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22.09.2015

11:42 Uhr

OECD-Bericht zu Flüchtlingen in Deutschland

Schlimm, aber nicht aussichtlos

VonThomas Hanke

Es gibt nichts zu beschönigen: Sollten 800.000 Asylbewerber nach Deutschland kommen, ist das Rekord für ein OECD-Land. Doch Überforderung droht damit nicht. Probleme gibt es an ganz anderer Stelle.

Tausende Flüchtlinge sind noch immer auf dem Weg über die Balkoanroute in die EU. dpa

Auf dem Weg in die EU

Tausende Flüchtlinge sind noch immer auf dem Weg über die Balkoanroute in die EU.

ParisDie weltweite Flüchtlingskrise wird nach Ansicht der wichtigsten Organisation der hoch entwickelten Länder noch länger anhalten. Der Bürgerkrieg in Syrien und der Zerfall Libyens sind im Urteil der OECD eine „einzigartige Herausforderung für die internationale Gemeinschaft“. Genau wie im Falle der Instabilität in Irak und Afghanistan sei nicht absehbar, dass sich an diesen Ursachen des Zustroms an Flüchtlingen in absehbarer Zeit etwas ändere. Auch aus Eritrea würden weiterhin viele Menschen fliehen. Doch seien in der Vergangenheit Zuwanderungen bewältigt worden, die „eine vergleichbare Größenordnung hatten“.

In ihrem neuen „International Migration Outlook“ und der begleitenden Studie „Is this humanitarian migration crisis different?“ beschönigt die OECD nichts. In einer Hinsicht sei die gegenwärtige Krise mit keiner früheren vergleichbar: Wenn tatsächlich im Laufe dieses Jahres gut 800.000 Asylbewerber nach Deutschland kämen, wäre das die höchste jährliche Zuwanderung, die je ein OECD-Land zu verkraften hatte. Die Organisation kommt aber dennoch zu optimistischen Schlüssen: „Selbst wenn europäische Länder in der Vergangenheit zunächst überrascht wurden, haben sie die Lage erfolgreich bewältigt und die verbleibenden Migranten weitgehend integriert.“ Die Länder hätten sogar „in vielen Ländern wirtschaftlich von diesem Zustrom profitiert, zumindest längerfristig“.

Rekordzahlen zur Flüchtlingskrise

500.000

Mehr als 500.000 Menschen haben nach Angaben der EU-Grenzschutzagentur Frontex zwischen Januar und August dieses Jahres bereits die Europäische Union erreicht. Zum Vergleich: Im gesamten vergangenen Jahr waren es 280.000 Menschen.


Von den in der EU angekommenen Flüchtlingen haben dem UN-Hochkommissariat für Flüchtlinge (UNHCR) zufolge mehr als 411.000 das Mittelmeer überquert. Die Internationale Organisation für Migration (IOM) nannte sogar die Zahl von mehr als 600.000 Bootsflüchtlingen. Mehr als 3100 kamen demnach bei der gefährlichen Überfahrt ums Leben.

466.000

So viele Flüchtlinge kamen der IOM zufolge in diesem Jahr bereits in Griechenland an.

137.000

Rund 137.000 Menschen landeten nach einer Überfahrt über das Mittelmeer in Italien.

200.000

Die ungarischen Behörden gaben die Zahl der seit Jahresbeginn in Ungarn angekommenen Flüchtlinge zuletzt mit 200.000 an. Die Schutzsuchenden kamen vor allem über die sogenannte Balkanroute ins Land.

160.000

EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker hat vorgeschlagen, 160.000 Asylsuchende aus den Haupt-Ankunftsländern Griechenland, Ungarn und Italien auf die 28 EU-Mitgliedstaaten umzuverteilen. Juncker fordert eine verbindliche Quotenregelung für die künftige Flüchtlingsverteilung.

63.000

Rund 63.000 Flüchtlinge trafen seit Ende August am Münchner Hauptbahnhof ein - davon jeweils 20.000 an den beiden vergangenen Wochenenden.

1.000.000

Eine Million Flüchtlinge könnte Deutschland nach Aussage von Vizekanzler Sigmar Gabriel (SPD) in diesem Jahr aufnehmen. Das Bundesinnenministerium geht offiziell weiterhin von 800.000 Asylbewerbern aus.

12.000.000

Offiziellen Schätzungen zufolge sind zwölf Millionen Syrer auf der Flucht vor dem Bürgerkrieg in ihrer Heimat. Davon gelten acht Millionen als im eigenen Land vertrieben, weitere vier Millionen flüchteten ins Ausland. Mehr als 250.000 Menschen wurden seit Ausbruch des Konflikts 2011 getötet.

