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06.11.2012

14:30 Uhr

Notleidende Kredite

Italien will keine eigene Bad Bank schaffen

Über zehn Prozent der Kredite bei italienischen Instituten fallen in die Kategorie „notleidend“. Doch Vorschläge zur Schaffung einer Bad Bank lehnt die Regierung dennoch ab, heißt es in Kreisen.

Eine Filiale der italienischen Bank Monte dei Paschi di Siena. Reuters

Eine Filiale der italienischen Bank Monte dei Paschi di Siena.

Vertreter des italienischen Finanzministeriums haben unterrichteten Kreisen zufolge Vorschläge zur Schaffung einer so genannten Bad Bank abgelehnt. Zweck einer derartigen Bad Bank wäre, die notleidenden Kredite aus den Büchern der Kreditinstitute des Landes herauszubekommen. Allerdings befürchtet Italien, dass derartige Pläne die Verbindung zwischen Staats- und Bankschulden verstärken würden, heißt es weiter.

Mindestens drei Umschuldungsberater haben Gespräche mit Regierungsvertretern über eine Bad Bank geführt, die Italien ohne Rückgriff auf externe Hilfen finanzieren könnte, sagen die informierten Personen, die um Anonymität baten, da die Diskussionen vertraulich seien. Die Bad Bank könnte Vermögenswerte von 30 bis 100 Mrd. Euro halten und die Kreditinstitute würden für ihre Problemkredite Staatsanleihen erhalten, berichtet eine Person.

Musterschüler und Sitzenbleiber - so verschuldet sind die Euro-Länder

Platz 1

Das am höchsten verschuldete Land der Euro-Zone ist - wer hätte es gedacht - Griechenland. Bei satten 175 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) liegt die Schuldenquote des Mittelmeerlandes. Ein kleiner Lichtblick: Immerhin haben es die Griechen in den vergangenen Jahren geschafft, ihr extrem hohes Haushaltsdefizit zu drücken: Nahm die Regierung 2009 noch neue Kredite in Höhe von 15,6 Prozent des BIP auf, wird sich die Defizitquote im Jahr 2012 - nicht zuletzt dank europäischer Hilfe - auf 7,3 Prozent des BIP verringern.

Platz 2

Auf Platz zwei der am meisten verschuldeten Euro-Länder landet Italien. Mit 123 Prozent des BIP stehen die Italiener laut Eurostat in der Kreide. Die Märkte bestrafen das mit höheren Zinsen, die der Regierung von Premierminister Mario Monti das Leben schwer machen. Mit einem harten Sparkurs steuert Rom dem entgegen: Die Defizitquote sank von 5,4 Prozent im Jahr 2009 auf voraussichtlich 2,0 Prozent in diesem Jahr.

Platz 3

Irland hatte vor allem unter der Bankenkrise zu leiden. Weil das kleine Land seine Banken stützen musste, hat es einen Bruttoschuldenstand von 116,1 Prozent des BIP. Auch das Haushaltsdefizit des früheren keltischen Tigers war in der Folge beängstigend hoch und lag 2010 bei 31 Prozent des BIP. Inzwischen konnte die Regierung das Defizit auf 8,3 Prozent senken - was immer noch deutlich zu hoch ist.

Platz 4

Genau wie Griechenland und Irland musste sich auch Portugal unter den Rettungsschirm flüchten. Das Land ächzt unter einer Schuldenquote von 113,9 Prozent der BIP. Auf Druck der EU reduzierten die Portugiesen ihr Haushaltsdefizit in den vergangenen Jahren deutlich: Waren es 2009 noch 10,2 Prozent des BIP, wird die Defizitquote in diesem Jahr voraussichtlich auf 4,7 Prozent sinken.

Platz 5

Auch Belgiens Schuldenquote hat mit 113,9 Prozent vom BIP eine kritische Höhe erreicht. Bei Haushaltsdefizit hingegen sehen die Belgier inzwischen wieder ganz gut aus: Nach satten 10,2 Prozent im Jahr 2009 werden sie die in den Maastricht-Kriterien festgelegte Defizitquote von drei Prozent in diesem Jahr vorrausichtlich exakt einhalten.

