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23.11.2016

20:45 Uhr

Nordkorea

Verkappte Kapitalisten

Nordkorea hat eine sozialistische Planwirtschaft. Und doch gibt es auf den Märkten alles zu kaufen, was das Herz begehrt – für den, der genug Geld hat. Ohne diese kapitalistischen Märkte würde wohl alles zusammenbrechen.

Für den nordkoreanischen Diktator gibt es ein großes kulinarisches Angebot. Reuters

Kim Jong Un

Für den nordkoreanischen Diktator gibt es ein großes kulinarisches Angebot.

SeoulEs klingt paradox. Aber Hunderte von kapitalistischen Märkten, jeder davon mit Tausenden Verkaufsständen, halten Nordkoreas sozialistische Planwirtschaft zusammen, wie Abtrünnige sagen. Sie selbst haben einst alles Mögliche in Nordkorea verkauft, um sich damit ihren Lebensunterhalt zu verdienen von medizinischen Kräutern über modische Jeans und Fernseher bis hin zu CDs mit ausländischen Filmen.

„Leute sagen, dass es auf nordkoreanischen Märkten alles gibt. Und das ist wirklich so“, schildert der 31-jährige Cha Ri Hyuk, der sich 2013 nach Südkorea absetzte. „Wenn Nordkorea Märkte schließt, wird es auch zusammenbrechen.“

Pjöngjang toleriert einige der Marktaktivitäten und hat manche besteuert, seit die staatlichen Rationierungssysteme im Zuge der wirtschaftlichen Krise und Hungersnot Mitte der 1990er Jahre abbröckelten. Die wirtschaftliche Spritze durch diese Märkte hat Staatschef Kim Jong Un geholfen, die Macht in der Hand zu behalten und seine atomaren Ambitionen voranzutreiben. Das harsche politische System im Land - unter Einschluss der Pjöngjang zur Last gelegten Menschenrechtsverstöße – sind bisher weitgehend unberührt geblieben.

Aber manche politische Analysten meinen, dass die Marktaktivitäten dem Land langsam neue Denkweisen einflößen, die irgendwann die eiserne Faust des Regimes lockern könnten. „Es sieht so aus, als würden potenzielle Kräfte, die die nordkoreanischen System fundamental erschüttern könnten, wachsen“, sagt Lim Eul Chul, ein Nordkorea-Experte an der südkoreanischen Kyungnam-Universität.

Satellitenfotos und Angaben von Abtrünnigen deuten darauf hin, dass es mittlerweile 400 zumeist unter freiem Himmel operierende Märkte gibt, die „jangmadang“. Der Staat hat in Abständen immer mal wieder versucht, ein zu starkes Anwachsen zu verhindern, indem etwa Öffnungszeiten beschränkt und es jungen Leuten verboten wurde, dort zu arbeiten. Aber solche Maßnahmen werden oft später wieder aufgehoben, wie Nordkorea-Experten sagen.

Alles, was das Herz begehrt: Auf dem Tongil-Markt bieten Händler ein reiches Warensortiment an: Bananen, Fisch, Gemüse, Damenunterwäsche, Schuhe und Tennisschläger. AP

Markt Tongil in Pjöngjang

Alles, was das Herz begehrt: Auf dem Tongil-Markt bieten Händler ein reiches Warensortiment an: Bananen, Fisch, Gemüse, Damenunterwäsche, Schuhe und Tennisschläger.

Den härtesten Schritt gab es 2009, als die Währung neu bewertet wurde und Bürger nur eine begrenzte Zahl von alten Banknoten eintauschen durften – ein Versuch, immer stärker Fuß fassenden Schwarzmarkthandel zu unterbinden und die Kontrolle über die Wirtschaft zu sichern. Aber seit Kim nach dem Tod seines Vaters Ende 2011 an die Macht kam, sind keine ernsthaften Schritte zur Beschränkung der kapitalistischen Märkte mehr unternommen worden. Kim hat versprochen, den öffentlichen Lebensunterhalt zu verbessern, und zugleich steckt er jede Menge Geld in Waffenprogramme.

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24.11.2016, 08:26 Uhr

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