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20.10.2011

14:10 Uhr

Oberst Gaddafi

Dauer-Machthaber mit Größenwahn

Er putschte sich an die Macht und wollte Libyen in ein goldenes Zeitalter der Volksherrschaft führen - sein Größenwahn wurde ihm zum Verhängnis. Gaddafi war über Jahrzehnte die schrillste Figur der arabischen Despoten.

Libyens Diktator Muammar el Gaddafi ist tot. Reuters

Libyens Diktator Muammar el Gaddafi ist tot.

Tripolis/IstanbulMuammar al-Gaddafi (69) hat zwar die Monarchie in Libyen abgeschafft. Doch zum Ende seiner Herrschaftszeit hat er sich selbst den Titel „König der Könige von Afrika“ gegeben. Er hielt sich für unfehlbar und konnte Niederlagen nicht eingestehen. Sein Größenwahn vernebelte ihm schließlich so sehr den Blick, dass er nicht verstehen konnte, weshalb die Mehrheit des libyschen Volkes im Frühjahr 2011 seinen Sturz forderte. Da Kritik am „Bruder Führer“ von Gaddafi stets mit Haft und Folter geahndet worden war, wussten die libyschen Revolutionäre von Anfang an, dass sie viel riskierten.

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Laut Informationsministerium starb auch ein Sohn des früheren Machthabers.

Auch nach Beginn des Aufstandes im Osten Libyens Mitte Februar gab Gaddafi noch markige Parolen aus: „Wir können jeden Angriff abwehren und das Volk bewaffnen, wenn nötig“, sagte er. Die Revolutionäre beschimpfte er als „Ratten“, die er bis zur letzten Patrone bekämpfen werde. Gaddafi hätte nach seiner der Machtergreifung 1969 am liebsten gleich die gesamte arabische Welt mit seiner hausgemachten Volksbefreiungsideologie beglückt. Doch die Araber zeigten ihm die kalte Schulter. Enttäuscht wandte er sich den Afrikanern zu, die ihn dank großzügiger Spenden gerne in ihrer Mitte aufnahmen. Gaddafi wurde mit den Jahren immer neurotischer und aufbrausender.

Die 40-jährige Herrschaft Gaddafis in Libyen

1969

Als 27-Jähriger führt Muammar al Gaddafi einen weitgehend friedlichen Putsch an, mit dem die erst seit 1951 bestehende Monarchie gestürzt wird, und etabliert sich bald als unangefochtener Herrscher im Land.

1970

Gaddafi leitet sozialistische Reformen ein, viele Unternehmen werden verstaatlicht.

1979

Gaddafi tritt vom Amt des Generalsekretärs des Allgemeinen Volkskongresses zurück, als „Revolutionsführer“ bleibt er de facto Staatsoberhaupt.

80er Jahre

Gaddafi unterstützt zunehmend Gruppen, die im Westen als terroristisch eingestuft werden, einschließlich der nordirischen IRA sowie radikaler Palästinenserorganisationen. Nach einem Anschlag auf die bei Amerikanern beliebte Diskothek „La Belle“ in Berlin, hinter der das libysche Regime vermutet wird, greifen US-Flugzeuge 1986 Ziele in Libyen an und töten dabei nach Angaben des Regimes die neugeborene Adoptivtochter Gaddafis.

1988

Bei einem Anschlag auf ein Flugzeug über der schottischen Kleinstadt Lockerbie werden 270 Menschen getötet, die meisten von ihnen Amerikaner. Der Verdacht fällt schnell auf Mitarbeiter des libyschen Geheimdienstes. Das Land gerät international zunehmend in die Isolation.

1992

Der UN-Sicherheitsrat verhängt Sanktionen gegen Libyen, weil das Land sich weigert, zwei wegen des Attentats verdächtigte Männer auszuliefern.

1999

Erste Zeichen einer Annäherung an den Westen: Gaddafi schwört dem Terrorismus ab und liefert die beiden Männer aus, die für den Lockerbie-Anschlag verantwortlich gemacht werden.

2001

Einer der beiden wegen des Lockerbie-Anschlags Angeklagten wird in Schottland zu lebenslanger Haft verurteilt, der andere kommt wieder frei.

