Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

19.06.2013

23:51 Uhr

Obama-Rede in Berlin

Freiheit mit Gerechtigkeit

Gespannt haben viele Deutsche am Brandenburger Tor auf den US-Präsidenten Barack Obama gewartet. Weil die Teleprompter ausfielen, las er seine Rede vom Blatt. Hier die übersetzte Fassung im Wortlaut.

US-Präsident Barack Obama mit Bundeskanzlerin Angela Merkel kurz vor seiner Rede am Brandenburger Tor. AFP

US-Präsident Barack Obama mit Bundeskanzlerin Angela Merkel kurz vor seiner Rede am Brandenburger Tor.

BerlinHallo Berlin! Vielen Dank, Bundeskanzlerin Merkel, für Ihre Führungsstärke, Ihre Freundschaft und Ihr beispielhaftes Leben – vom Kind aus dem Osten zur führenden Politikerin eines freien und geeinten Deutschlands.

Wie ich schon sagte, Angela und ich sehen nicht unbedingt wie frühere deutsche und amerikanische Regierungschefs bzw. Präsidenten aus. Aber die Tatsache, dass wir heute hier entlang der Verwerfungslinie stehen können, die die Stadt einst teilte, spricht für eine immerwährende Wahrheit: Keine Mauer kann dem Drang nach Gerechtigkeit, dem Drang nach Freiheit, dem Drang nach Frieden, der in den Herzen der Menschen brennt, widerstehen.

Bürgermeister Wowereit, sehr verehrte Gäste und vor allem liebe Berlinerinnen und Berliner und Bürger Deutschlands – vielen Dank für diese außergewöhnlich warmherzige Begrüßung. In der Tat ist es so warm, und ich fühle mich so wohl, dass ich mein Jackett ausziehen werde und jeder, der dies auch tun möchte, ist herzlich dazu eingeladen. Unter Freunden darf man ruhig etwas zwangloser sein.

Wie Ihre Bundeskanzlerin bereits erwähnte, hatte ich vor fünf Jahren die Ehre, als Senator eine Rede in dieser Stadt zu halten. Heute bin ich stolz darauf, als Präsident der Vereinigten Staaten hierher zurückzukehren. Ich bringe die dauerhafte Freundschaft der amerikanischen Bevölkerung sowie meine Frau Michelle, und Malia und Sasha mit. Sie haben vielleicht bemerkt, dass sie nicht hier sind. Das Letzte, was sie gerne tun würden, ist, sich eine weitere Rede von mir anzuhören. Deshalb sind sie unterwegs und genießen die Schönheit und Geschichte dieser Stadt. Diese Geschichte spricht heute zu uns.

Über Jahrtausende hinweg haben sich die Menschen in diesem Land auf den Weg gemacht und sich von einer Stammesgesellschaft über Fürstentümer zum Nationalstaat entwickelt und die Reformation und Aufklärung durchlebt. Deutschland ist bekannt als das „Land der Dichter und Denker“. Dazu gehört auch Immanuel Kant, der uns lehrte, dass Freiheit „dieses einzige, ursprüngliche, jedem Menschen kraft seiner Menschheit zustehende Recht“ ist.

Dieses Tor steht seit zwei Jahrhunderten aufrecht, während die Welt um es herum erschüttert wurde: durch den Aufstieg und Fall von Imperien, durch Revolutionen und Republiken und durch Kunst, Musik und Wissenschaft, die das höchste menschliche Streben widerspiegeln, aber auch durch Krieg und Gemetzel, die die Abgründe der Grausamkeiten der Menschen offenlegen.

Hier haben die Berliner trotz größter Widerstände eine Insel der Demokratie geschaffen. Wie bereits angesprochen, wurden sie durch eine Luftbrücke der Hoffnung unterstützt, und wir haben heute die Ehre, den 92-jährigen Colonel Halvorsen – den Original-Rosinenbomber – bei uns zu haben. Wir könnten nicht stolzer auf ihn sein. Ich hoffe übrigens, dass ich mit 92 Jahren auch noch so gut aussehe.

Während dieser Zeit hat der Marschallplan die Saat für ein Wunder bereitet und das Nordatlantik-Bündnis hat unsere Bürger geschützt. Diejenigen in der Nachbarschaft und den Ländern im Osten zogen Stärke aus dem Wissen, dass Freiheit hier in Berlin möglich war – dass die Phasen des Niederschlagens von Widerstand und der Unterdrückung eines Tages überwunden werden könnten.

Kommentare (6)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Oliver42

20.06.2013, 00:30 Uhr

Die Rede war eine der besten Reden, die ein US-amerikanischer Präsident je in Berlin gehalten hat. Einfach perfekt....

Sapere_aude

20.06.2013, 00:36 Uhr

Schön ist das Kant-Zitat. Aber wenn man sich an Kant hält, steht hinter mindestens der Hälfte der Rede ein großes Fragezeichen - das soll dem Kant-Zitat entsprechen?
Für diese Haltung und politische Bilanz hat Obama zum Vorschuss noch vor Amtsantrritt den Friedens-Nobelpreis erhalten?

Es ist nett und klingt immer gut, vom Mauerfall zu sprechen - aber die neuen Mauern werden längst aufgezogen, und es wäre schon interessant gewesen zu sehen, welche Stellung Obama dazu bezieht. Die Fragen der Freiheit sind virulenter denn je - und Obama spricht von 1989?

Nett, die Vergangenheit vorgerpredigt zu bekommen - aber die ist bald 25 Jahre her.

Wie steht es um die Zukunft: abgesehen davon, dass die "globale Mittelschicht" keine gute CO2-Bilanz produziert?

Offenbar scheint die Beschäftigung mit allen diesen wirklichen Fragen der Freiheit nicht zur Strategie des Freihandelsabkommens mit der EU zu passen, das erstens dank europäischer Schildbürgerei und Klein-Klein-Verteilungskämpfe in der EU Jahre in der Entstehung brauchen wird und zweitens doch bitte dringend auf den Verdacht geprüft gehört, ob sie nichts weiter als versteckter Protektionismus gegen China ist.

Denn wenn das Freihandelsabkommen nur der Bildung eines Blockes gegen China und die BRIC-Staaten ist, um ihnen die Teilnahme am Welthandel zu erschweren - was hat das mit Freiheit zu tun?

Und die Lüge, es als Freiheit zu verkaufen: mit Kant?

Wie kann und wie wird in China und Indien und anderen Schwellenländern zum Teil ohne jede Tradition der Freiheit, Freiheit entstehen können, wenn man diese Länder vom Handel de facto ausschließt?

Freiheit also für die Satuierten in der Wolstands-Defensive: Weder in den USA noch der Euro-EU lässt sich irgendein Anzeichen selbstragenden Wachstums erkennen.
Warum? Weil eben die Freiheit fehlt. Aber das handelsblatt weiss schon die Antwort:
Freiheit mit Gerechtigkeit.
Klar, was das bedeutet.

Phil

20.06.2013, 09:16 Uhr

Oliver42
anscheinend habe ich eine andere Rede gehört. Relevante Themen wurden nicht angesprochen.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×