Platz 6

Deutschlands Nachbarland Frankreich hat eine Verschuldungsquote von 90,5 Prozent des BIP. Ökonomen halten diese Schuldenlast für gerade noch tragbar, die Maastricht-Kriterien hingegen verletzen die Franzosen deutlich: Sie sehen eine Quote von höchstens 60 Prozent vor. Auch das französische Haushaltsdefizit ist mit 4,5 Prozent vom BIP im Jahr 2012 zu hoch.

Platz 7

Auch Deutschland, das sich gerne als Musterschüler der Euro-Zone sieht, drückt eine hohe Schuldenlast: 81,2 Prozent beträgt die Bruttoschuldenquote im Jahr 2012 - zu hoch für Maastricht. Beim Haushaltsdefizit hingegen sieht Europas größte Volkswirtschaft inzwischen richtig gut aus: Eurostat schätzt, dass Schäubles Defizitquote in diesem Jahr nur noch bei 0,9 Prozent des BIP liegt - der zweitbeste Wert aller Euro-Staaten.

Platz 8

Das letzte Land, das Schutz unter dem Euro-Rettungsschirm suchte, war Spanien. Dabei ist die Bruttoschuldenquote der Iberer gar nicht so hoch: mit 80,9 Prozent liegt sie unter der von Deutschland. Deutlich zu hoch ist allerdings das Haushaltsdefizit Spaniens: Kredite in Höhe von 6,4 Prozent muss die konservative Regierung in diesem Jahr aufnehmen - weniger als im letzten Jahr (8,5 Prozent) aber immer noch zu viel.

Platz 9

Bei Zypern wird immer gemunkelt, dass das Land als nächstes unter den Rettungsschirm schlüpfen könnte. Den Inselstaat drückt eine Schuldenquote von 76,5 Prozent des BIP. Immerhin: Das Haushaltsdefizit konnten die Zyprioten spürbar reduzieren: Es sankt von 6,3 Prozent des BIP im Vorjahr auf 3,4 Prozent in diesem Jahr. Die Maastricht-Grenze ist damit wieder in Reichweite.

Platz 10

Die Mittelmeerinsel Malta weist eine Bruttoverschuldungsquote von 74,8 Prozent des BIP auf. Im europäischen Vergleich reicht das für Platz zehn. Das Haushaltsdefizit von Malta bewegt sich innerhalb der Maastricht-Kriterien und wird in diesem Jahr voraussichtlich bei 2,6 Prozent liegen.

Platz 11

Deutschlands südlicher Nachbar Österreich weist eine Verschuldungsquote von 74,2 Prozent des BIP auf - Platz elf in Europa. Auch das Haushaltsdefizitdefizit der Alpenrepublik ist mit aktuell drei Prozent vom BIP vergleichsweise gering. Im Jahr 2011 hatte es mit 2,6 Prozent sogar noch niedriger gelegen.

Platz 12

Die Niederlande gelten ähnlich wie Deutschland als Verfechter einer strengen Haushaltspolitik. Das macht sich bemerkbar: Die Verschuldungsquote liegt bei nur 70,1 Prozent vom BIP. Weniger erfolgreich haben die Niederländer in den vergangen Jahren gewirtschaftet: Das Haushaltsdefizit lag 2009 bei 5,6 Prozent und hat sich danach nur leicht verringert. Im Jahr 2012 peilt die Regierung ein Defizit in Höhe von 4,4 Prozent des BIP an.

Platz 13

Slowenien ist das erste Land im Ranking, dessen Verschuldungsquote die Maastricht-Kriterien erfüllt: Sie liegt im Jahr 2012 bei 54,7 Prozent des BIP. Schlechter sieht es bei den Haushaltszahlen aus: Nach einen Defizit in Höhe von 6,4 Prozent des BIP im Jahr 2011 steuert die Regierung in diesem Jahr auf 4,3 Prozent zu. Die Gesamtverschuldung steigt also.

Platz 14

Ein Musterbeispiel für solide Haushaltsführung ist Finnland: Die Bruttoverschuldungsquote der Skandinavier liegt bei 50,5 Prozent und bewegt sich damit locker in dem Rahmen, den der Maastricht-Vertrag vorgibt. Auch die Haushaltszahlen können sich sehen lassen: In den vergangenen vier Jahren lag Finnlands Defizit nie über der Drei-Prozent-Marke. Im Jahr 2012 werden es nach Prognose von Eurostat gerade einmal 0,7 Prozent sein.

