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03.11.2011

14:28 Uhr

Ochi!

Warum die Griechen so gerne „Nein“ sagen

VonAndreas Niesmann

Nüchtern betrachtet gibt es kaum einen Grund, warum die Griechen die Rettung ihres Staats vor der Insolvenz ablehnen sollten. Trotzdem ist ein Nein der Griechen nicht unwahrscheinlich. Das hat auch historische Gründe.

Papandreou kämpft

Video: Papandreou kämpft

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DüsseldorfMit den Finanzmärkten werden sie locker fertig, die eigenen Parlamente, geschenkt, aber es gibt eine Sache, die Angela Merkel und Nicolas Sarkozy mehr fürchten als alles andere: die Starrköpfigkeit der unbeugsamen Griechen. Genau deshalb haben die selbsternannten Euro-Retter vor dem G-20-Gipfel die Daumenschrauben angezogen und das von der griechischen Regierung angekündigte Referendum zur Abstimmung über den Verbleib des Landes in der Euro-Zone erklärt.

Volksabstimmung in Griechenland

Wieso soll es zu einer Abstimmung kommen?

Die Lage in Griechenland ist brisant: Das Land kann seine Schulden nicht begleichen und steht vor der Pleite. Internationale Investoren sind nicht bereit, weiteres Geld zu verleihen. Deswegen ist Griechenland auf Hilfszahlungen angewiesen. Doch die sind an strenge Auflagen geknüpft. Von der Bevölkerung werden sie deswegen zunehmend als demütigend empfunden. Streiks und Proteste gehören zur Tagesordnung. Regierungschef Papandreou holt mit dem Referendum zum Befreiungsschlag aus.

Was verspricht sich Papandreou davon?

Papandreou hat die bisherigen Reformen nur mit knapper Mehrheit durchgebracht. Seine Popularität im Volk hat unter den zahlreichen Sparmaßnahmen stark gelitten. Der Regierungschef gilt in Teilen der Bevölkerung als Marionette, die Auflagen aus dem Ausland durchsetzt. Das Referendum soll dem Premier und seinem Regierungsbündnis vor allem Klarheit über den Rückhalt in der Bevölkerung verschaffen. Papandreou, dessen Regierungszeit offiziell noch bis 2013 dauert, will sein politisches Schicksal deshalb mit der Zustimmung des Volks verknüpfen und im Parlament die Vertrauensfrage stellen.

Über was genau soll abgestimmt werden?

Papandreou machte zunächst keine näheren Angaben. Klar ist: Die Bürger sollen mit „Ja“ oder „Nein“ für das zweite Rettungspaket stimmen. Das Ergebnis sei für die Regierung bindend, kündigte Papandreou an. Angesichts der dünnen Informationslage hielten sich Griechenlands Euro-Partner zunächst bedeckt. Unklar ist auch, ob das Vorhaben rechtlich überhaupt durchzuführen ist. Griechische Oppositionspolitiker meldeten bereits Zweifel an.

Welche Folgen hätte eine Ablehnung für Griechenland?

Vermutlich verheerende. Eine Ablehnung der Beschlüsse könnte das Ende der Hilfszahlungen von Internationalem Währungsfonds und Euro-Ländern bedeuten. „Ein Kollaps des griechischen Finanzsystems wäre kaum zu vermeiden“, erklärten die Volkswirte der Commerzbank am Dienstag. „Die Regierung müsste wohl ihre Banken verstaatlichen, die Abhebung von Spareinlagen beschränken und die Ausfuhr von Euro untersagen.“ Wahrscheinlich würde auch die Drachme wieder eingeführt und sofort um die Hälfte abgewertet. Die Experten sagten: „Dreht die Staatengemeinschaft Griechenland den Geldhahn ab, dann wäre das Land spätestens im März zahlungsunfähig.“

Welche Konsequenzen ergäben sich für den Euroraum?

Die konkreten Folgen sind schwer vorherzusagen. Sicher ist: Viele europäische Banken wären stark von einer Pleite Griechenlands betroffen. Vor allem französische Banken halten einen großen Anteil griechischer Staatsanleihen. Schlimmer noch: Der Staatsbankrott würde vermutlich das Vertrauen in den kompletten Euroraum zerstören. Bereits jetzt ist das Zutrauen in Länder wie Italien und Spanien angekratzt. Darüber hinaus würde eine derartige Zuspitzung der Krise die angeschlagene Euro-Konjunktur wohl in eine Rezession stürzen.