Dem UNHCR zufolge sind die Hälfte der über das Mittelmeer kommenden Flüchtlinge Syrer. Die zweitgrößte Gruppe sind demnach Afghanen mit 13 Prozent, gefolgt von Eritreern mit acht Prozent. In Griechenland sind 70 Prozent der ankommenden Flüchtlinge Syrer und 19 Prozent Afghanen.

Was die OECD insgesamt angehe, habe sie bereits vor vergleichbaren Herausforderungen gestanden, etwa nach der Öffnung des Eisernen Vorhangs und während der Balkankriege. In Spanien habe sich die im Ausland geborene Bevölkerung innerhalb von nur zehn Jahren verdreifacht, in den USA, aber auch in Deutschland, das „schon bevor die Flüchtlingskrise zuschlug das zweitwichtigste Einwanderungsland der OECD nach den Vereinigten Staaten war.“ Die OECD weist darauf hin, dass sich in einigen Ländern die verschärfte Lage kaum oder überhaupt nicht wiederspiegelt: „In anderen Ländern wie Frankreich, dem Vereinigten Königreich oder der Schweiz hat die Zahl der Asylbewerber bislang nicht signifikant zugenommen.“

Prozentual hat der auf Frankreich und Großbritannien entfallende Anteil an den in die OECD drängenden Migranten sogar abgenommen: Er sank im Falle Frankreichs von 12 Prozent in 2013 auf sechs Prozent in 2015, im Falle Großbritanniens von sechs auf drei Prozent. In Deutschland stieg er gleichzeitig von 17 auf 31 Prozent.

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Auch wenn die bisherigen Erfahrungen etwa aus den 90er-Jahren zuversichtlich stimmten, sei längst „nicht alles glatt abgelaufen“, räumt die OECD ein, und es sei wichtig, aus vergangenen Fehlern zu lernen. Notwendig sei es vor allem, sofort Hilfe zur Integration zu leisten und berufliche Fähigkeiten weiter zu entwickeln. Ebenso wichtig sei es, sich um die Frauen unter den Flüchtlingen zu kümmern.

Der am Dienstag von OECD-Generalsekretär Angel Gurría vorgestellte Bericht ist der 39. seiner Art. Die Routine und Distanz sowie die breiten internationalen Vergleichsmöglichkeiten, die damit einhergehen, nehmen viel von der Hektik und Aufregung heraus, die in Europa die aktuelle Debatte bestimmen. So erinnert die OECD an ein paar Erfahrungen, die gegenwärtig oft untergehen: „Es sind nicht die Ärmsten der Armen, die zu uns kommen“. Vielmehr seien die Migranten besser gebildet als der Durchschnitt der Bevölkerung ihrer Herkunftsländer.

Kommentare (103)

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Herr W. Dilling

22.09.2015, 11:52 Uhr

Es werden auch eher 1.000.000 Flüchtlinge sein, gestern habe ich sogar erstmalig die Zahl 1.200.000 gehört, die genannten 800.000 sind also nicht mehr aktuell.

Herr Tom Schmidt

22.09.2015, 11:53 Uhr

Würde ganz gerne den Bericht der OECD über Bürgerkriege, deren Ursache und deren Lösung lesen. Eine Verbindung zwischen beiden Themen verbietet dann wohl die Diplomatie. Ach ja noch was... was nach OECD-Standard ein Studium ist, entspricht nach deutschem Standard wohl nicht im Ansatz einem Lehrberuf (darum hat Deutschland ja eine so schlechte Akademikerquote und damit ein soooo niedriges Bildungsniveau. Da wird es Zeit, dass Einwanderungswellen mit 60 % Analphabeten, endlich die tristen Zustände hier ändern!!!! Danke liebe OECD!

Herr Hans Mayer

22.09.2015, 11:54 Uhr

Natürlich helfen Mauern und Zäune, auch die Politik der Australier, Neuseeländer, Kanadas und der USA.,
Mein großer Dank gilt den Ungarn und ihrem Präsidenten, da können sich unsere Politikdarsteller mal ne Scheibe abschneiden.
Sieht man sich die CSU an , so bekommt man den Eindruck, das AfD doch hilft.
Die Unruhe an dern Fr4sströgen der Altparteien wird jede Woche größer, noch 3-4 Monate weiter so, und es wird ein Fest für die AfD werden.

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