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12.02.2013

10:52 Uhr

Nordkorea testet Atombombe

Kim Jong-Un stellt den Westen bloß

VonMartin Kölling

Nordkorea hat einen „erfolgreichen“ Atomtest unternommen. Er sei „Teil von Maßnahmen zum Schutz nationaler Sicherheit“. Der Rest der Welt sieht das anders – bis auf China. Verliert Nordkorea seinen letzten Verbündeten?

Reaktionen auf Atomtest

Video: Reaktionen auf Atomtest

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PjöngjangNordkorea verdarb seinen Nachbarn am Dienstag Mittag den Appetit: Um 11:58 Uhr zeichneten die Seismographen in aller Welt in nur ein Kilometer tiefe ein künstliches Erdbeben der Stärke 5,1 im Nordosten des Landes auf. Der Schluss lag nahe: Nordkorea hat zum dritten Mal seit 2006 und 2009 eine Atombombe getestet. Denn in der Region des Epizentrums liegt Nordkoreas Atomtestzentrum Punggye-ri.

Die erste Auswertung der Erdstöße bestätigte den Verdacht: „Das Vorkommnis zeigte klare explosionsähnliche Charakteristika und die Position ist ähnlich wie bei den Atomtests 2006 und 2009“, sagte Tibor Toth von der Atomaren Teststopp-Organisation (CTBTO). Damals bebte die Erde mit der Stärke 4,1 und 4,5 auf der Richter-Skala. Südkoreans Verteidigungsministerium schätzte daher, dass die Sprengkraft der Bombe dieses Mal sechs bis sieben Kilotonnen TNT entsprach. Zum Vergleich: Die Bombe, die 1945 über Hiroshima gezündet wurde, hatte eine Sprengkraft von 13 bis 16 Kilotonnen.

Atomversuch: Nordkorea bringt (fast) alle gegen sich auf

Atomversuch

Ruf nach harten Konsequenzen

Der jüngste nordkoreanische Atomtest hat international Kritik ausgelöst.

Mittlerweile hat die amtliche Nachrichtenagentur KCNA den Test bestätigt. Nordkorea habe einen „erfolgreichen“ Atomtest unternommen. Dieser sei unterirdisch erfolgt und „Teil von Maßnahmen zum Schutz unserer nationalen Sicherheit und Souveränität“. Diese würden vor allem von den USA bedroht.

Chronologie: Nordkorea und seine Atombomben

1989

Ein US-Spionagesatellit macht erste Aufnahmen der nordkoreanischen Atomanlage Yongbyon.

1994

Pjöngjang legt den Atomreaktor im Rahmen eines Abkommens mit den USA still und erhält dafür Zusagen für den Bau zweier Leichtwasserreaktoren.

1998

Abschuss einer nordkoreanischen Langstreckenrakete vom Typ Taepodong-1.

2002

US-Präsident George W. Bush erklärt Nordkorea im Januar zu einem Teil der "Achse des Bösen". Im Dezember reaktiviert Pjöngjang den Atomreaktor Yongbyon und weist Inspektoren der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) aus.

2003

Nordkorea kündigt im Januar den Atomwaffensperrvertrag auf. Im August beginnen Sechs-Nationen-Gespräche zur Beendigung des nordkoreanischen Atomprogramms mit Nord- und Südkorea, China, USA, Japan und Russland.

2005

Nordkorea gibt im Februar bekannt, Atomwaffen zur Selbstverteidigung hergestellt zu haben.

2006

Nordkorea nimmt am 9. Oktober den ersten Atombomben-Test vor. Der UN-Sicherheitsrat beschließt Sanktionen.

2007

Nordkorea erklärt sich im Februar bereit, die Anlage in Yongbyon abzuschalten und Atominspektoren wieder ins Land zu lassen. Im Juli erklärt die IAEA, Yongbyon sei geschlossen.

2009

Im April startet Nordkorea eine Langstreckenrakete mit tausenden Kilometern Reichweite. Die Regierung in Pjöngjang zieht sich aus den Sechs-Parteien-Gesprächen zurück und kündigt die Wiederaufnahme des Atomprogramms an. Am 24. Mai nimmt Nordkorea einen zweiten Atombombentest vor. Am 12. Juni werden die UN-Sanktionen verschärft.

2011

Nach dem Tod des langjährigen nordkoreanischen Machthabers Kim Jong Il am 17. Dezember kommt sein jüngster Sohn Kim Jong Un an die Macht.

2012

Nach einem fehlgeschlagenen Test der Rakete Unha-3 im April gelingt ein zweiter Abschuss des Raketentyps im Dezember.

