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17.01.2016

16:05 Uhr

Nordrussland

Zwischen Volksfeinden und Bücherverbrennung

VonAndré Ballin

In Russlands Regionen nimmt die ideologische Auseinandersetzung teils groteske Formen an. Die Behörden lassen Bücher verbrennen, die aus der amerikanischen Soros-Stiftung stammen. Die Aktion ist umstritten.

Anhänger der kommunistischen Partei Russland gedenken Joseph Stalin. Dessen nationale Popularität wächst. AFP

Wachsende Beliebtheit

Anhänger der kommunistischen Partei Russland gedenken Joseph Stalin. Dessen nationale Popularität wächst.

MoskauIn der nordrussischen Teilrepublik Komi sind Dutzende Bücher, die unter Mithilfe der Soros-Stiftung „Open Society“ herausgegeben wurden, auf dem Scheiterhaufen gelandet. Hunderte wurden aus den örtlichen Bibliotheken entfernt. Auf der Verbotsliste tauchten klassische Lehrbücher russischer Wissenschaftler auf, nach denen an vielen russischen Universitäten immer noch gelehrt wird.

Die Büchervernichtung geht auf eine Initiative des Präsidentenvertreters für Nordwestrussland, Andrej Trawnikow, zurück. In einem Brief an die stellvertretende Regierungschefin der Republik Komi, Tamara Nikolajewa, bat er darum, Bücher, die mit Geld der Soros-Stiftung gedruckt wurden, ausfindig zu machen und aus dem Verkehr zu ziehen, da sie „unter jungen Menschen eine verzerrte Wahrnehmung der vaterländischen Geschichte formieren und Werte popularisieren, die der russischen Ideologie fremd sind“.

Nach Angaben des regionalen Bildungsministeriums wurden daraufhin in der staatlichen Technischen Universität der Erdölstadt Uchta 413 Bücher zur Entsorgung empfohlen, im polytechnischen Technikum von Workuta 14. Im Bergbau- und Wirtschafts-College der Stadt, die einst als Zentrum der Gulag-Industrie bekannt war, wurden 53 Bücher bereits auf dem Hinterhof verbrannt. Informationen des örtlichen Internetportals „7x7“ zufolge sind die „Soros-Bücher“ auch in der Bibliothek der Komi-Hauptstadt Syktywkar aus den Regalen verbannt worden.

Die Köpfe der russischen Opposition

Alexej Nawalny

Die Galionsfigur der russischen Opposition ist durch den Kampf gegen Korruption und Vetternwirtschaft bekanntgeworden. Nawalny nutzte seine Internetseiten im Stile der Enthüllungsplattform Wikileaks zur Aufdeckung von Skandalen. Bei der Bürgermeisterwahl 2013 erhielt der 38-Jährige überraschend mehr als 27 Prozent der Stimmen. Auch auf das Präsidentenamt hat er Ambitionen geäußert. Erst vor kurzem verurteilte ihn ein Moskauer Gericht zu 15 Tagen Arrest, weil er Werbung für eine nicht genehmigte Demonstration verteilt hatte.

Michail Kasjanow

Der frühere russische Ministerpräsident (2000-2004) ist ebenfalls ein entschiedener Gegner von Präsident Wladimir Putin. Ende 2010 gehörte der 57-Jährige zusammen mit Nemzow zu den Gründern der oppositionellen Partei der Volksfreiheit (Parnas), die im Sommer 2012 mit der Republikanischen Partei Russlands zur RPR-Parnas fusionierte.

Sergej Udalzow

Der prominente Regierungskritiker wurde im Juli 2014 wegen Anstiftung zu gewaltsamen Massenprotesten gegen Putin zu viereinhalb Jahren Straflager verurteilt. Der Chef der Linken Front steht unter Hausarrest. Er hat mehrere Großdemonstrationen gegen Putin mitorganisiert.

Sergej Mitrochin

Er ist der Chef der liberalen Oppositionspartei Jabloko. Die prowestliche Kraft hatte bei den Regionalwahlen im September 2014 in Moskau erhebliche Zugewinne, scheiterte aber dennoch.

Garri Kasparow

Der 51 Jahre alte Ex-Schachweltmeister lebt im Ausland. Er befürchtet, wie andere Gegner von Kremlchef Wladimir Putin wegen seiner Teilnahme an Protesten eingesperrt zu werden. Er gilt als treibende Kraft der liberalen Opposition. Sein Internetportal kasparov.ru verbreitet rund um die Uhr kremlkritische Berichte.

Die Stiftung „Open Society“ existierte in Russland seit 1995 und unterstützte Programme in den Bereichen Bildung, Kultur, Medizin und Zivilgesellschaft. 2013 stellte der Fonds seine Tätigkeit nach der Verschärfung des NGO-Gesetzes ein. 2015 landete die Stiftung auf der „patriotischen Stopp-Liste“ des russischen Föderationsrats und wurde von der Generalstaatsanwaltschaft „unerwünschter ausländischer Agent“ eingestuft. George Soros selbst ist Unterstützer der Maidan-Revolution in der Ukraine und gilt als Gegner von Kremlchef Wladimir Putin.

Trotzdem regt sich Widerstand gegen die Aktion. „Die Lehrbücher hat doch Soros nicht selbst geschrieben, sondern russische Autoren, die anschließend sorgfältig von russischen Wissenschaftlern ausgewählt wurden“, sagte einer der Betroffenen, Lew Jakobson, Prorektor der Moskauer Higher School of Economics, gegenüber der Internetzeitung gazeta.ru.

In den 90er Jahren habe die Soros-Stiftung viel zum Überleben der russischen Wissenschaft beigetragen, pflichtet ihm Wladimir Mironow, Dekan der Fakultät für Philosophie an der Moskauer Lomonossow-Universität, bei. „In der Zeit gab es große Probleme mit der Herausgabe von Büchern, darum haben sich viele an die Soros-Stiftung gewandt“, sagte er.

Selbst Alexander Tarnawski, als Duma-Abgeordneter einer der Initiatoren des Gesetzes über „unerwünschte ausländische Agenten“, kritisierte die Bücherverbrennung in Komi als „Übertreibung“. Da hätten regionale Beamte wohl versucht, sich hochzudienern, meinte er.

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