Platz 15

Auch die Slowakei weist eine niedrige Gesamtverschuldung auf: Die Bruttoverschuldungsquote liegt bei 49,7 Prozent des BIP. In den vergangen Jahren allerdings hatten die Slowaken zunehmend Probleme: Bei acht Prozent des BIP lag das Haushaltsdefizit im Jahr 2009, in diesem Jahr werden es laut Eurostat-Prognose 4,7 Prozent sein.

Platz 16

Geldsorgen sind in Luxemburg ein Fremdwort. Die Verschuldungsquote des Großherzogtums liegt bei niedrigen 20,3 Prozent. Der Regierung gelingt es in den meisten Jahren auch, mit den eingenommenen Steuermitteln auszukommen. In den vergangenen drei Jahren lag das Haushaltsdefizit stets unter einem Prozent des BIP. Die anvisierten 1,8 Prozent in diesem Jahr sind da schon ein Ausreißer nach oben.

Platz 17

Hätten Sie es gewusst? Der absolute Haushalts-Musterschüler der Euro-Zone ist Estland. Das baltische Land hat eine Gesamtverschuldung, die bei extrem niedrigen 10,4 Prozent des BIP liegt - ein echter Spitzenwert. 2010 und 2011 gelang es der Regierung sogar, einen kleinen Haushaltsüberschuss zu erwirtschaften. In diesem Jahr läuft es etwas schlechter: Voraussichtlich wird die Regierung Kredite in Höhe von 2,4 Prozent des BIP aufnehmen. Die Maastricht-Kriterien halten die Esten damit aber immer noch locker ein.

Italien habe um die Vorschläge nicht gebeten und es gebe derzeit keinerlei Pläne zur Schaffung einer Bad Bank, da die Verschlechterung bei den Krediten den Erwartungen der Regierung entspreche, sagen die unterrichteten Personen. Ein Vertreter des Finanzministeriums in Rom wollte keinen Kommentar abgeben.

Die Regierung könnte eine Bad Bank nutzen, um eine Trendwende in der Wirtschaft anzuschieben, da dadurch der Finanzierungsbedarf kleinerer Banken abnehmen würde, so dass diese mehr Kredite herausreichen könnten, sagen die informierten Personen. Jedoch könnte dies die Verbindung zwischen Staats- und Bankenschulden verstärken, was Reformen behindern könnte, einschließlich der Pläne für eine europäische Bankenunion.

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Die Kursverluste bei italienischen Anleihen seit Ausbruch der Euroraum-Schuldenkrise vor drei Jahren belasten die Gewinne der Banken des Landes, welche die größten Gläubiger italienischer Anleihen sind. Die Rendite zehnjähriger Italien- Bonds ist seit Beginn der Krise um fast 100 Basispunkte gestiegen, der Risikoaufschlag gegenüber deutschen Bundesanleihen liegt mittlerweile bei 357 Basispunkten.

Bei italienischen Banken machen notleidende Kredite auf Brutto-Basis 10,7 Prozent des Gesamtkreditvolumens aus, zeigen vom Internationalen Währungsfonds veröffentlichte Daten vom Oktober. Nur bei griechischen und irischen Banken ist der Anteil noch höher. Der italienische Bankenverband erklärte, der Anteil sei nur halb so hoch wie vom IWF angegeben, er schätzt die Rate auf 5,9 Prozent per Ende September.

Kommentare (2)

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gerhard

06.11.2012, 15:21 Uhr

Vertreter des italienischen Finanzministeriums haben unterrichteten Kreisen zufolge Vorschläge zur Schaffung einer so genannten Bad Bank abgelehnt. Zweck einer derartigen Bad Bank wäre, die notleidenden Kredite aus den Büchern der Kreditinstitute des Landes herauszubekommen (Zitat)
Aber wir haben diese "Bad Bank" doch schon längst- Es ist die EZB was sonst!

Account gelöscht!

06.11.2012, 19:51 Uhr

Eben! Eine Bad Bank würde der großen europäischen Einheitsvision von einer Europäischen Schulden- und Elendsunion im Wege stehen. Für italienische Verbindlichkeiten soll nach Möglichkeit nicht der reiche Italiener bürgen (ja, die Privaten haben dort mehr Geld als wir), sondern Nordeuropa. Denn Nationalstaaten sind ja sowas von Auslaufmodell!

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