2003

Libyen übernimmt offiziell die Verantwortung für den Lockerbie-Anschlag. Gaddafi verspricht großzügige Entschädigung für die Angehörigen der Opfer. Zudem erklärt er sich zum Verzicht auf Massenvernichtungswaffen bereit. Der UN-Sicherheitsrat hebt die Sanktionen auf. Gründung der Afrikanischen Union, als deren Initiator Gaddafi gilt.

2004

Mehrere westliche Regierungschefs besuchen Libyen - unter anderen Bundeskanzler Gerhard Schröder. Gaddafi besucht die EU-Kommission in Brüssel.

2008

Fünf bulgarische Krankenschwestern und ein Arzt palästinensischer Abstammung werden nach achtjähriger Haft in Libyen freigelassen. Sie waren beschuldigt worden, Kinder vorsätzlich mit dem HI-Virus infiziert zu haben. Sie gestanden die Tat unter Folter und wurden zum Tode verurteilt.

2009

Nachdem zunehmend Migranten aus ganz Afrika von Libyen aus mit Booten nach Europa übersetzen, tritt ein erstes Abkommen mit Italien über gemeinsame Meerespatrouillen in Kraft. Der 40. Jahrestag des Putsches wird in Libyen groß gefeiert. Der verurteilte Lockerbie-Attentäter wird wegen einer schweren Erkrankung in Schottland aus der Haft entlassen und in der Heimat als Held empfangen.

2010

Nach fast zwei Jahren Haft in Libyen kommen zwei Schweizer frei. Die beiden Männer waren wegen angeblicher Verstöße gegen Visa-Vorschriften und illegaler Einreise verurteilt worden, nachdem die Schweizer Polizei im Jahr 2008 einen Sohn von Gaddafi festgenommen hatte. Libyen zog außerdem Investitionen aus der Schweiz ab.

Februar 2011

Wie in anderen Ländern der arabischen Welt gehen in Libyen Demonstranten mit Forderungen nach politischen Reformen auf die Straße. Regimetreue Kräfte gehen gewaltsam gegen die Proteste vor und schießen auf friedliche Demonstranten. Wenige Tage später warnt ein Sohn Gaddafis, Saif al Islam, angesichts der Proteste gegen seinen Vater vor einem Bürgerkrieg.

17. März

Der UN-Sicherheitsrat verabschiedet eine Resolution zur Einrichtung einer Flugverbotszone über Libyen. Für den Entwurf stimmen zehn Mitglieder des Gremiums, fünf enthielten sich, darunter Deutschland, Russland und China. Die Resolution ermächtigt die Mitgliedsstaaten, „alle notwendigen Maßnahmen zu treffen“, um die Zivilbevölkerung in dem nordafrikanischen Land vor den Truppen von Machthaber Mummar al Gaddafi zu schützen. Eine Bodenoffensive wird jedoch ausgeschlossen.

18. März

Nur wenige Stunden nach der Verhängung einer Flugverbotszone über Libyen durch den Sicherheitsrat ruft die libysche Regierung nach Aussage von Außenminister Mussa Kussa eine Waffenruhe aus und erklärt die Kampfhandlungen für beendet.

19. März

Beginn der Luftangriffe auf libysche Truppen. Französische Kampfjets fliegen bei Bengasi Einsätze, um ein weiteres Vorrücken der Regierungskräfte auf die Rebellenhochburg zu verhindern.

7. Juni

Der libysche Machthaber kündigt an, „bis zum Tod“ kämpfen zu wollen. In einer im nationalen Fernsehen ausgestrahlten Rede teilt er mit, er werde nicht kapitulieren.

27. Juni

Der Internationale Strafgerichtshof (IStGH) in Den Haag erlässt Haftbefehl gegen Gaddafi, seinen Sohn Saif al Islam und den libyschen Geheimdienstchef Abdullah al Sanussi. Ihnen werden Verbrechen gegen die Menschlichkeit vorgeworfen.