2013

Der UN-Sicherheitsrat verschärft am 22. Januar die Sanktionen erneut, zwei Tage später kündigt die Führung in Pjöngjang einen neuen Atomtest an. Am 12. Februar vollzieht Nordkorea nach eigenen Angaben "erfolgreich" einen unterirdischen Atomtest.

2014

In seiner Neujahrsansprache kündigt Diktator Kim Jong-Un gegenüber den USA eine „massive nukleare Katastrophe“ an, sollte auf der koreanischen Halbinsel ein Krieg ausbrechen. Im September veröffentlicht die IAEA einen Bericht, wonach der Atomreaktor Nyongbyon wieder in Betrieb sei, und belegt dies mit Satellitenbildern.

2015

Im Januar bietet Kim Jong-Un an, das Atomwaffenprogramm Nordkoreas aufzugeben, wenn die USA auf gemeinsame Militärmanöver mit Südkorea verzichten. Im Mai verbreitet Pjöngjang, dass Nordkorea inzwischen auch Langstreckenraketen mit entsprechend miniaturisierten Nuklearwaffen ausrüsten zu können – eine offene Drohung in Richtung USA.

2016

Gleich zu Beginn des Jahres gibt Nordkorea bekannt, erstmals erfolgreich den Einsatz einer Wasserstoff-Bombe getestet zu haben. Chinesische und US-amerikanische Behörden bezweifeln die Behauptung aufgrund seismischer Signale in der Nähe des Testgeländes, die eher auf die Explosion einer Spaltbombe hindeuten. Einen Monat später führt Pjöngjang einen Raketentest durch: Am 7. Februar startet eine Unha-3-Trägerrakete und bringt einen Satelliten in die Erdumlaufbahn. Die USA, Südkorea und Japan werten den Start jedoch als Test einer atomar bestückbaren Langstreckenrakete – und erlassen erneut Sanktionen gegen Nordkorea.

Unerwartet kommt Nordkoreas Test keineswegs. Experten gilt Nordkoreas Atomprogramm schon lange nicht mehr als verhandelbar. Denn die Erbdiktatur sieht in der Bombe eine Sicherheit gegen eine militärische Intervention der USA. Das Novum ist, dass der junge Führer Kim Jong-Un den Test öffentlich und selbstbewusst ankündigte: Bereits im Januar drohte er offen mit einem weiteren Test.

Noch ohne funktionierendes Trägersystem

Ist Nordkorea jetzt offiziell eine Atommacht?

Noch nicht. Zwar bezeichnet sich das Land seit vergangenem Jahr in seiner Verfassung selbst als Atommacht. Außerdem nahm Nordkorea bereits 2006 und 2009 Atomwaffentests vor. Das kommunistisch regierte Land ist also im Besitz von Nuklearwaffen, allerdings ist bislang nicht bewiesen, dass es auch über ein funktionierendes Trägerssystem - etwa Interkontinentalraketen oder U-Boote - dafür verfügt. Nordkorea war zudem bislang nicht in der Lage, einen Sprengkopf herzustellen, der atomar bestückt und auf einer Rakete platziert werden kann.

Wie ist der Raketenstart von Dezember zu bewerten?

Mitte Dezember schoss Nordkorea eine Langstreckenrakete ab - nach offiziellen Angaben, um einen Beobachtungssatelliten zur Forschung ins All zu befördern. Der Westen vermutete dahinter aber einen unzulässigen Raketentest für das Atomprogramm, der UN-Sicherheitsrat verhängte daher Sanktionen. Der Test gilt als Fortschritt und zeigte, dass Nordkorea ein Objekt ins All befördern kann. Jedoch kann es nicht zur Erde zurückgebracht werden. Experten zufolge ist Nordkorea von einer funktionierenden Interkontinentalrakete noch Jahre entfernt.

Welchem Ziel dient der dritte Atomtest?

Nordkorea hatte einen Test "auf hohem Niveau" angekündigt, was Experten vermuten ließ, dass es sich im Gegensatz zu den früheren Atomtests, bei denen Plutonium verwendet wurde, diesmal um einen Test mit hoch angereichertem Uran handeln könnte. Experten gehen davon aus, dass Nordkorea seit Jahren heimlich waffenfähiges Uran anreichert. Entscheidend wird sein, wie weitreichend und technisch fortgeschritten der Test war. Sollte sich herausstellen, dass Nordkorea waffenfähiges Uran herstellen kann, dürften die Alarmglocken schrillen.

