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18.02.2016

11:21 Uhr

OECD warnt vor weltweiter Wachstumsschwäche

Globale Angst

VonDonata Riedel

Bei Konjunkturexperten wächst die Sorge um die Weltwirtschaft. Die Industrieländer-Organisation OECD hat heute ihre Wachstumsprognose deutlich gesenkt. Vor allem zwei Länder sind massiv betroffen.

Die OECD senkt ihre Wachstumsprognose. Imago

Der Globus unter Druck

Die OECD senkt ihre Wachstumsprognose.

BerlinIm November waren die OECD-Konjunkturexperten noch verhalten positiv gestimmt: Ähnlich wie die Bundesregierung, die 1,7 Prozent Wirtschaftswachstum erwartet, trauten sie Deutschland ein Plus von 1,8 Prozent zu. Die USA würden mit 2,5 Prozent zur Wachstumslokomotive der Weltkonjunktur. Über den Winter jedoch hat Tristesse in den Pariser OECD-Büros eingesetzt: Nur noch 1,3 Prozent Wachstum trauen die Ökonomen Deutschland noch zu, und den USA nur noch 2,0 Prozent.

Innerhalb von vier Monaten ist das eine erstaunlich deutliche Korrektur uns Negative. Die bekannten weltweiten Risiken – Ölpreisverfall, schwächelnde Schwellenländer, weniger Nachfrage aus China – bremsen in allen Industrieländern das Wachstum stärker als noch im Herbst erwartet.

Die Verlierer der Weltwirtschaft

Großbritannien

2014: 2,435 ; 2030: 3,586 ; 2050: 5,744 (BIP in Milliarden US-Dollar, gewichtet nach Kaufkraftparität in Dollar)

Zwar wird Großbritannien auch 2030 noch im Ranking der Top-Volkswirtschaften mit Platz zehn in der Top Ten sein. Doch 2050 sieht das anders aus: Rang elf.

Italien

2014: 2,066 ; 2030: 2,591 ; 2050: 3,617 (BIP in Milliarden US-Dollar, gewichtet nach Kaufkraftparität in Dollar)

Italien wird in 35 Jahren auf Rang 18 zurückfallen. Die Prognose zeigt deutlich, dass Europa im weltweiten Vergleich weiter an wirtschaftlichem Gewicht verliert.

Und als neues Risiko sind Finanzmarktturbulenzen hinzugekommen: Der Einbruch an den Weltaktienmärkten um neun Prozent in den ersten sechs Wochen des Jahres führten zu neuer Marktunsicherheit. Vor allem europäische Finanzinstitute seien geschwächt und würden im Fall eines sich noch weiter abkühlenden Wachstums zusätzlich unter Druck geraten.

Die Weltwirtschaft insgesamt wird demnach mit 3,0 Prozent genauso schwach wachsen wie im Jahr 2015, erwartet die OECD nun anstelle der im November prognostizierten 3,3 Prozent. „Diese Weltwachstumsrate ist die niedrigste in den vergangenen fünf Jahren, und sie liegt deutlich unter dem langfristigen Durchschnitt“, so die Analyse. Und weil überall das Wachstum schwach ist, geht auch das Welthandelswachstum zurück auf zwei Prozent – die niedrigste Rate seit dem Rezessionsjahr 2009.

Wie die Anschläge von Paris die Konjunktur beeinflussen

Tourismus

Die Flugbuchungen in die französische Hauptstadt sind um mehr als ein Viertel zurückgegangen. In den Tagen nach den Anschlägen habe es im Vergleich zum Vorjahreszeitraum ein Minus von 27 Prozent gegeben, erklärt das Unternehmen ForwardKeys. Es wertet nach eigenen Angaben täglich die Daten von 14 Millionen Reservierungen aus. Sowohl Privatleute als auch Geschäftsreisende machen demnach einen Bogen um Paris. Frankreich ist das meistbesuchte Land der Welt. Nach Paris kamen im vergangenen Jahr 32,2 Millionen Besucher. Der französische Hotelier Accor und die Fluggesellschaft Air France-KLM verzeichneten an der Börse teils starke Kursrückgänge.

Dämpfer für Dienstleister

Hier hat sich die Stimmung in Frankreich merklich eingetrübt: Der Einkaufsmanagerindex für den Service-Sektor fiel im November um 1,4 auf 51,3 Punkte und signalisiert damit nur noch ein geringes Wachstum. Das fand das Markit-Institut bei seiner Unternehmensumfrage heraus. „Der Hauptgrund dafür sind die Anschläge“, sagt Markit-Chefvolkswirt Chris Williamson. „Aber die Erfahrung lehrt, dass solche Ereignisse nur einen kurzzeitigen Einfluss haben.“ Gut 60 Prozent der Antworten der Manager gingen nach den Anschlägen ein.

