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17.02.2015

22:59 Uhr

Ökonom Polleit zur Griechenland-Krise

Ohne Schuldenschnitt keine Einigung mit Athen

VonDietmar Neuerer

ExklusivGriechenland erwägt nun offenbar doch, eine Verlängerung des laufenden Hilfspakets zu beantragen. Der Ökonom Polleit sieht dann Spielraum, um über einen Schuldenerlass zu verhandeln.

Gibt es Spielraum, um über einen Schuldenerlass zu verhandeln? Der Ökonom Polleit sieht Möglichkeiten. ap

Wolken über Griechenland

Gibt es Spielraum, um über einen Schuldenerlass zu verhandeln? Der Ökonom Polleit sieht Möglichkeiten.

BayreuthDer Ökonom Thorsten Polleit hält eine Einigung im Schuldenstreit zwischen Griechenland und der EU nur dann für möglich, wenn die Geldgeber zu Zugeständnissen an die Regierung in Athen bereit sind. "Eine Einigung zwischen den Griechen und der EU könnte beispielsweise darin bestehen, das Hilfsprogramm zunächst zu verlängern, gleichzeitig aber zu vereinbaren, die bisherigen Bedingungen des Programms neu zu verhandeln", sagte der Honorarprofessor an der Universität Bayreuth und Chefvolkswirt der Degussa Goldhandel GmbH dem Handelsblatt (Online-Ausgabe). "Das gibt Zeit – und könnte den Weg zu einem Schuldenschnitt für Griechenland eröffnen."

Polleit erinnerte daran, dass Griechenland überschuldet sei. "Es kann die Kredite, die es aufgenommen hat, nicht mehr in Gänze zurückzahlen." Um einen Schuldenschnitt werde man daher nicht umhinkommen.

Zahlen und Fakten zum griechischen Schuldendrama

Zwei Rettungspakete

Ausgezahlt wurden bis Anfang Februar: aus dem ersten Paket bilaterale Kredite der Europartner über 53 Milliarden Euro, aus dem zweiten Paket 141 Milliarden Euro.

Schuldenberg

Trotz eines Schuldenschnitts 2012 umfasste er nach zuletzt verfügbaren Zahlen immer noch rund 315 Milliarden Euro. Gemessen am Bruttoinlandsprodukt sollen die Schulden von bislang über 170 Prozent bis auf 112 Prozent im Jahr 2022 gedrückt werden.

Laufzeiten

Die Hilfskredite unter dem Euro-Rettungsschirm EFSF haben jetzt schon eine durchschnittliche Laufzeit von rund 32 Jahren. Die ohnehin niedrigen Zinsen werden erst von 2022 an fällig. Auch die Tilgung beginnt beim EFSF erst 2022.

Verlängerung

Das laufende Kredithilfsprogramm der Europäer wurde bereits bis Ende Februar verlängert. Eine weitere Verlängerung müsste von Athen beantragt werden. Parlamente einiger Staaten müssten aber zustimmen. Es stehen im Programm noch 1,8 Milliarden Euro bereit.

Weitere Hilfen

Eine angedachte vorbeugende Kreditlinie von rund 11 Milliarden Euro soll es bislang nur dann geben, wenn das laufende Rettungsprogramm abgeschlossen ist, also die Spar- und Reformauflagen erfüllt werden. Seit kurzem dürfen griechische Banken keine Staatsanleihen des Landes mehr als Sicherheiten für Geld der Europäischen Zentralbank (EZB) hinterlegen. Vorerst bekommen die Banken noch Notkredite (ELA) der griechischen Notenbank. Dem Vernehmen nach hat der EZB-Rat bislang ein ELA-Volumen von bis zu 65 Milliarden Euro bewilligt.

Polleit unterstrich jedoch auch, dass die Griechen Reformen und Einsparungen bei staatlichen Ausgaben nicht ausweichen könnten, egal ob das Land im Euro-Raum verbleibe oder nicht. "Allerdings könnten die Reformen, wenn sie mit einem Teilschuldenerlass verbunden werden, politisch durchsetzbar und vertretbar sein für die griechische Regierung", sagte der Ökonom. "Einsparungen und Privatisierungserlöse würden dann nämlich nicht an die Auslandsgläubiger ausgezahlt, sondern würden den griechischen Bürgern zugutekommen."

Andererseits müssten sich dann die Euro-Steuerbürger auf Verluste einstellen. "Denn dann wird für alle unübersehbar, dass die Kredite, die ihre Regierungen auf Kosten der Steuerzahler an Griechenland vergeben haben, zum großen Teil uneinbringlich sind", so Polleit.

Die Wahrscheinlichkeit, dass Griechenland aus dem Euro austritt, schätzt Polleit als "recht gering" ein. "Ein Austritt aus dem Euro, verbunden mit einem Schuldenschnitt, wäre zwar für die Griechen die beste Option", sagte der Ökonom. "Jedoch wird sie von den Euro-Befürwortern wohl als politisch nicht akzeptabel angesehen."

Griechenland erwägt derweil nun offenbar doch, eine Verlängerung des laufenden Hilfspakets zu beantragen. Das berichten mehrere Medien unter Berufung auf Mitglieder der Regierung in Athen. Die Verlängerung um sechs Monate solle bereits morgen beantragt werden. Offen blieb zunächst, ob Athen die bisher vereinbarten Auflagen der internationalen Geldgeber akzeptiert.

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) rief die griechische Regierung auf, verlässliche und belastbare Vorschläge zu machen. Alles Andere mache keinen Sinn, sagte er im ARD-Fernsehen. Griechenland müsse entweder den bisherigen Weg fortsetzen oder einen besseren Weg aufzeigen, wie es wieder auf die Beine kommen könne.

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