Wo wurde der Test vorgenommen?

Die Tests 2006 und 2009 fanden auf dem im Nordosten gelegenen Teststützpunkt Punggye Ri statt. Dort wurde auch das "künstliche Erdbeben" vom Dienstag registriert. Das abgelegene bergige Gelände liegt rund hundert Kilometer von der Grenze zu China entfernt und verfügt über drei Testtunnel - von denen zwei 2006 und 2009 verwendet wurden. Die Anlage wurde von Spionage-Satelliten eingehend beobachtet und dokumentiert, insbesondere in den vergangenen Wochen.

Welche Folgen wird der neuerliche Test haben?

Ein Atomtest Nordkoreas gibt immer Anlass zur Sorge. Der Test wird genau ausgewertet werden, allerdings dürfte ein gut ausgeführter unterirdischer Test nur wenig Hinweise liefern, um die Angaben Nordkoreas zu bestätigen oder zu widerlegen. Angesichts eines fehlenden Trägersystems dürfte der Test das militärische Gleichgewicht in der Region kurzfristig nicht gefährden. Allerdings sagen Beobachter, dass es schwieriger wird, Nordkorea von seinem Atomprogramm abzubringen, je weiter dieses voranschreitet. Mit dem jüngsten Test schwinden zugleich die Hoffnungen auf eine Wiederaufnahme der Atomgespräche.

Welche Reaktion ist von der UNO zu erwarten?

Bereits kurz nach den ersten Berichten über die Explosion vom Dienstag erklärten Diplomaten, dass der UN-Sicherheitsrat zusammenkommen werde. In der UN-Resolution zur Verurteilung des Raketentests vom Dezember war bereits von "entschiedenen Maßnahmen" die Rede, sollte Nordkorea tatsächlich einen neuen Atomtest vornehmen. China drohte Nordkorea mit einer Reduzierung der Wirtschaftshilfen, allerdings weiß auch Peking, dass seine Druckmittel beschränkt sind. Zu befürchten ist eine Destabilisierung der Region mit unvorhersehbaren Folgen.

Sein Regime antwortete damit auf verschärfte Sanktionen, die die Vereinten Nationen (Uno) nach Nordkoreas Test einer Weltraumrakete im Dezember verhängt hatten. Am Montag zogen sich dann Nordkoreas Militärs gut sichtbar für die Satelliten der Nachbarn von der Testseite zurück. Und das Regime gönnte sich sogar noch die Genugtuung, die Nachbarn vorab von der Explosion zu informieren. Wenigstens erhielt Südkoreas Regierung so nach eigener Aussage die Botschaft vorab.

Kommentar: Nordkorea ist eine Atommacht

Kommentar

Nordkorea ist eine Atommacht

Die Erbdiktatur führt dem Westen seine Ohnmacht vor Augen. Nordkorea hat zum dritten Mal nach 2006 und 2009 eine Atombombe getestet. Dennoch gibt es keine Alternative zum Sanktionskurs.

Ob es sich wie in den Tests zuvor um eine Plutoniumbombe oder einen höherentwickelten Sprengkopf aus angereichertem Uran handelt, ist noch offen. Klar ist allerdings, dass sich damit die militärische Bedrohung in Asien und um den Pazifik erhöht. Erstens wird es nach dem erfolgreichen Weltraumraketentest im Dezember immer wahrscheinlicher, dass Nordkorea wenigstens theoretisch über die Fähigkeit verfügt, die Westküste der USA atomar zu bombardieren. Zweitens steigt das Risiko militärischer Zusammenstöße auf der hochmilitarisierten koreanischen Halbinsel, warnt Bruce Klingner, Ostasiensexperte der konservativen Heritage-Stiftung in den USA, auf eine Frage des Handelsblatts.

Hungerland mit Atomwaffen

Einwohner und Fläche

Der abgeschottete Staat hat knapp 25 Millionen Einwohner und ist mit gut 120.000 Quadratkilometern etwa so groß wie die frühere DDR.

Militärmacht

Das mehrfach von Hungersnöten erschütterte Nordkorea unterhält mit mehr als 1,2 Millionen Soldaten eine der größten Streitkräfte Asiens.

Menschenrechte

Nordkorea zählt zu den Ländern mit den schwersten Menschenrechtsverletzungen. Die Zahl der politischen Gefangenen wird auf 200.000 geschätzt.