Unberührte Konjunktur

Anders als in Frankreich zeigen die jüngsten Indikatoren der anderen großen Euro-Länder Deutschland, Italien und Spanien nach oben. Die Stimmung in den Chefetagen deutscher Unternehmen etwa ist derzeit so gut wie seit anderthalb Jahren nicht mehr. „Die deutsche Wirtschaft zeigt sich von der zunehmenden weltweiten Unsicherheit unbeeindruckt“, betont Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn zur Umfrage seines Instituts unter 7000 Managern. „Nicht einmal die Anschläge von Paris haben sich in den Daten negativ bemerkbar gemacht.“

Erholte Aktienmärkte

Der Pariser Leitindex brach am ersten Handelstag nach den Anschlägen zunächst ein, machte seine Verluste aber rasch wieder wett. Inzwischen liegt das Barometer höher als davor. Ähnlich sieht es in Deutschland aus: Der Dax hat seit dem 13. November rund sechs Prozent zugelegt. Ein Treiber dafür ist die Aussicht auf eine weitere Lockerung der EZB-Geldpolitik. Der weltgrößte Vermögensverwalter Blackrock rechnet im Falle neuer Anschläge wie in Paris allerdings mit Verwerfungen. „Sollte es in den kommenden Wochen weitere Angriffe dieser Art geben, dürfte die Börse beim nächsten Mal heftig reagieren“, warnt Deutschland-Chef Christian Staub.

Mehr Staatsschulden

Frankreich wird nach Worten von Regierungschef Manuel Valls wegen steigender Ausgaben für die Sicherheit das EU-Ziel für das Staatsdefizit verfehlen. Die Vorgaben würden auf keinen Fall eingehalten, da man nicht an anderer Stelle sparen werde, sagt Valls. Die EU-Kommission müsse verstehen, dass „dies ein Kampf ist, der Frankreich betrifft und auch Europa“, betont Valls mit Blick auf das Vorgehen gegen die Extremistenmiliz IS. Die Regierung will rund Zehntausend zusätzliche Polizisten und Sicherheitskräfte einstellen. Der Haushaltsentwurf für 2016 sieht bislang vor, dass Frankreichs Defizit auf 3,3 Prozent sinkt von 3,8 Prozent 2015. Die Obergrenze in der EU für neue Schulden im Verhältnis zur Wirtschaftskraft liegt bei drei Prozent.

Verbraucher

Das Konsumklima in Frankreich blieb im November stabil. Allerdings: 93 Prozent der befragten Franzosen antworteten bereits vor den Anschlägen, weshalb es erst im Dezember ein genaueres Bild geben dürfte – ebenso in Deutschland. Die Angst vor Anschlägen kann Experten zufolge das gerade begonnene Weihnachtsgeschäft im Einzelhandel beeinträchtigen. „Es ist vorstellbar, dass sich dies auf die Konsumstimmung niederschlägt“, sagt Rolf Bürkl von der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK). „Es ist möglich, dass der eine oder andere die Innenstädte oder Weihnachtsmärkte meidet.“ Davon könne dann aber der Online-Handel profitieren. Auch die deutschen Einzelhändler sind besorgt. „Das alles lässt uns nicht unberührt“, sagt der Präsident des Branchenverbandes HDE, Josef Sanktjohanser.

Von den Regierungen der größten 20 Industrie- und Schwellenländern verlangt die OECD, gemeinsam gegen die Weltwachstumsschwäche vorzugehen: Starke Volkswirtschaften – Deutschland wird zwar nicht genannt, ist aber mitgemeint – sollten die Niedrigzinsphase nutzen, um mit neuen Schulden Investitionen anzukurbeln.

In der Euro-Zone müsse der Juncker-Investitionsplan schneller umgesetzt werden. Gleichzeitig sollen Strukturreformen an den Arbeitsmärkten und in den Rentensystemen Europas und der Schwellenländer beherzt fortgesetzt werden: Der Elan dafür sei zu sehr geschwunden, mahnen die Ökonomen.

Gerade in Europa sei mehr Zusammenhalt gefragt, um externe Risiken, wie die Flüchtlingskrise und das Terrorismusrisiko besser in den Griff zu bekommen. Die Notenbanken sollten unbedingt die ultralockere Geldpolitik beibehalten. Denn schon jetzt belaste die Zinsanhebung der US-Notenbank FED die Schwellenländer, weil Kapital aus ihnen in die USA abgeflossen ist.

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