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20.01.2010

15:36 Uhr

Obama-Literatur

Das erste Jahr des Präsidenten

VonGeorg Watzlawek, Markus Ziener

Zwölf Monate nach Barack Obamas Start als US-Präsident wird es Zeit für eine erste Bilanz. Pünktlich zum Jahrestag des Amtsantritts am 20. Januar erscheinen deshalb viele neue Publikationen. Die Bücher kämpfen mit der Aktualität und der Komplexität des Themas - und gegen die Internetkonkurrenz.

Barack und Michelle Obama: Die Erneuerung der globalen Führungsrolle ist und bleibt das Großprojekt des US-Präsidenten. Reuters

Barack und Michelle Obama: Die Erneuerung der globalen Führungsrolle ist und bleibt das Großprojekt des US-Präsidenten.

DÜSSELDORF. So gewaltig die Begeisterung vor einem Jahr, so groß die Ernüchterung heute. Barack Obamas Anhänger sehen ihre hochfliegenden Erwartungen zerstört, die Gegner des US-Präsidenten ihre schlimmsten Befürchtungen erfüllt. Weltweit macht sich die Erkenntnis breit, dass auch der erste Schwarze im Weißen Haus keine freie Hand für sein Projekt hat, Amerikas Führungsanspruch neu zu errichten.

Doch ganz so simpel ist die Lage nicht, wie die Autoren neuer Bücher pünktlich zum Jahrestag des Amtsantritts am 20. Januar nachweisen. Allerdings müssen sie dabei nicht nur mit der Komplexität des Themas kämpfen, sondern auch mit einer rasanten Entwicklung der Politik.

Die nun doch vereinbarte Gesundheitsreform, die Rückkehr des Terrors? Wichtige Einschnitte, die für eine Beurteilung des Friedensnobelpreisträgers eine große Rolle spielen, in den neuen Büchern aber nicht vorkommen (können). Hinzu kommt die Konkurrenz des Internets, das nicht nur ständig aktuell ist, sondern viel breiter und tiefer informieren kann.

Wie sehr das WorldWideWeb die klassische Sachbuchliteratur bedrängt, demonstriert der schmale Band "Change", herausgegeben von Boike Rehbein. Er dokumentiert "die bedeutendsten Reden" Obamas. Na ja. Wer zum Beispiel die tatsächlich bedeutende Rede über Krieg und Frieden in der modernen Zeit sucht, die Obama in Oslo hielt, wird nicht fündig, sondern muss sie im Internet nachlesen - wo sie längst auch in deutscher Übersetzung verfügbar ist. Das heißt aber nicht, dass Rehbeins Buch ohne Berechtigung ist.

Immerhin gibt es auf 150 Seiten einen konzentrierten Einblick in Obamas Verbalkünste, dank knapper Auszüge der meistens sehr langen Ergüsse, angefangen mit seiner Rede gegen den Irak-Krieg 2002 bis (fast) in die Gegenwart. Die Originaltexte wurden kompetent von Levin Arnsperger ins Deutsche übertragen - aber wer die Kraft der Obama'schen Worte wirklich spüren will, sollte sich doch an das Original wagen.

Kommentare (1)

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Dieter

20.01.2010, 18:29 Uhr

H.Obama ist auf einer Welle der Hoffnung und der Sympathie ins Amt gespült worden. Er hat nach der verheerenden Katastrophe vom 11. September 2001 den Verlust an Vertrauen in die alles schützende Macht des Staates teilweise wieder zurückgeholt und den Anspruch von H. bush "The worlds greatest military" in "The worlds greatest renovation" umgewandelt. Seine mitreißende Rhetorik seine Überzeugungskraft und die Hoffnung der ganzen Welt auf eine alles überragende Lichtgestalt haben ihm den Glanz des führenden Weltpolitikers verliehen. Doch selbst der glorreichste Wahlkampf geht irgendwann zu Ende und dann müssen den Reden Taten folgen. Die Politik schwimmt immer wie ein Fettauge auf der Suppe des wirtschaftlichen Erfolges. bleiben Erfolge aus, wird sie verwässert. bankenkrise, Arbeitslosenzahlen und wirtschaftliche Rückschläge, insbesondere der Automobil-industrie, haben ihre Spuren hinterlassen. Aber da geht es ja schon wieder aufwärts. Auch die Amerikaner verlangen von ihrem Präsidenten keine 1:1 Umsetzung der Wahlversprechen. Trotz allem ist der gewaltige Katalog der Aufgaben in einem Jahr nicht zu schaffen. in der als Mammutprojekt geplanten Gesundheitsreform sehen die Republikaner eine Gleichschaltung aller, also sozialistisches Machwerk, das verhindert werden muss. Durch die Wahlschlappe in Massachusetts und dem Mehrheitsverlust im Senat könnte die Reform gekippt werden, was einem Dolchstoß gegen den Präsidenten gleichkäme. Auf den Kriegsschauplätzen hat sich die Lage eher verschlimmert, denn verbessert. Zudem hat H. Obama die interessen zahlloser Lobbyisten und Verbänden zu berücksichtigen, die in vielen Fällen mit seinen politischen Zielen nicht vereinbar sind. Dass er als schwarzer Präsident besonders im Focus des öffentlichen interesses steht, verlangt Fingerspitzengefühl in der angestrebten und versprochenen Gleichstellung der schwarzen bevölkerung gegenüber der weißen. immerhin hat er den Zusammenbruch des gesamten Finanzsystems verhindert. Folterverbot in Guantanamo, die Rede an die moslemische Welt und das Handeln der USA in Haiti stärken das image. Er ist Realpolitiker, allerdings spaltet seine pragmatische Politik die Nation. Er muss überall Kompromisse eingehen, als da sind Klima, Guantanamo und irak. bei diesen Themen sind klare Entscheidungen von Nöten. Auch hier zeigt sich wieder, dass Heilsbringer ins Reich der illusionen gehören. Die Amerikaner sollten sich noch etwas in Geduld üben, denn die Altlasten von H. bush wiegen schwer.

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