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15.08.2015

09:09 Uhr

Nordkorea

Kim Jong-Un hat an der Uhr gedreht

Nordkorea hat eine neue Standardzeit eingeführt. Südkorea übt Kritik und fürchtet wirtschaftliche und politische Folgen. Derweil droht Pjöngjang seinem Nachbarn mit dem Beschuss von Lautsprecheranlagen.

Nordkoreas Diktator Kim Jong-Un hat seinem Land eine neue Standardzeit verordnet. dpa

Kim Jong-Un

Nordkoreas Diktator Kim Jong-Un hat seinem Land eine neue Standardzeit verordnet.

SeoulNach der Wiederaufnahme von Propaganda-Durchsagen durch Südkorea an der Grenze hat Nordkorea mit dem Beschuss der Lautsprecheranlagen gedroht. Das Frontkommando der Volksarmee forderte Südkorea am Samstag auf, die Beschallungsaktion sofort zu stoppen. Nordkorea werde sonst „eine Militäraktion starten, um alle Mittel der anti-nordkoreanischen psychologischen Kriegsführung zu zerstören“, wurde das Kommando von den staatlichen Medien zitiert. Die Durchsagen kämen einer Kriegserklärung gleich.

Südkorea reagierte mit der Wiederaufnahme der Durchsagen nach elfjähriger Unterbrechung auf die schwere Verletzung von zwei seiner Soldaten durch die Explosion von mutmaßlich nordkoreanischen Landminen. Südkorea wirft der Volksarmee vor, die Minen im südlichen Teil der entmilitarisierten Zone (DMZ) zwischen beiden Ländern vergraben zu haben. Das kommunistische Regime in Pjöngjang bestreitet das.

Nordkorea reagiert auf Propaganda, die sich gegen das Regime richtet, in der Regel sehr empfindlich. Am Freitag hatte das Land gedroht, Südkorea in ein „Meer aus Feuer“ zu verwandeln, wenn Propaganda-Flugblattaktionen durch private südkoreanische Organisationen nicht gestoppt würden. Die Gruppen benutzen dabei Ballons, um die Flugblätter über die Grenze zu schicken.

Hungerland mit Atomwaffen

Einwohner und Fläche

Der abgeschottete Staat hat knapp 25 Millionen Einwohner und ist mit gut 120.000 Quadratkilometern etwa so groß wie die frühere DDR.

Militärmacht

Das mehrfach von Hungersnöten erschütterte Nordkorea unterhält mit mehr als 1,2 Millionen Soldaten eine der größten Streitkräfte Asiens.

Menschenrechte

Nordkorea zählt zu den Ländern mit den schwersten Menschenrechtsverletzungen. Die Zahl der politischen Gefangenen wird auf 200.000 geschätzt.

Diktatur seit 1948

An der Spitze der von einem Geflecht aus Arbeiterpartei und Militär beherrschten Diktatur stand bis zu seinem Tod der „Geliebte Führer“ Kim Jong Il. Unter der Führung seines Vaters Kim Il Sung war die „Demokratische Volksrepublik Korea“ 1948 gegründet worden. Seit einiger Zeit wurde Kim Jong Ils Sohn Kim Jong Un als Nummer drei der kommunistischen Dynastie aufgebaut.

Misswirtschaft und Hungerkatastrophe

Misswirtschaft ruinierte das an Bodenschätzen reiche Land. Die Industrieproduktion ging seit 1990 um mehr als zwei Drittel zurück. Die meisten Einwohner sind bitterarm. 1997 führte eine durch Unwetter, Missernten und Zwangswirtschaft ausgelöste Hungerkatastrophe zu einem Massensterben. Nach UN-Schätzung sind gegenwärtig sechs Millionen Nordkoreaner von Hunger bedroht.

Atomwaffen

Trotz der hungernden Bevölkerung haben Ausgaben für das Militär Vorrang. Internationale Besorgnis löste Nordkoreas Atomprogramm aus, das zusammen mit dem Raketenprogramm des Landes als Bedrohung in der Region gilt. Nordkoreas Propaganda berichtet von Fortschritten bei der Produktion von schwach angereichertem Uran. Die US-Regierung befürchtet, dass das Uran-Programm letztlich dem Bau von Atomwaffen dient. Für die Herstellung von Atomsprengköpfen muss hochangereichertes Uran vorliegen.

Derweil haben die Menschen in Nordkorea am Freitag Mitternacht gleich doppelt erlebt und sind am Samstag zu einer neuen Uhrzeit aufgewacht. Wie vor gut einer Woche angekündigt ließ die Regierung in Pjöngjang die Uhren eine halbe Stunde zurückdrehen, um damit ein Zeichen gegen die japanische Kolonialzeit zu setzen. Das Staatsfernsehen zeigte mehrere Nordkoreaner in traditioneller Kleidung, die zur Feier der Uhrenumstellung eine riesige Glocke läuteten. Landesweit gingen in Fabriken, auf Schiffen und in Zügen die Sirenen an.

Die Nutzung der sogenannten „Pjöngjang-Zeit“, die nun 30 Minuten hinter der bisherigen Zeit und damit auch hinter der des Nachbarn Südkorea liegt, habe zum Ziel, „alle Spuren der japanischen Kolonialherrschaft zu beseitigen“, verkündete der Fernsehansager. Nordkorea feiert am Samstag das Ende der japanischen Kolonialherrschaft über die Koreanische Halbinsel vor 70 Jahren. Sie dauerte von 1910 bis 1945.

Südkorea hatte die Pläne Nordkoreas kritisiert. Nach Überzeugung von Seoul sind kurzfristig Nachteile für den gemeinsam auf nordkoreanischem Territorium betriebenen Industriekomplex Kaesong zu befürchten. Langfristig würden dadurch auch die Bemühungen zurückgeworfen, die Unterschiede zwischen beiden Staaten abzubauen, was letztlich eine Wiedervereinigung der Halbinsel erschwert. Der Norden wiederum warf dem Süden vor, weiterhin unter Japans Kontrolle zu stehen, weil es an derselben Uhrzeit wie Tokio festhalte.

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