Könnte Griechenland im Euroraum bleiben?

Rein rechtlich ja. Griechenland kann nicht aus dem Euroraum geworfen werden. Das verbieten die europäischen Verträge. Griechenland und die Eurozone könnten sich aber auf ein Ausscheiden einigen. Ob das aber im ökonomischen Interesse aller Beteiligten wäre, ist zweifelhaft. Denn nach einem Austritt müsste Athen wieder seine alte Währung, die Drachme, einführen. Diese würde aller Voraussicht nach drastisch abwerten. Da Griechenland einen großen Teil seiner Staatsschulden in Euro aufgenommen hat, würde deren Wert auf einen Schlag stark steigen. Von der Abwertung der Drachme dürfte indes der Außenhandel Griechenlands profitieren. Fraglich ist aber, ob das die Wirtschaft nennenswert stützen könnte.

Aber was macht das griechische Volk so unberechenbar? Warum sollten die Griechen ein 100-Milliarden-Euro-Geschenk – und nichts anderes ist der Schuldenschnitt – ablehnen? Die Sparprogramme verlangen dem Volk viel ab, klar, aber wäre die Alternative besser? Können die Griechen wirklich wollen, dass ihr Land dauerhaft von der wirtschaftlichen Bildfläche verschwindet?

Die Antwort: Sie können. Eben weil es so schön irrational ist, könnte es so machen Hellenen reizen, seinem Frust über die radikale Sparkur Luft zu machen und bei einem Referendum mit Nein zu stimmen. „Wir lassen uns von Euch nicht vorschreiben, wie wir zu leben haben“, wäre die Botschaft, die die Griechen damit an Europa senden würden. „Wenn wir schon untergehen, dann bestimmen wir wenigstens selbst, wann und wie.“

Kommentare (8)

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Account gelöscht!

03.11.2011, 14:58 Uhr

Ich freu mich auf das "NEIN" der Griechen. Dann kommt die Eurozone wenigstens schön auf's Glatteis... dann wird die Diktatur der EU-Kommission in der neuen EUSSR zuverlässig verhindert, indem die Eurozone kollabiert. Das sollte einem die Freiheit schon wert sein! Nieder mit diesen größenwahnsinnigen, überheblichen "politischen Projekten" einer Kleinstelite, die gnadenlose auf Kosten der europäischen Nationen unbändig Macht anhäuft, und nur ihre Nomenklatura füttern will und den persönlichen Machtehrgeiz befriedigen. Damit ist Europa auf dem Holzweg!
Den Griechen bei einem "NEIN" überall zu Dank verpflichtet, sollte deren Freiheitswillen ein leuchtendes Vorbild sein!

Account gelöscht!

03.11.2011, 15:08 Uhr

Ich als Grieche, der u. a. in Deutschland studierte, damit ich genug "rational" sein, um Demokratie von Reichtum vorzuziehen, gebe ich Ihnen Recht.

Ich finde gar keinen Grund, ein Sklave der Banken zu sein. Ich bevorzüge arm zu sein und dabei eine Demokratie zu haben. Mein familiäres Einkommen ist ohnehin auf 85% seit dem letzten Jahr versunken (und ich war Mittelklasse). Ich habe nichts mehr zu fürchten. Ich will nur die korrupte Elite meines Landes ins Gericht.

Ich hoffe, dass das Referendum echt stattfindet und wir Griechen NEIN sagen, mit der Hoffnung, dass es der Anfang einer Demokratischer Zeit in der EU sein würde. Wir lieben Europa, wenn Europa "Europa" ist. Demokratie, Humanismus...

Predominant_Core_Capital

03.11.2011, 15:09 Uhr

An die HB-Redaktion:

Wer hat diesen Artikel zu verantworten? Wie kann man das "Nein" gegen das fschistische Mussolini-Regime in einem atemzug mit der jetzigen Staatsschuldenkrise nennen? Sind sie vom HB der Auffassung, das damlige "Nein" gegen Mussolini sei etwa unberechtigt gewesen. Ich denke, mit diesem Artikel wurde eine Grenze überschritten. Es käme auch keiner auf die Idee, das heutige teilweise unverständliche Verhalten Israels in der Siedlungspolitik mit irgend welchen historischen Vergleichen ins Lächerliche zu ziehen. Dieser Artikel ist beschämend und geschmacklos.

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