1. Juli

Gaddafi droht mit Anschlägen in Europa, sollte die NATO ihre Luftangriffe gegen sein Regime fortsetzen. Wenn die Angriffe nicht eingestellt würden, „können wir beschließen, euch ähnlich zu behandeln“, erklärt der Diktator in einer vor tausenden Anhängern in Tripolis veröffentlichten Audiobotschaft. „Wenn wir es beschließen, können wir ihn (den Kampf) auch nach Europa bringen.“

22. August

Nach sechsmonatigem Krieg bringen die Rebellen weite Teile der Hauptstadt Tripolis unter ihre Kontrolle. Noch am Vortag hatte Gaddafi die Bewohner von Tripolis zur Verteidigung der Hauptstadt aufgerufen. „Jetzt ist es an der Zeit, für eure Politik, euer Öl, euer Land zu kämpfen“, rief er in einer vom staatlichen Fernsehen gesendeten Audiobotschaft.

10. September

Nach Ablauf eines Ultimatums beginnt der Sturm auf die Gaddafi-Hochburgen Sirte und Bani Walid.

21. September

Die NATO-Staaten verlängert das Mandat für den Libyen-Einsatz bis zum Jahresende.

17. Oktober

Libysche Revolutionsstreitkräfte erobern den Großteil von Bani Walid.

20. Oktober

Nach zunächst unbestätigten Berichten wurde Gaddafi getötet, seine Heimatstadt Sirte wurde erobert.

Er misstraute fast jedem. Er achtete darauf, dass niemand außer ihm selbst in Libyen Berühmtheit erlangte und verließ sich zuletzt bevorzugt auf die eigene Familie. Gaddafi führte sein Land erst von der Monarchie in eine Art Volksrepublik. Dann sorgte er dafür, dass Libyen international als einer der Hauptsponsoren des Terrorismus gebrandmarkt und mit Sanktionen belegt wurde. Im Jahr 2003 verkündete er dann plötzlich, Terror und Aufrüstung seien sinnlos. Deshalb werde er nun die Unterstützung von Extremistengruppen beenden und alle Programme zur Entwicklung von Massenvernichtungswaffen einstellen. Belohnt wurde Gaddafi für diese Kehrtwende mit verbesserten Beziehungen zu mehreren westlichen Staaten. Besonders eng wurde der Kontakt zu Italien - wohl auch, weil sich Gaddafi und der italienische Ministerpräsident Silvio Berlusconi auf der
menschlichen Ebene bis zuletzt gut verstanden hatten.

Wenn seine Herrschaftsform kritisiert wurde, behauptete Gaddafi stets, in Libyen regiere das Volk. Das von ihm geschaffene System war jedoch so korrupt und ineffektiv, dass der Lebensstandard in Libyen trotz der großen Öl-Reserven nicht besonders hoch war. Obwohl Gaddafi kein öffentliches Amt bekleidet, ging ohne seinen Segen in Libyen in den vergangenen vier Jahrzehnten fast nichts. Viele Weggefährten aus den Revolutionsjahren stieß er später vor den Kopf.

Freude über Gaddafis Tod

Video: Freude über Gaddafis Tod

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Gaddafi, der 1942 als Sohn eines nomadisierenden Bauern in der Nähe der Stadt Sirte geboren wurde, liebte den Kult um seine Person. Er ließ seine Fotos überall aufhängen. Wenn er in New York oder Brüssel weilte, schlief er in einem luxuriösen Zelt. Er trug bunte Gewänder mit klimpernden Orden, ließ sich von weiblichen Leibwächtern schützen und machte sich einen Spaß daraus, Staatsgäste vor laufenden Fernsehkameras zu brüskieren. Nach dem Einmarsch der Rebellen in Tripolis verschwand er zunächst mit unbekanntem Ziel. Seinen Traum von der Rückkehr an die Macht gab er jedoch nicht auf. Zuletzt meldete er sich aber nur noch telefonisch bei einem obskuren arabischen Fernsehsender.

Von

dpa

Kommentare (7)

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nordwind

20.10.2011, 15:20 Uhr

libyen , du land der stämme , dieser us gesteuerte brudermord wird dir kein glück bringen

Ernesto

20.10.2011, 15:42 Uhr

wenn assad fällt, brennt der nahe osten.

Account gelöscht!

20.10.2011, 16:46 Uhr

Libyen ist von allen Staaten des "arabischen Frühlings" derjenige mit dem größten Potential, nicht nur finanziell. Und ich denke die Vorbereitung auf die Nach-Despotenzeit ist die beste vo allen gewesen.

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