Diktatur seit 1948

An der Spitze der von einem Geflecht aus Arbeiterpartei und Militär beherrschten Diktatur stand bis zu seinem Tod der „Geliebte Führer“ Kim Jong Il. Unter der Führung seines Vaters Kim Il Sung war die „Demokratische Volksrepublik Korea“ 1948 gegründet worden. Seit einiger Zeit wurde Kim Jong Ils Sohn Kim Jong Un als Nummer drei der kommunistischen Dynastie aufgebaut.

Misswirtschaft und Hungerkatastrophe

Misswirtschaft ruinierte das an Bodenschätzen reiche Land. Die Industrieproduktion ging seit 1990 um mehr als zwei Drittel zurück. Die meisten Einwohner sind bitterarm. 1997 führte eine durch Unwetter, Missernten und Zwangswirtschaft ausgelöste Hungerkatastrophe zu einem Massensterben. Nach UN-Schätzung sind gegenwärtig sechs Millionen Nordkoreaner von Hunger bedroht.

Atomwaffen

Trotz der hungernden Bevölkerung haben Ausgaben für das Militär Vorrang. Internationale Besorgnis löste Nordkoreas Atomprogramm aus, das zusammen mit dem Raketenprogramm des Landes als Bedrohung in der Region gilt. Nordkoreas Propaganda berichtet von Fortschritten bei der Produktion von schwach angereichertem Uran. Die US-Regierung befürchtet, dass das Uran-Programm letztlich dem Bau von Atomwaffen dient. Für die Herstellung von Atomsprengköpfen muss hochangereichertes Uran vorliegen.


„Der Raketen- und der Atombombentest sind bedeutende Schritte vorwärts“, so Klingner. Sie stärkten das Selbstbewusstsein des nordkoreanischen Militärs. „Es könnte vermehrt zu konventionellen Angriffen auf Südkorea kommen, weil Nordkoreas Führer mit ihren verbesserten Fähigkeiten sich sicherer sind, dass Südkorea und die USA keine Gegenmaßnahmen ergreifen,“ warnt Klingner.

Die Aussicht ist beunruhigend. Nordkorea hat selbst in der jüngeren Vergangenheit nicht davor zurückgeschreckt, südkoreanische Kriegsschiffe zu torpedieren oder Stellungen mit Artillerie zu beschießen. Und die Test der vergangenen Monate zeigten, dass der junge Führer Kim Jong-Un nicht weniger kriegerisch ist als sein Vater Kim Jong-Il oder sein Großvater Kim Il-Sung, so Klingner.

Kommentare (32)

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Deutscher

12.02.2013, 07:49 Uhr

Hochachtung an Nordkorea. Die lassen sich vom Westen nicht einschüchtern.

Den Menschen geht es nach unserem Verständnis sehr schlecht. Sie dürfen nicht reisen. Dürfen keine Merzedes oder BMWs kaufen. Sind damit keine Kunden von uns.

Sind sie aber unglücklich?

Als Kohl blühende Landschaften versprach, hat er eine Diktatur weggekauft. Geht es heute den Menschen dort besser? Viele träumen den alten besseren Verhältnissen noch nach. Einiges war dort besser.
Wir hatten einen Feind.
So haben wir in Nordkorea einen Feind den wir bekämpfen dürfen. Er ist klein, arm aber selbstbewusst.

Was würden wir tun ohne unsere Feinde?

Meine Welt ist friedlich ohne Atombomben, jedoch nicht einheitlich und von unseren Konzernen dominiert. Sie ist lokal organisiert.

Blaimann

12.02.2013, 08:01 Uhr

Ist doch völlig verständlich oder? Wenn man sich anschaut wo die USA überall einfallen, dann ist das wohl die einzige Möglichkeit um sich vor denen zu schützen. Und welche Kriterien bestimmen ob man eine Atombombe besitzen darf oder nicht? Mag sein dass das nordkoreanische Regime verrückt ist und unmenschlich mit seinem Volk umgeht, es aber vor den Interessen der USA und deren Verbündeten zu schützen finde ich legitim. Deren Einfälle in anderen Ländern zum errichten einer "Demokratie" sind in meinen Augen wesentlich verwerflicher als wenn eine Diktatur zu Atomwaffen kommt. Eine Diktatur muss nicht unbedingt süchtiger nach Macht und dem nächsten Krieg sein als eine "Demokratie" (siehe USA).

goldeneye

12.02.2013, 08:10 Uhr

der Type ist unberechenbar, vielleicht noch schlimmer als sein Vater. Je schneller er ausgerottet wird, umso besser.
Für was gibts denn Geheimdienste. Das Gleiche übrigens auch mit Syriens Assad, dann wäre endlich Ruhe in der Region.

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