord-Süd-Beziehungen in den Kriegszustand versetzt“, gab Nordkoreas Nachrichtenagentur KCNA auf ihrer Homepage eine Erklärung von Nordkoreas Regierung, Parteien und anderen Organisationen wieder. „Alle Probleme, die zwischen dem Norden und Süden entstehen, werden mit Regeln des Krieges behandelt.“ Der Zustand, weder Krieg noch Frieden zu haben, sei damit beendet.

Nordkoreas Drohungen in jüngster Zeit

23. Dezember 2010

„Die revolutionären Streitkräfte der Volksrepublik (Nordkorea) werden vollständig vorbereitet sein, nötigenfalls zu jeder Zeit einen Heiligen Krieg der Gerechtigkeit im koreanischen Stil auf der Basis der atomaren Abschreckung zu starten.“ (Minister der Streitkräfte, Kim Yong Chun)

23. März 2011

„Unserer Truppen sind bereit, jederzeit auf die Festen der psychologischen Kriegsführung zu zielen und zu schießen und in reale Kampfaktionen überzugehen, wenn wir das wollen.“ (Warnung eines Befehlshabers der Streitkräfte gegen anti-nordkoreanische Flugblattaktionen aus Südkorea)

23. April 2012

„Sie (die Truppen) werden die rattenähnliche Gruppe und die Stützpunkte der Provokationen in drei bis vier Minuten in Asche legen.“ (Nordkoreas Streitkräfte drohen mit „Spezialaktionen“ gegen die südkoreanische Hauptstadt Seoul.)

05. März 2013

„Wenn die Übungen nach dem 11. März in ihre Hauptphase treten, wird der Waffenstillstandsvertrag, der nur dem Namen nach bestanden hat, beendet sein.“ (Reaktion der Streitkräfte auf südkoreanisch-amerikanische Militärübungen)

07. März 2013

„Weil die USA einen Atomkrieg entfachen wollen, werden wir unser Recht auf einen nuklearen Präventivschlag gegen das Hauptquartier der Aggressoren wahrnehmen.“ (Ein Sprecher des Außenministeriums)

27. März 2013

„In der Situation, in der jeden Moment ein Krieg ausbrechen kann, ist die Nord-Süd-Kommunikation nicht mehr nötig.“ (Delegationsleiter für die Militärgespräche mit Südkorea kündigt Kappung der militärischen Telefonleitung zum Süden an.)

29. März 2013

„Es ist angesichts der bestehenden Lage an der Zeit, eine Rechnung mit den US-Imperialisten zu begleichen.“ (Machthaber Kim Jong Un laut Staatsmedien)

30. März 2013

Nordkorea erklärt Südkorea den Krieg. „Von diesem Moment an werden die Nord-Süd-Beziehungen in einen Kriegszustand versetzt und alle Angelegenheiten zwischen beiden werden gemäß den Vorschriften für Kriegszeiten erledigt.“ (Regierungserklärung)

Diese Stufe der Kriegsrhetorik rüttelt an der Gewissheit, dass Nordkorea wie in der Vergangenheit nur blufft, um Konzessionen von den USA und Südkorea zu erhalten. Bereits nachdem Nordkorea als Reaktion auf die Ankündigung der USA, erstmals zwei atomar bestückbare B-2-Tarnkappenbomber zu einem Manöver nach Südkorea zu fliegen, seine Raketentruppen in Alarmbereitschaft gesetzt hatten, warnte Russlands Außenminister Sergej Lawrow am Freitag: „Die Lage könnte einfach außer Kontrolle geraten und in einen Teufelskreis rutschen.“

Einen Tag zuvor hatte der US-Verteidigungsminister Chuck Hagel bereits erklärt, dass sich Südkorea und die USA auf alle Möglichkeiten vorbereiten müssen. Er glaube, dass Nordkoreas provokante Aktionen und kriegerische Töne die Gefahr gesteigert hätten, sagte Hagel in einer Pressekonferenz in Washington. „Und wir müssen diese Realität verstehen.“

Auslöser der jüngsten Spirale martialischer Posen waren Nordkoreas Weltraumraketentests im vorigen Jahr. Die Vereinten Nationen haben dem Land derartige Tests verboten, weil technisch Weltraumraketen Langstreckenraketen sind. Dennoch gab Nordkoreas neuer Führer Kim Jong-Un im April 2012 den Start frei.

Die folgenden UN-Sanktionen beantwortete er damit, dass er das Raketen- und Atomprogramm des Nordens massiv beschleunigte. Im Dezember fand der nächste und erste erfolgreiche Test statt. Die nächste Sanktionsrunde der internationalen Staatengemeinschaft konterte er im Februar mit einem Atombombentest, und die verschärften Strafen der UN, die auch von Nordkoreas wichtigstem Alliierten China mitgetragen wurden, mit der Auflösung des Waffenstillstands und Drohungen, Washington und Seoul, aber auch US-Militärstützpunkte in Japan und Guam mit Atomraketen zu beschießen.

Südkorea und die USA wiederum sahen nicht tatenlos zu und warfen sich selbst in provokante Posen. Südkorea drohte bei militärischen Übergriffen harte Vergeltung an. Darüber hinaus begannen sie gleich zwei große Kriegsspiele: Vom 1. März bis Ende April läuft das Manöver „Foal Eagle“, dass Mitte März noch durch die Übung „Key Resolve“ ergänzt wurde.

Dabei kitzelten die Verbündeten Nordkoreas Empfindlichkeiten durchaus über das übliche Maß hinaus. Teilnahme von B-52- und jetzt den Tarnkappen-Bombern soll dem Norden zeigen, dass die USA die Fähigkeit und den Willen haben, Angriffe Nordkoreas zu beantworten.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×